Nörgeln in the City: Warum Halloween dämlich ist!

Wir Stadtkinder lieben „Feschdle“ wie jeder andere normale Mensch auch. Unser Autor hat aber ein ziemlich großes Problem mit Halloween – oder dem, was daraus geworden ist.

Stuttgart – An Weihnachten kommt das Christkind, an Ostern der Osterhase und beim Wasen der Notarzt. Wir feiern gern, wissen aber selten, was genau wir da eigentlich als Grund für Völlerei und reichlich Alkohol missbrauchen. Okay, bei Weihnachten wohl noch die meisten, bei Ostern vielleicht auch, bei Pfingsten oder anderen Feiertagen wird‘s aber schon eng. Und beim Wasen weiß heute wohl niemand mehr, dass wir diese Veranstaltung eigentlich einem Vulkanausbruch in Indonesien zu verdanken haben. Lest es nach, wenn ihr mir nicht glaubt.

McDonalds, Coca Cola, Halloween

Halloween ist da auch so eine Sache. Wer weiß denn bitteschön, wo dieses Fest seine Wurzeln hat? In der TV-Show „Familienduell“ würden die meisten Leute wahrscheinlich auf die USA tippen. Tja, fake news. Halloween geht auf das hohe keltische Fest Samhain zurück. Samhain feierte man in der Nacht zum 1. November, dem ersten Tag des neuen Jahres im keltischen Kalender. Zu dieser Zeit, sagte man, war die Grenze zur Anderswelt besonders dünn oder gar durchlässig.

Die Iren brachten das Fest mit in die USA, wo es sich rasch ausbreitete und irgendwie verselbstständigte. Von dort wiederum schwappte es irgendwann in den Neunzigern zurück nach Europa, wo es natürlich vor allem in Deutschland auf fruchtbaren Boden fiel. McDonalds, Coca Cola, Disney, Hollywood – Deutschland war schon immer ein eifriger Importeur des amerikanischen Way of life. Mit dem Unterschied, dass Halloween in unseren Breiten rein gar nichts zu suchen hat.

Wir übernehmen ungefragt Bräuche, reißen sie aus ihrem kulturellen, religiösen und spirituellen Kontext. Wir versuchen nicht mal zu verstehen, was wir da gerade eigentlich feiern. Ach, scheiß drauf, solange es Alkohol gibt! Also machten wir uns auch Halloween zu eigen, pervertierten das Fest zu einer Art Fasching im Herbst und tun plötzlich so, als hätten wir dieses Fest schon immer gefeiert. Das ist im Grunde dasselbe wie diese Tiefflieger, die sich chinesische Schriftzeichen oder Maori-Symbole tätowieren lassen ohne auch nur die geringste Achtung vor diesen Kulturen zu haben.

Halloween oder Klugscheißen?

„Aber denk doch mal an die Kinder“, höre ich da die Eltern wieder rufen. Klar macht es denen Spaß, verkleidet von Haus zu Haus zu rennen und „Süßes oder Saures“ zu rufen. Aber ich schwöre euch: Wenn ich mal Kinder haben sollte, schicke ich sie mit den anderen Kindern mit und lasse sie so lange von der ursprünglichen Bedeutung des Samhain-Fests labern, dass die Eltern die Süßigkeiten nur rausrücken, damit sie endlich die Klappe halten. Das wäre aber eh eine Idee: Alle verkleiden sich als Björn und laufen halbwissend und klugscheißend durch die Nachbarschaft. Im Grunde genau so authentisch wie Halloween, kann gern übernommen werden. Nichts zu danken!

Blackfacing ist echt nicht witzig!

Natürlich geht auch Halloween nicht ohne geile Verkleidung. Und bei Kostümen zu Halloween scheint es nur zwei Alternativen zu geben: Irgendwas Freizügiges, das selbst ehrbare Berufe wie Krankenschwestern, Polizisten oder Hexen zu weitgehend textilfreien Objekten degradiert. Erniedrigend – und bei diesen Temperaturen zudem grob fahrlässig. Die andere Alternative ist der gute alte Rassismus. Indianerkostüme oder – fast noch schlimmer: „blackfacing“. Das ist eine Unsitte, bei der mir einfach nur die Spucke wegbleibt. Wenn sich ein weißer Mann das Gesicht schwarz anmalt, dann will er damit sagen: Schaut mal, ich bin lustig, weil ich schwarz bin. Natürlich sind das meistens Männer, die genauso gut für Lacher sorgen könnten, wenn sie unten ohne auf eine Halloween-Party gehen. Aber das wollen wir jetzt nicht vertiefen.

Feiern wie die Kolonialherren

Natürlich könnte man jetzt versöhnlich schließen mit so etwas wie: Soll doch jeder feiern, was er will, solange er niemandem schadet. Ich sage: Quatsch! Einfach irgendwelche Feiertage vereinnahmen ohne sich auch nur einen Moment lang mit den kulturellen Implikationen auseinanderzusetzen, ist dumm, unreif und fast schon kolonial.

Wer also wirklich Halloween feiern möchte, der kann, wie ich, am 31. Oktober in den Wald gehen, sich nackt ausziehen, mit Erde einreiben, die alten Götter ehren und den Mond anheulen. Und wer trotzdem nicht auf die kommerzielle Halloweenfeierei verzichten möchte, soll sich wenigstens Mühe mit dem Kostüm geben.

Titelbild: David Menidrey // Unsplash

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