Prostituierte sind keine Menschen zweiter Klasse

Traurig, dass es einen Tag gegen Gewalt an Sexarbeiterinnen geben muss, findet Stadtkind-Autor Peter Buchholtz. Doch die Zustände im Rotlicht sprechen dafür. Ein Kommentar.

Stuttgart – Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, wie sicher Sexarbeiterinnen in Deutschland sind, schaut einfach mal ins Prostituiertenschutzgesetz. Das wurde im Vorjahr vom Gesetzgeber verabschiedet: „Insbesondere muss in Prostitutionsstätten mindestens gewährleistet sein, dass die einzelnen für sexuelle Dienstleistungen genutzten Räume über ein sachgerechtes Notrufsystem verfügen“, steht da im Paragraph 18.

30 Euro, ohne Gummi, anal, alles.

Ein Notfallknopf neben dem Bett. Klar, falls mal die Papiertücher ausgehen, denkt sich der derjenige, der Prostitution Ende 2018, fast 2019, immer noch stur romantisiert und beschönigt. Ein Witz auf Kosten derer, die auf Notfallknöpfe angewiesen sind in den Puffs in diesem Land, Paradise, Artemis, Pascha und wie sie alle heißen.

Lustig ist das nicht. Wenn Menschen sonst unter lagerähnlichen Bedingungen gehalten und misshandelt werden, versteht auch der letzte Ignorant für gewöhnlich, dass Späße da unangebracht sind. Nur bei Puffs und Nutten, da macht man gerne mal eine Ausnahme.

Prostituierte werden behandelt wie Menschen zweiter Klasse. Als seien sie dazu vorbestimmt, sich anderen anzubieten; sich dem meist männlichen Willen hinzugeben. 30 Euro, ohne Gummi, anal, alles. Klar, die Mutter oder Schwester würde man niemals so behandeln, geschweige denn es zulassen, dass jemand anderes so mit ihnen umgeht. Aber wie gesagt: Huren = Frauen zweiter Klasse.

Schläge gegen den Kopf, damit es keine blauen Flecken gibt

Jetzt haben sie ja sogar das Recht auf einen Notfallknopf. Nur blöd, wenn sich der Freier benimmt, der Zuhälter aber nicht. Dass auch das keine Ausnahme ist, erleben die Zuschauer im Paradise-Prozess am Stuttgarter Landgericht. Anschaffen oder Schläge auf den Kopf lautete da die Devise. Damit die Freier auch ja keine blauen Flecken an ihren „Liebesdienerinnen“ entdecken, wie die notorischen Verharmloser die Zwangsprostituierten gerne nennen. Für den Fall der Fälle wird dann noch der Name des Zuhälters in die Haut der Prostituierten tätowiert. Dann sind wenigstens die Besitzverhältnisse geklärt.

Einfach mal die Zahl an Frauen- und Männerhäusern in Deutschland vergleichen

Wer an dieser Stelle noch nicht verstanden hat, warum es einen internationalen Tag gegen Gewalt an Sexarbeiterinnen gibt, hat wahrscheinlich einmal ein Räucherstäbchen zu viel angezündet. Ja, das Thema betrifft nicht nur Frauen, sondern auch Trans- und Intersexuelle. Und in geringer Anzahl bestimmt auch Männer. Der Großteil der Sexarbeiter bleibt aber weiblich, und die Gewalt gegenüber Frauen ist nicht nur im Rotlicht weitaus häufiger verbreitet, sondern durch alle Branchen und Gesellschaftsschichten hindurch. Wer das nicht glaubt, kann gerne mal alle Frauenhäuser und Männerhäuser in Deutschland zählen und die Ergebnisse danach gegenüberstellen.

Nicht nur gedemütigt und misshandelt, sondern auch noch stigmatisiert

Trotzdem leiden besonders die Frauen im Rotlichtgewerbe, weil sie nicht nur von Freiern, Zuhältern und Bordellbetreibern schikaniert, gedemütigt und misshandelt, sondern auch vom Rest der Gesellschaft stigmatisiert werden. Frauen zweiter Klasse. Wo sich gleichzeitig auch noch der medial vermittelte Eindruck in den Köpfen hält, Prostitution sei gut und schnell verdientes Geld à la „Pretty Woman“. Dass so etwas existiert, heißt nicht, dass es die Regel ist. Die Regel sieht anders aus. Das weiß jeder, der einmal mit offenen Augen und ohne rosarote Brille durch die Rotlichtviertel deutscher Städte läuft. Mit Glamour hat das wenig zu tun.

Filmtipp: The Price of Sex

Wer stigmatisiert, wer romantisiert und wer die Zustände ignoriert, der lässt das Leid und die Gewalt zu. Hinzusehen und dabei an die Frauen zu denken, die man liebt, ist vielleicht nicht leicht. Aber ein Anfang, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

Mehr über das System der Ausbeutung von Frauen in europäischen und weltweiten Metropolen erfahrt ihr in dem Dokumentarfilm „The Price of Sex“. Darin wird gezeigt, wie Frauen aus Osteuropa in die Prostitution getrieben werden und unter welchen menschenunwürdigen Zuständen sie sich häufig verkaufen müssen.

(Titelbild: Unsplash/Sara Rolin)

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