Ohne Flugzeug um die Welt: In zwölf Monaten von Stuttgart nach Australien

Mehr als 28.000 Kilometer haben die Journalistin Melanie Maier und der Grafikdesigner Alexander Schulz zurückgelegt. Im Bus, in der Bahn und auf dem Containerschiff. Die beiden haben sich vorgenommen, ohne Flugzeug die Erde zu umrunden. Ein Jahr sind sie nun unterwegs, mindestens ein weiteres liegt noch vor ihnen. Melanie Maier über eine Reise, die vor allem eines sein soll: langsam.

Stuttgart – Zwölf Monate, 15 Länder, 28.000 Kilometer: Wenn man wollte, könnte man unser vergangenes Jahr so zusammenfassen. Am 30. April 2018 sind mein Freund Alexander Schulz, 32, und ich, 31, aus Deutschland aufgebrochen. Über den Balkan sind wir nach Russland gereist. Von Moskau ging es mit der Transsibirischen Eisenbahn in die Mongolei. Mit Zügen und Bussen haben wir China und Südostasien erkundet, bevor wir mit dem Containerschiff von Port Klang, Malaysia, nach Fremantle, Australien, übergesetzt sind.

Karaoke auf hoher See

Acht Tage lang waren wir auf hoher See. Wir sind zum Brummen und Vibrieren des Schiffsmotors eingeschlafen, haben Karaoke mit der philippinischen Crew gesungen, mit den Offizieren zu Mittag und zu Abend gegessen. Vor allem aber haben wir gelesen, aus dem Fenster geschaut, uns treiben lassen. Im Gegensatz zu dem Bespaßungsprogramm auf Kreuzfahrtschiffen gibt es für Passagiere auf einem Containerschiff nicht viel zu tun.

Dazu kommt: Die Überfahrt ist teuer. Ungefähr 110 Euro pro Tag und pro Person muss man für eine Strecke einrechnen. Die Zeiten, in denen man für ein bisschen Kartoffelschälen auf einem Containerschiff umsonst mitfahren konnte, sind – aus versicherungstechnischen Gründen – vorbei.

Warum wir uns trotzdem gegen das Fliegen entschieden haben? Zum einen wollen wir uns langsam fortbewegen. Wir wollen ein Gefühl für die Distanzen bekommen, die wir zurücklegen. Und die Länder, die wir bereisen, intensiv erleben. Zum anderen aber auch aus ökologischen Gründen: Bei einem Flug von Stuttgart nach New York zum Beispiel fallen pro Fluggast 3721 Kilogramm CO2 an. Das ist mehr als doppelt so viel, wie ein Mensch in Indien im Jahr verbraucht. Dort beträgt die durchschnittliche Pro-Kopf-Emission rund 1600 Kilogramm CO2. In Deutschland liegt der Verbrauch bei etwa 11,5 Tonnen pro Person und Jahr. Eine bis zwei Tonnen wären klimaverträglich.

Selbstverständlich ist uns bewusst, dass ein Containerschiff kein umweltfreundliches Verkehrsmittel ist. Doch Containerschiffe transportieren in erster Linie Waren, nicht Personen. Sie würden auch ohne Passagiere fahren. Bei einem Flugzeug ist das nicht so. Würden mehr Menschen aufs Fliegen verzichten, müssten die Airlines früher oder später Flüge streichen. Damit weniger Containerschiffe über die Ozeane fahren, müssten wir vor allem etwas an unserem Konsumverhalten ändern. Auf dem Schiff hatten wir trotzdem ein schlechtes Gewissen.

Dass ich vorhabe, ohne Flugzeug um die Welt zu reisen, habe ich Alex schon bei einem unserer ersten Treffen gesagt. Wir haben uns bei der Arbeit kennengelernt, im April 2016. Alex arbeitete zu der Zeit als Grafikdesigner bei der Stuttgarter Kinderzeitung, ich war Volontärin, später Redakteurin in der Gemeinschaftsredaktion der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten. Mittlerweile arbeiten wir beide freiberuflich. Auch deshalb ist es uns wichtig, langsam unterwegs zu sein.

Die Idee für die Reise hatte ich vor zwölf Jahren. Nach dem Abitur war ich zuerst sechs Monate mit einer Freundin in Neuseeland, anschließend bin ich mit meinem damaligen Freund innerhalb von fünf Monaten von Mexiko Stadt nach Buenos Aires gereist. Wir hatten nie genügend Zeit, um spontan ein paar Wochen an einem Ort zu bleiben, uns einen Alltag aufzubauen. Deshalb wollte ich unbedingt noch einmal länger unterwegs sein, mit ausreichend Zeit für Zwischenstopps und Pausen.

Die Vorbereitungen für die Reise haben ungefähr ein halbes Jahr gedauert. Alex und ich haben beide unsere Jobs gekündigt, Verträge und Versicherungen aufgelöst, uns fast im Wochenrhythmus impfen lassen. Wir haben unsere Wohnungen aufgegeben, eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen und die Möbel, die uns wichtig waren, bei unseren Eltern eingelagert.

Mit dem Zug und je 21 Kilo auf dem Rücken sind wir als Erstes nach Österreich gefahren. Auf einem Bio-Bauernhof nahe der tschechischen Grenze haben wir zwei Wochen lang gegen Kost und Logis dabei geholfen, Schafe zu füttern und Kartoffeln zu setzen. Schon nach wenigen Tagen haben wir uns als Teil der sechsköpfigen Familie gefühlt, bei der wir waren. Wir haben jeden Tag miteinander gegessen und saßen abends noch lange am Esstisch oder in der Stube, um zu reden.

So viel Zeit haben wir leider nicht für jeden Ort, den wir bereisen. Obwohl wir mehr als zwei Jahre für die Reise eingeplant haben, sind wir nur selten so langsam unterwegs, wie wir es vorhatten. Das liegt meistens an den äußeren Umständen: Unsere Visa für Russland zum Beispiel waren nur 30, die für China nur 36 Tage gültig – viel zu wenig Zeit für zwei der größten Länder der Erde.

Wanderung entlang des Yangtse-Fluss

Wir haben versucht, das Beste daraus zu machen. Wir waren auf dem Roten Platz in Moskau, haben Alex‘ Verwandte in Sibirien besucht, waren auf der Großen Mauer in China und haben die berühmte Terrakotta-Armee besichtigt. Mit zwei Freunden aus Israel, die uns eine Woche lang besucht haben, sind wir drei Tage am Yangtse-Fluss entlang gewandert.

In Australien bleiben wir immerhin sechs Monate. Wir haben uns ein Auto gekauft, das groß genug ist, um darin zu übernachten. Mit ihm werden wir demnächst in den Norden fahren. Dort ist es jetzt, im australischen Herbst, wärmer als im Süden des Landes. Im September wollen wir dann mit dem Containerschiff nach Neuseeland fahren, im Dezember weiter nach Kolumbien. Wenn alles gutgeht, werden wir durch Zentralamerika an die Westküste der USA reisen, Kanada durchqueren und von dort ein letztes Mal mit dem Containerschiff fahren: zurück nach Deutschland.

Melanie Maier schreibt auf dem Blog Schrittwärts über ihre Reise >>>

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