Queerdenker: Leben und lieben ohne Schubladen

Lieb‘ doch wen du willst: Die Queerdenker bieten queeren Jugendlichen einen Ort, um sich zu treffen und auszutauschen. Die Initiative will außerdem aufklären und mit allen reden, die von „gendergaga“ sprechen.

Stuttgart – Das Gefühl nicht richtig dazuzugehören, irgendwie anders zu sein, kann schmerzhaft sein. Vor allem in einem Alter, in dem Dazugehören noch so wichtig ist. Für all jene wollen die Queerdenker einen Ort schaffen, an dem sie Gleichgesinnte treffen, sich austauschen können – und irgendwann lernen, stolz auf das zu sein, was sie sind.

Queerdenker: Ort für junge queere Menschen

Queerdenker
Ida Liliom (links) und Alisha Principe gehören zu den Gründungsmitgliedern.

Die Idee, die Queerdenker zu gründen, ist im Jahr 2017 entstanden. Aus einem ganz bestimmten Grund heraus: weil ein offener, bunter Ort für queere, junge Menschen in Stuttgart gefehlt hat. Alisha Principe und Ida Liliom sind von Anfang an dabei. „Wir haben uns damals umgeschaut und gemerkt, dass etwas fehlt“, sagt die 22-jährige Ida. Danach haben sie Interessierte zusammengetrommelt, gebrainstormed und das Konzept für die Queerdenker entwickelt.

Die beiden sind stolz darauf, was sich seither alles getan hat. Die Gruppe trifft sich inzwischen immer am letzten Sonntag des Monats im Café Ratz in Untertürkheim. Die meisten sind zwischen 13 und 25 Jahre alt. Es wird über queere Themen gesprochen, es gibt Vorträge, Diskussionsrunden, aber auch einfach mal Bad-Taste- oder Halloweenpartys.

Queer wird von Menschen verwendet, die ihr Geschlecht oder ihre Orientierung keiner bestimmten Kategorie zuordnen wollen.

Die Treffen der Queerdenker richten sich nicht nur an Menschen aus der LSBTTIQ+-Community, sondern auch an Leute, die sich noch nicht ganz sicher sind oder sich einfach für das Thema interessieren und gerne etwas mehr darüber erfahren möchten. An solche, die über sich selber klar werden möchten und auf der Suche sind. Keiner muss sich ausweisen, über Gender oder seine Sexualität sprechen. Aber wer das möchte, findet dort den Ort dafür.

Was bedeutet überhaupt queer? Das Projekt 100 Prozent Mensch definiert es so: „Queer bedeutet so viel wie ‚keine Schublade’ und steht für die Abweichung von der heterosexuellen und cisgeschlechtlichen gesellschaftlichen Norm. Als Sammelbegriff umfasst queer alle Untergruppen der LSBTTIQ+-Community, ohne einzelne hervorzuheben, auszuschließen oder zu labeln. Als Selbstbezeichnung wird queer häufig von Menschen verwendet, die ihr Geschlecht oder ihre Orientierung keiner bestimmten Kategorie zuordnen wollen.“

In diesem Jahr haben die Queerdenker den Bürgerpreis von der Bürgerstiftung Stuttgart verliehen bekommen. Einen Preis, der herausragendes, ehrenamtliches Engagement auszeichnet. Zu diesem Zweck ist auch ein kurzer Clip gedreht worden, der die Arbeit der Initiative vorstellt. „Es gibt Menschen wie uns und wir können glücklich sein, so wie wir sind. Und allein das zu sehen und sich auszutauschen mit Gleichgesinnten, kann unglaublich mächtig sein und einen so viel glücklicher machen im Leben“, heißt es am Ende des Films.

Die Queerdenker sehen sich als Anlaufstelle und Treffpunkt – sind aber keine psychologische Beratung. „Manche haben Traumata oder befinden sich in einer akuten Bedrohungssituation“, sagt die 21-Jährige Alisha. Diese finden bei den Queerdenkern eine erste Anlaufstelle und werden dann an andere Stellen vermittelt. „Wir selbst sind dafür nicht qualifiziert und möchten kein Risiko eingehen“, sagt Ida. Unter anderem arbeiten die Queerdenker etwa mit der Regenbogenbildung zusammen.

Die Gemeinschaft der Initiative ist das eine, die politische Aufklärungsarbeit die andere Seite. Die Treffen der Queerdenker im Café Ratz sollen unpolitisch sein – was nicht bedeutet, dass die Gruppe an sich unpolitisch agieren würde. Im Gegenteil. Ida und Alisha sind mit den Queerdenkern beim CSD dabei, bei Demonstrationen, beim Transgender Day und zahlreichen anderen Veranstaltungen, die Gelegenheit bieten, die Stimme zu erheben: „Wir möchten die Vertreter der queeren Jugend sein.“

Raus aus der Comfort Zone

Im Sommer hat die Gruppe ihr zweites eigenes Festival auf die Beine gestellt. An zwei Tagen im September bespielten sie den Österreichischen Platz, die VHS am Rotebühlplatz und die Weissenburg mit Workshops, Vorträgen, Aktionen, Filmen und mehr. Das Festival wurde vom Sozialministerium unterstützt.

Raus zu gehen, raus aus dem Café Ratz und aus der Comfort Zone ist den beiden Mitgründerinnen wichtig. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht nur in unserer Blase bewegen“, sagt Ida. Denn auch wenn in einer Großstadt wie Stuttgart die Akzeptanz größer ist als anderswo, treffen sie auch hier auf Unverständnis – und genau diese Menschen möchten sie erreichen. „Es gibt immer mehr Menschen, die aufgeklärt sind. Aber auch immer mehr Menschen, die radikal sind und etwa von ‚gendergaga’ sprechen“, sagt Ida.

Für Aufklärung sorge der starke Feminismus, für die andere Seite Parteien wie die AfD und alljene, die vor allem im Netz Falschmeldungen und Ängste verbreiten. Von Rückschritt möchten die beiden aber nicht sprechen, alle über einen Kamm scheren erst recht nicht. „Das ist etwas Neues, das da entsteht und die Vielfalt bedroht“, sagt Ida. „Wir möchten nicht alle ‚Nazis‘ nennen und in eine Schublade stecken. Wir müssen die Ängste ernst nehmen, Bilden, Aufklären und Verständnis zeigen.“ Positiv auf Menschen zugehen, die negativ auf sie reagieren.

Es würde noch lange dauern bis man solche Gruppen wie die Queerdenker nicht mehr brauche, sind sich die beiden sicher. „So weit sind wir noch lange nicht“, sagt Alisha. Doch sie arbeiten an einer Verbesserung der Situation.

Apropos Utopien: Wenn die beiden von der Zukunft träumen, dann sehen sie, vielleicht in zehn Jahren, ein ganzes Haus für die Queerdenker. „Einen Kulturort, an dem sich queere Menschen treffen und bei Bedarf Hilfe bekommen – das wäre unser Traum.“

Das nächste Treffen ist am 24.11. im Café Ratz, Margaretenstraße 67, mehr Infos zu den Queerdenkern >>>

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