Nörgeln in the City: Weihnachten ist überall!

Weihnachten ab Oktober, überall „Last Christmas“ und mieser Glühwein: Unser Autor ist nicht glücklich über die künstlich in die Länge gezogene Adventszeit.

Stuttgart – Eine Studie will herausgefunden haben: Menschen, die ihr Haus besonders früh weihnachtlich dekorieren, sind die besseren Menschen. Glaube ich so was von nicht. Ich glaube, es sind grundsätzlich schlechte Menschen, die ihren Mitbürgern das Gefühl geben wollen, sie hätten es raus mit der weihnachtlichen Besinnlichkeit und der Magie der Adventszeit. Und man selbst eben nicht!

Weihnachten und Wassermelonen

Es gibt fast nichts Schlimmeres und Anstrengenderes als den Weihnachtswahn unserer Zeit. Ich hätte ja wirklich nicht für möglich gehalten, dass ich das einmal sagen würde, aber: Früher war eben doch manches besser. Ich erinnere mich zum Beispiel nicht daran, dass in den Supermärkten Lebkuchen, Stollen und Dominosteine vor sich hinschmolzen, während Supermarktbesucher in Shorts und kurzen Hosen Wassermelonen nach Hause schleppten, weil man bei der Hitze eh nichts anderes essen konnte. True story, so passiert im Rewe am Vogelsang im Herbst 2019. Never forget.

Vorfreude hat Grenzen!

Ich habe nichts gegen Vorfreude. Ich halte sie zwar nicht für die schönste Freude, aber irgendwie ist der Weg ja auch das Ziel. Wochenlang habe ich mich jetzt zum Beispiel auf die neue Staffel von „The Crown“ gefreut, das hat schon was. Außerdem freue ich mich schon jetzt auf die Tournee von Nick Cave nächstes Jahr. Gehört irgendwie schon dazu, das vorfreuen. Doch was der Handel uns seit einigen Jahren in Sachen Vorweihnachtszeit zumutet, ist das Supermarktäquivalent zu „Last Christmas“ in der Dauerschleife. Die Jahreszeiten müssten eigentlich so heißen: Valentinstag, Ostern, Muttertag, Halloween, Weihnachten – mit einem nahtlosen Übergang vom letzten Freibadtag zur ersten Packung Zimtsterne.

Weihnachten ist vor allem „Tatsächlich Liebe“

Haushoch türmen sie sich im Supermarkt die Süßigkeiten, urplötzlich gibt es jedes Produkt wieder in einer ultrafestlichen Weihnachtsedition. Twix Spekulatius? Also, ich wusste bislang nicht, dass ich das brauche. Weihnachten ist eine Ware, und damit habe ich noch nicht mal ein Problem. Sollen sie unsere Feste ruhig kommerziell melken, den eigentlichen Sinn von Weihnachten hat doch eh jeder längst vergessen. Ist doch aber eigentlich ganz einfach: „Tatsächlich Liebe“ schauen (Billy Mack ist der Beste!) und Rotwein trinken. Okay, Scherz: In Wirklichkeit feiern wir natürlich den Geburtstag von… naaa? Richtig, Sol Invictus, dem unbesiegten römischen Sonnengott. Jesus kam erst später. Irgendwie auch egal, im durchkommerzialisierten Weihnachtswahn haben beide nichts zu melden.

MyDays-Erlebnisgutscheine

Mich nervt, dass wir nicht mal richtig Herbst haben können, weil alles längst auf Weihnachten und Winter getrimmt ist. Ich will nicht ab Oktober in den Schaufenstern Tannenbäume funkeln sehen, ich will keine harmonischen Familien oder verliebten Pärchen sehen, die sich vor einem Fake-Kaminfeuer MyDays-Gutscheine schenken. Eh das beste Anzeichen einer echt stabilen Beziehung, in der man seinen Partner in- und auswendig kennt: Ein MyDays-Gutschein für ein romantisches Candlelight Dinner. Topp, da kannste gleich die Bratpfanne kaufen. Auch schlimm: Alle wollen jetzt wieder Glühwein trinken gehen. Leute, das ist so ziemlich der ekelhafteste Fusel, den man sich reinschütten kann!

Mit gutem Gewissen volllaufen lassen

Gutes Stichwort: Weihnachten sollte doch eigentlich die Zeit im Jahr sein, in der man sich ohne schlechtes Gewissen volllaufen (kein Glühwein!) und vollstopfen kann – und auch noch ausschlafen darf. In einem Wort: Besinnlichkeit. Die tritt aber meist erst am 27. Dezember ein, wenn die ganzen Weihnachtslieder im Radio die Fresse halten, die Werbung nicht mehr vom perfekten Fest plärrt und man endlich wieder seine Ruhe von der Verwandtschaft hat. Das Paradoxe ist ja aber: Würde uns die Welt der Werbung und des Einzelhandels nicht so einen Druck machen, was dieses verdammte Fest angeht, es würde wahrscheinlich viel entspannter und weniger krampfig ablaufen.

Was man dagegen tun kann? Na, nichts! Deswegen schreibe ich das hier ja. Und es geht mir tatsächlich schon ein bisschen besser. Kommt aber bloß nicht auf die Idee, mich auf einen Glühwein einzuladen. Und wer in meiner Gegenwart „Last Christmas“ spielt, singt, pfeift oder tanzt, muss einen Schnaps trinken. Glühschnaps vielleicht.

Unser Autor hat am 24.12. Geburtstag. Es ist sein Geburtsrecht, sich darüber aufzuregen.

Titelbild: Unsplash/freestocks.org

Psst, hier gibt es Expertentipps, wie man Weihnachten überlebt!

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