Prüfungsangst: „Ich kam mir so verloren vor“

Blackout. Der Kopf ist leer, das Blatt immer noch weiß. Die Uhr tickt. Prüfungsangst macht vielen Studenten das Leben schwer. Auch Marie* hatte Panik. Stadtkind erzählt sie, wie sie heute damit umgeht.

Stuttgart – Wenn Marie* heute an ihr altes Studium denkt, wird ihr immer noch schwindelig: „Die Klausursituationen waren am schlimmsten: Das war so ein Druck, der auf mir lastete. Einmal bin ich sogar kollabiert.“ In der Schule hatte sie nie Probleme mit Prüfungen. Im Studium wird der Leistungsdruck aber größer, ständig flößen ihre Professoren den Studenten das Gefühl ein, schlecht zu sein. Dann kommt die erste Klausur. Marie fällt durch. Seitdem hat sie Prüfungsangst.

Jeder reagiert anders

Prüfungsangst ist seit 32 Jahren eines der Hauptthemen in den Sitzungen von Dr. Petra Kucher-Sturm. So lange arbeitet sie schon zusammen mit ihrem Mann in der psychologischen Beratung des Studierendenwerks Stuttgart. In dieser Zeit hat sie die Erfahrung gemacht, dass es die eine Prüfungsangst nicht gibt: „Jeder Mensch reagiert anders auf Stress. Der eine hat Kopfschmerzen, die andere hat Magenschmerzen. Es gibt keine spezifischen Angstsymptome, die bei jedem auftreten.“ Prüfungen seien für viele unsichere Situationen. „Man weiß eben nicht, was auf einen zukommt.“ Das löse bei Menschen Angst aus, so die Diplom-Psychologin.

Für Marie war lange Zeit das Studium schuld. Sie schob die Angst und damit auch ihre Prüfungen jahrelang vor sich her. Dann entschied sie sich, den Studiengang zu wechseln. „Ich dachte, damit wäre mein Problem gelöst.“ Mit der ersten Klausur im neuen Studium kam die Angst zurück. Marie hat einen Blackout: „Ich nahm alles um mich herum ganz intensiv wahr – jedes Rascheln, jedes Husten, wie im Film. Ich kam mir total verloren vor.“ Obwohl sie viel gelernt hat, fällt die Studentin auch in dieser Prüfung durch.

„Man denkt: Stress hat doch jeder“

Maries Professor empfiehlt ihr, sich Hilfe zu suchen. Dass sie ein Problem hat, ist ihr gar nicht wirklich bewusst: „Man denkt ja, dass es allen so geht. Es hat doch jeder Stress im Studium.“ In der psychologischen Beratung an ihrer Hochschule lernt Marie, ihre Ängste aufzuarbeiten. Das Reden hilft. Sie hält sich außerdem an Dingen fest, die ihr Sicherheit geben, schaut sich vor der Klausur im Prüfungsraum um, setzt sich neben Kommilitonen, die sie kennt.

Sicherheit schaffen hält auch Petra Kucher-Sturm für wichtig: „Üben spielt eine große Rolle. Was man eingeübt hat, ist stressresistenter. Das können wir leichter abrufen.“ Deswegen solle man vor Prüfungen auch die einfachen Themen gut lernen, um bei ihnen besonders sicher zu sein. Auch ganz verschiedene Entspannungstechniken können helfen, die Angst in den Griff zu bekommen. Grundsätzlich sei aber jeder Student anders, sagt die Diplom-Psychologin: „Ferndiagnosen sind schwierig. Besser setzt man sich zusammen und ich schaue, mit welchen Methoden wir arbeiten können.“

„Viele schämen sich“

Marie hat es mittlerweile gut unter Kontrolle: „Ich habe meine Methoden, die mir helfen, besser damit umzugehen.“ Ganz verschwunden ist die Angst aber nicht. Petra Kucher-Sturm sieht darin aber auch nicht das Ziel: „Ein gewisses Maß an Anspannung brauchen wir, um auf Betriebstemperatur zu kommen.“

700 Studenten betreut die psychologische Beratung des Studierendenwerks Stuttgart im Jahr. Nicht immer geht es um Prüfungsangst, aber wie viele Studenten in Stuttgart tatsächlich darunter leiden, kann Kucher-Sturm nicht einschätzen. Sie kennt nur die Menschen, die zu ihr kommen. Studentin Marie hat das Gefühl, dass das Problem größer sein könnte: „Viele reden einfach nicht darüber, weil sie sich schämen.“

Aussitzen ist keine Lösung

Petra Kucher-Sturm macht unterschiedliche Erfahrungen: „Die einen reden sehr offen darüber, andere nicht. Es fällt niemandem leicht, über seine Probleme zu reden.“ Einfach abzuwarten, bis es sich nicht mehr unangenehm anfühlt, sei aber keine Lösung: „Das bringt einen einfach nicht weiter.“

*Name von der Redaktion geändert

Die psychotherapeutische Beratung des Studierendenwerks Stuttgart hilft dir, wenn du dich durch persönliche oder zwischenmenschliche Probleme belastet fühlst. Durch ein oder auch mehrere Gespräche erhältst du Anstöße für Veränderungen, Hilfe zur Selbsthilfe und Informationen über Therapiemöglichkeiten oder weiterführende Anlaufstellen. Die Beratungen sind kostenfrei und absolut vertraulich – die Psychologen unterliegen der Schweigepflicht. Die Beratung steht allen Studenten zur Verfügung, für deren Hochschule oder Universität das Studierendenwerk Stuttgart zuständig ist.

One thought

  1. Vielen Dank für diesen sehr lesenswerten Beitrag. Die Erfahrung, dass a) jeder Mensch anders auf Prüfungsangst reagiert (bzw. mit anderen Symptomen) und b) viele sich dafür schämen, habe ich auch gemacht.

    Ich biete einen Online-Kurs an (keine Angst, es soll keine Schleichwerbung kommen, will nur den Hintergrund abstecken), der auf eine bestimmte Prüfung vorbereitet (Ausbilderschein). Diese besteht aus einer schriftlichen und mündlichen Prüfung. Bei mehreren hundert Menschen, die ich dabei pro Jahr betreue, war ich anfangs noch überrascht, wie oft ich mit dem Thema „Prüfungsangst“ konfrontiert worden bin, mit dem ich selbst bis dato keinerlei Berührungspunkte hatte (kenne ich von mir nicht). Und im Laufe der Zeit habe ich einen Abschnitt über Prüfungsangst sogar in meinen Kurs mitaufgenommen, woraufhin sich noch mehr Menschen geöffnet haben, die zuvor geschwiegen haben.

    Interessant dabei finde ich den folgenden Punkt: Prüfungsangst kann – sofern jemand aus der oben genannten Kategorie a) nicht gerade mit völligen Blackouts reagiert, sondern noch Gefühle im Bereich der gesteigerten Nervosität hat – duchaus auch als erwünschter Begleiter aufgefasst werden. Und das hilft meiner Erfahrung nach vielen Menschen, bei denen die Symptome zwar unangenehm, aber immer noch überschaubar geblieben sind, beim Umdenken.
    => Denn: neurologische Studien haben gezeigt, dass unser System bei Prüfungsangst in eine Art Notfallprogramm schaltet, denn die Angst ist evolutionsbiologisch betrachtet eine Gefahr für uns, weshalb unser Notfallsystem nun das „Überleben“ sichern will. Das bedeutet im Fall der Prüfungssituation, dass alle Ressourcen abgeschöpft werden, die das „Bestehen“ sichern. Hirnstudien beweisen, dass im Fall von Prüfungsangst (im Sinne von Lampenbfieber) um Welten bessere Konzentrationsleistungen erbracht werden können. Kurzum: wer nervös ist und dabei so viel Stress empfindet, dass der Körper in diesen Notfallmodus schaltet, aber eben noch nicht zu viel Stress, dass es zu einer „Angststarre“ wird, der kann sich erwiesenermaßen viel besser konzentrieren und Gelerntes viel akurater abrufen als jemand, der gar nichts empfindet bei der Prüfung.

    Vielleicht mag es dem einen oder anderen ja helfen. Ansonsten habe ich in einem Blogbeitrag für betroffene Kursteilnehmer von mir auch ein paar Sofortmaßnahmen gesammelt, mit denen die Prüfungsangst zumindest etwas heruntergefahren werden kann. Wer Lust hat, das mal zu lesen, kann mich ja hier: https://ausbilderschein24.de/ausbildereignungspruefung-pruefungsangst/ mal besuchen.

    Viele Grüße
    Dennis

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