Project Justus: Zwei Stuttgarter Aussteiger erzählen

Vor exakt einem Jahr haben wir erstmals über die Stuttgarter Aussteiger Jana Evers und Mark Schulze berichtet. Höchste Zeit für eine Fortsetzung: Wie ist es den beiden und ihrem alten VW-Bus seither ergangen?

Stuttgart – Als wir Jana Evers und Mark Schulze das letzte Mal in Stuttgart trafen, stand der große Augenblick kurz bevor. Jobs und Wohnung waren gekündigt, der Hausrat verkauft oder verlagert, die Freunde verabschiedet. Auf und davon hieß es kurz darauf für das Paar, es sollte ein Aufbruch ins Ungewisse sein, ins Abenteuer. Aber auch ein Aufbruch in eine neue berufliche Ära, denn die beiden wollten es fortan als rollende Grafikagentur versuchen.

Aufbruch ins Ungewisse

„Wir wollen selbst entscheiden, wann wir zurückkommen“, sagte uns Jana damals. Und zwölf Monate später steht eines fest: Sie haben noch keine Lust darauf! Höchste Zeit für das Stadtkind, mal bei den beiden anzuklopfen und zu fragen, wie es ihnen seither ergangen ist. Und da wir sie im sonnigen Griechenland erwischen, kann man zumindest davon ausgehen, dass es zumindest nicht ganz so mies ist…

Wie fühlte es sich an, loszufahren und Stuttgart zu verlassen?

Mark: Der Abschied passierte eher wie in Trance. Für unsere Eltern war es sehr schlimm und viele Tränen kullerten. Wir waren aber ehrlicherweise froh, nun endlich in unser großes Abenteuer zu starten. Wir hatten ja wirklich lange genug darauf hingearbeitet. Das Losfahren hat sich dann aber sehr normal angefühlt und es dauerte noch einige Zeit, bis wir das Ganze wirklich begriffen haben.

Hat es sich anfangs also eher wie Urlaub angefühlt?

Jana: Das sollte es auch, denn den ersten Monat hatten wir uns bewusst vorgenommen, nicht zu arbeiten. Nach der langen Vorbereitung wollten wir erst einmal entspannen. Wir sind fast jeden Tag gefahren und haben viele Dinge unternommen, doch als wir damit begannen, uns um die Arbeit zu kümmern und auch länger an Orten geblieben sind, kehrte langsam der Alltag ein.

Einsamkeit neu definiert.

Ohne Zeit, ohne Ziel

Wie sah eure bisherige Route aus? Und wie viel davon war geplant, wie viel impulsiv?

Mark: Wir sind über Dänemark nach Norwegen über Schweden bis ans Nordkap gefahren. Von dort ging es durch Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen wieder südwärts. Danach waren wir in der Ukraine, Moldawien, Rumänien, Bulgarien, der Türkei und jetzt in Griechenland. So richtig geplant war eigentlich nur die Strecke bis ans Nordkap. Danach hatten wir eigentlich nur noch eine grobe Route im Kopf und haben uns von Moment zu Moment leiten lassen. Es war zuerst ein wenig komisch, nicht zu wissen, wie die nächsten Schritte aussehen würden, doch es ist eine wunderbare Erfahrung, ohne wirkliches Ziel zu reisen und die Zeit zu vergessen.

Es sind die kleinen Momente, die am Schönsten sind

Die schönsten Momente aufzuzählen ist sicherlich so gut wie unmöglich. Versucht es doch trotzdem mal…

Jana: Ja, das ist wirklich schwer. Eigentlich sind es sogar meistens die kleinen, vermeintlich unspektakulären Momente, die die Schönsten sind. Abgesehen davon waren die Highlights sicherlich in Finnland wilde Rentiere im Sonnenuntergang zu sehen, in Norwegen bei strahlendem Sonnenschein am Nordkap anzukommen, 110 Kilometer auf dem Kungsleden in Schweden zu wandern, riesengroße Gastfreundschaft in Moldawien zu spüren, die verfallenen sowjetischen Gebäude in Estland zu sehen, die Dünen der Kurischen Nehrung herunter zu purzeln, die Karpaten in der Ukraine zu entdecken, das wilde Treiben inklusive der Gebetsrufe der Minarette in Istanbul zu spüren und hier in Griechenland eine Van-Community von bis zu sechs unterschiedlichen Vans zu finden und einen Monat zusammen zu reisen.

Heimat und Büro auf Rädern.

21.568 Kilometer der Sonne entgegen

Wie viele Kilometer habt ihr mittlerweile runtergerissen?

21.568 Kilometer, seit wir in Stuttgart losgefahren sind.

Ihr hattet ja von Anfang an den Plan, als rollende Agentur zu arbeiten. Wie klappt das?

Mark: Zurzeit klappt es sehr gut. Wir müssen gerade ziemlich viel arbeiten, im Vergleich zum Anfang der Reise. Das ist nicht immer wirklich einfach, wenn man an einem schönen Strand steht, die Sonne scheint und man dann auch noch nette Leute kennenlernt. Da ist eine ganze Menge Selbstdisziplin gefragt. Wir hätten gedacht, dass es einfacher ist, Reisen und Arbeiten miteinander zu verbinden. Aber das Reisen ist so intensiv, dass es uns oft schwerfällt uns an den Laptop zu setzen.

Habt ihr mal durchgerechnet, wie viel ihr zum Leben verdienen müsst oder braucht? Oder macht ihr das eher so „Pi mal Daumen“?

Jana: Mark ist unser Finanzminister und nimmt diese Position auch sehr ernst. Mithilfe einer App erfassen wir alle Einnahmen und Ausgaben. Im Durchschnitt haben wir zusammen ungefähr 1000 Euro pro Monat ausgegeben, plus unsere laufenden Kosten in Deutschland (Versicherungen, Verträge, Kfz-Steuer…). Dazu kamen noch rund 3000 Euro an Reparaturen. Unsere Einnahmen sind eher unregelmäßig und fallen unterschiedlich aus. Aber im Großen und Ganzen kommen wir sehr gut hin, weil wir vor der Reise auch noch etwas Geld angespart hatten.

Zweisamkeit an fremden Orten.

Auch Aussteiger mögen ein ordentliches Klo

Was fehlt euch am meisten, wenn ihr an euren festen Wohnsitz in Stuttgart zurückdenkt?

Jana: Ein vernünftiges Klo! (lacht) Ja, es sind die einfachen und vermeintlich kleinen Dinge, die einem erst fehlen, wenn man sie nicht mehr zur Verfügung hat.

Mark: Ganz ehrlich, für mich sind es nur die Momente mit meinen Freunden. Sonst habe ich alles, was ich brauche.

Und was fehlt euch so überhaupt gar nicht?

Jana: Die Arbeit, die Hektik des Stadtlebens, unsere Wohnung. Eigentlich vermisse ich, bis auf meine Freunde, gar nichts aus unserem alten Leben.

Mark: Das Arbeitsleben in einer Festanstellung mit all seinen typischen Strukturen und dem zu schnell anfallenden Stress.

Ein Hund namens Tofu

Derzeit seid ihr ja in Griechenland. Wie sieht euer Alltag als Aussteiger gerade aus?

Mark: Da wir schon seit über drei Monaten hier sind, fühlt es sich schon ziemlich heimisch an. Zurzeit reisen wir sehr langsam und auch viel mit anderen Leuten zusammen. Durch unseren neuen Hund Tofu dreht sich natürlich viel um ihn und unser Alltag verändert sich extrem. Wir hatten schon öfters Hunde um uns herum und spielten mit dem Gedanken, sie zu adoptieren. Am Ende zeigte sich aber, dass sie doch nicht richtig zu uns passten. Bei Tofu war es anders. Er kam eines Tages zu uns, legte sich vor unseren Van und wich ab dem Moment nicht mehr von unserer Seite. Später erfuhren wir durch Zufall, dass auf der Webseite der ansässigen Tierschutzorganisation ein Foto von ihm veröffentlicht wurde mit der Frage, ob ihn jemand adoptieren möchte. Dadurch waren wir erst recht bestärkt.

Mark und Tofu.

Bis ans Ende der Welt und noch viel weiter

Wie werden die nächsten Schritte aussehen?

Mark: Für uns ist noch kein Ende der Reise in Sicht. Als Nächstes wollen wir nach Albanien fahren. Von dort im Zickzack durch den Balkan, um dann im Spätsommer einen Zwischenstopp in Deutschland zu machen. Danach? Wahrscheinlich geht es nach Westeuropa, über Italien nach Frankreich, Spanien, Portugal und weiter hoch nach Großbritannien und Irland. Gerne aber auch ganz anders. Denn das ist das Schöne an unserem Leben. Wir müssen uns nicht festlegen und können jeden Tag neu entscheiden, wie es weitergeht. Wir haben so viele schöne Geschichten über den Iran und Georgien gehört und all die anderen Länder Richtung Asien, sodass wir uns auch sehr gut vorstellen können, abends zusammenzusitzen und bei einem Glas Wein zu sagen: „Komm, lass uns weiter Richtung Osten fahren bis ans Ende der Welt und noch viel weiter.“

www.projectjustus.de

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