Out Of Office: In sieben Monaten um die Südhalbkugel

224 Tage kehrte Grafikdesignerin Meike Hollnaicher ihrem Alltag den Rücken. Tauschte Routine gegen Ungewissheit. Sicherheit gegen Unabhängigkeit. Komfortzone gegen Abenteuer. 5000 Meter über dem Meeresspiegel fand sie Aufstiegschancen abseits des Kessels. Ein Erfahrungsbericht über das Aussteigen, Aufatmen und Abkapseln.

Stuttgart – wunderfitzig [schwäbisch, adj.] – neugierig. Nicht gerade die schlechteste Eigenschaft für eine Weltenbummlerin. Im September 2017 startete Meike ihre Reise um die Welt. Erster Halt: Thailand. Es folgten: Myanmar, Indonesien, Neuseeland, Argentinien, Chile, Bolivien und Peru. Auf wunderfitzig.co nahm sie Freunde, Familie und Fernwehgeplagte mit. Wieder zurück in Deutschland teilt die Vollzeitreisende ihre Erfahrungen und Eindrücke mit uns.

Mut zur Lebenslauflücke

„Das ist so mutig von dir! Deinen sicheren Job aufzugeben und alles hinter dir zu lassen.“ Diesen Satz hörte Meike vor ihrer Abreise mehr als einmal. Sie selbst sagt: „Es ist überhaupt nicht so mutig, reisen zu gehen, wie viele immer sagen.“ Für die meisten sei der Job ein willkommener Vorwand, eine solche Reise nicht zu wagen. Nicht aber für Meike: „Wenn man zurückkommt, sucht man sich eben wieder einen neuen Job.“

Auch mangelndes Geld werde oftmals vorgeschoben, um einer längeren Reise aus dem Weg zu gehen. „Dabei gibt es so viele Möglichkeiten, um günstig zu reisen: Man kann zum Beispiel so gut es geht auf das Fliegen verzichten und sich hauptsächlich per Anhalter fortbewegen. Man kann couchsurfen, in Hostels arbeiten oder über Plattformen wie WWOOF oder Workaway für die Mithilfe an Projekten kostenlos essen und übernachten“, verrät Meike.

Auch die Bedenken, dass viele Arbeitgeber eine solche Auszeit als Lücke im Lebenslauf negativ auffassen könnten, kann die 24-Jährige nicht bestätigen. Im Gegenteil: „Viele Arbeitgeber sehen die Erfahrungen, die man auf einer solchen Reise macht sogar als Bereicherung.“ Und das sei tatsächlich so: „Man entwickelt sich unglaublich weiter, wird selbstbewusster und vor allem gelassener.“

Zwischen Euphorie und Ernüchterung

Das moderne Nomadendasein hat viele Vorzüge. Wer sich die Freiheit nimmt, dort seine Zelte aufzuschlagen, wonach ihm gerade der Sinn steht, wird belohnt. Mit Erfahrungen, Endorphinen, aber auch mit Enttäuschungen. „Mir ging es vor allem darum, die Menschen und die Kultur der Länder kennenzulernen und nicht einfach nur das übliche Pflichtprogramm für Touristen abzuhaken“, so Meike. „Der Moment, in dem ich mir einen ausreichenden Spanischwortschatz angeeignet hatte, um mich mit den Einheimischen unterhalten zu können, war aus diesem Grund für mich einer der Höhepunkte auf der Reise.“

Für Ernüchterung und Entsetzen sorgten bei der Grafikdesignerin neben Bergen von Müll – vor allem in Südostasien – die vielen rücksichtslosen Touristen. „Ich musste leider ziemlich oft feststellen, dass sich viele Reisende weder für das Land, noch für die Leute interessieren“, so Meike. „Vielen ging es einfach darum, für möglichst wenig Geld ein möglichst komfortables Leben zu führen.“ Eine Einstellung, die die 24-Jährige weder teilt noch versteht.

Kontrastprogramm Lombok, Neuseeland & Chile

Auf Lombok erfährt Meike, dass es auch anders geht. Abseits der Touristenschwärme lebt sie hier in einem Hippie-Camp mitten im Dschungel. Geschlafen wird unter freiem Himmel. Gegessen, was auf den Boden kommt. Hygiene wird eher kleingeschrieben. Der Zusammenhalt ist dafür umso größer.

Auch Neuseeland erobert Meikes Herz im Sturm. Im Van rollt sie drei Wochen lang durch die unendlichen Weiten der Insel und lernt einen Lebensentwurf kennen, der sie inspiriert: „Ich habe viele Nomaden getroffen, deren Leben hauptsächlich aus Reisen besteht. Freelancer, Yoga-Lehrer, Appentwickler, aber auch ‚Saisonarbeiter‘, die zum Beispiel im Sommer in der Schweiz auf einer Alm arbeiten und im Winter reisen“, erzählt Meike. In Zukunft könne auch sie sich vorstellen, eine Weile so zu leben.

In Chile lässt Meike Taten sprechen und arbeitet für Kost und Logis bei dem Hilfsprojekt „Travel to conserve“. Dieses fördert bewussten, nachhaltigen Tourismus, schafft die benötigten Infrastrukturen und bietet den Einheimischen Berufsperspektiven. „Es war schön, mal wieder gebraucht zu werden und das Gefühl zu haben, dem Land, das man bereist, etwas zurückgeben zu können.“

Fazit einer Globetrotterin

Auf Reisen findet man Wege und Lösungen“, weiß Meike nach sieben Monaten Globetrotter-Dasein. „Ich bin heute viel lösungsorientierter und flexibler unterwegs als noch vor meiner Reise. Meine Gedanken sind biegsamer geworden und ich nehme das Leben so, wie es kommt.“ Außerdem sei sie entscheidungsfreudiger geworden: „Ich hatte früher immer das Gefühl, dass meine Entscheidungen fürs Leben seien – sei es für ein Studium oder für eine Arbeitsstelle. Aber ich habe gelernt, dass man jederzeit einen anderen Weg einschlagen kann.“

Für alle, die sich eine solche Reise aus den genannten Gründen nicht zutrauen, hat Meike einen Rat: „Man muss sich von dem Gedanken befreien, in etwas reinpassen zu wollen und darf sich selbst nicht in eine Rolle zwingen lassen, die einem von außen aufgedrückt wird. Gestaltet euer Leben so, wie ihr es euch vorstellt. Es ist nie zu früh, zu spät oder unmöglich alles hinter sich zu lassen und loszuziehen. Es gibt so viele unterschiedliche Lebensentwürfe: Hauptsache man ist glücklich.“