Nörgeln in the City

Wir lieben vieles an unserer Stadt. Aber verdammt noch mal nicht alles! Eine Kolumne über die unschönen Kleinigkeiten und überflüssigen Aufreger im Kesselleben.

Ich bin vieles, aber ein Choleriker bin ich nicht. Ich bin friedfertig, gelassen, relativ ruhig und nicht ohne Weiteres aus der Ruhe zu bringen. Ich bin niemand, der an der Supermarktkasse die Augen rollt, wenn das Kleingeld genau vor mir ausgeht, und niemand, der missbilligend mit der Zunge schnalzt, wenn das Baby da vorn jetzt schon seit der Schloss-/Johannesstraße plärrt. So einen schlechten Tag wie Michael Douglas in „Falling Down“ werde ich wahrscheinlich nie haben. Manchmal aber, manchmal habe auch ich genug.

Karma ist ein unzuverlässiger Gefährte

Das geschieht meistens dann, wenn ich sehr schlecht geschlafen habe, weil die Katzen Rabatz gemacht haben. Wenn das Wetter echt unerträglich mies ist. Wenn der Bäcker Eckle kein Schwabenkorn-Brötchen mehr hat. Aber auch wenn andere Menschen ihre angebliche Machtposition dafür missbrauchen, ihren Mitmenschen eins auszuwischen. Wenn Unrecht regiert. Oder wenn ich unglaublicher Dummheit ausgesetzt bin. Man könnte das jetzt dem guten alten Karma überlassen, aber jeder wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass Karma ein relativ unzuverlässiger Gefährte ist. Und nie dann eintrifft, wenn man es gerade braucht.

Wenn ich also zum Beispiel mal wieder aus dem Haus hetze, vier Stockwerke hinunter, im ersten merke, dass ich den Schirm vergessen habe und in dem Moment aus der Tür trete, in dem der Himmel mir spontan sein nasses Arsenal ins Gesicht hustet, dann denke ich eigentlich nur an eine Sache: Jetzt aber nichts wie rein in die Stadtbahn! Ich liege gut in der Zeit, biege sogar zwei Minuten vor offizieller Abfahrt um die Ecke. Vor mir: Die Stadtbahn an der Haltestelle. Es ist tatsächlich kein Mythos: Am Vogelsang steht die Stadtbahn teilweise tatsächlich zu früh an der Haltestelle. Zu früh! Natürlich passiert das nur, wenn nicht wieder ein unfähiger Autofahrer ein Schild zu viel übersehen und der Bahn auf verhängnisvolle Weise die Vorfahrt genommen hat. Oder wenn ich aus irgendeinem Grund mal viel zu zeitig an der Haltestelle rumlungere. Aber es passiert!

Direktzug ins Disneyland

Innerlich freue ich mich, dass ich nicht mal im Regen auf die Bahn warten muss, hechte bei Sichtkontakt mit dem Fahrer über die erste Ampel. Ich bin eine Minute zu früh – und die Bahn fährt los. Fährt einfach los! Eine Minute zu früh! Obwohl wir Blickkontakt hatten!

Man mag mich pedantisch nennen, aber: Was zum Henker soll das? Lieber Fahrer/liebe Fahrerin, darf ich Sie mal ganz offen und ehrlich fragen, was Sie sich dabei denken? Sie sehen einen Fahrgast, der in übelstem Wetter auf Ihre Bahn zurennt, als wäre sie der Direktzug ins gottverdammte Disneyland. Er ist nass und überpünktlich, Sie sind trocken und zu früh. Und fahren trotzdem los? Einfach so? Das ist eine verdammte Sauerei.

Muss immer die Herde büßen?

Ich möchte Ihnen gar nicht unterstellen, dass Sie Ihre schlechte Laune an Passagieren auslassen. Das machen schon genug Leute. Aber wie sonst ist dieses Verhalten zu erklären? Erzieherische Maßnahme, damit ich nächste Mal noch früher an der Haltestelle nass werde? Na schönen Dank auch. Aber zu früh loszufahren und einen Fahrgast wissentlich im Regen stehenzulassen – das ist doch nix, worauf man nach Feierabend stolz sein kann, oder?

Woran liegt das?  Sie gegen uns – geht es darum? Schon klar, Fahrgäste können unfassbar anstrengend sein, nervig, frech, müffelnd, undankbar, ekelhaft oder einfach nur laut. Letzten Endes sind das aber die wenigen schwarzen Schafe, für die doch hoffentlich nicht die ganze Herde büßen muss? Ich zumindest habe nie die Schuhe auf dem gegenüberliegenden Sitz, unterhalte mich nicht laut, esse nicht und verhalte mich in Ihren Zügen ganz allgemein nicht wie ein Unflat aus dem Neolithikum. Darf ich das dann nicht auch von meinen Mitmenschen erwarten?

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