Nörgeln in the City: Tags sind keine Kunst!

Wir lieben vieles an unserer Stadt. Aber verdammt noch mal nicht alles! Eine Kolumne über die unschönen Kleinigkeiten und überflüssigen Aufreger im Kesselleben.

Stuttgart – Eine Stadt, die hat viele Gesichter. Wo einige in Stuttgart nur Baustellen, Stau und Feinstaub sehen, machen für andere die Karlshöhe oder die umliegenden Wälder das Stadtbild aus. Während die einen die Kessellage lieben, halten die anderen den Ball da ganz flach. Vielfalt ist das, was eine Stadt aus- und zur Stadt macht. Sogar der Antichrist des Kleinbürgertums durfte schon Einzug halten in der außerhalb Baden-Württembergs so gern als schwäbische Metropole titulierten Stadt: die Streetart.

Endhaltestelle Is mir egal

Und die ist toll. Nicht, dass mich hier jemand falsch versteht. Die ist nicht der Feind. Ich persönlich freue mich seit Tag und Jahr, mit der S1 bei Österfeld aus dem Tunnel herauszufahren und von Tageslicht und Calvin and Hobbes begrüßt zu werden. Oder immer wieder Comics und kleine Zeichnungen an Stromkästen und Ampeln zu entdecken. Oder besprühte S-Bahnen, die ehrlich mehr Genuss beim Anblick bieten als das schnöde Rot. Aber was ich wirklich nicht verstehe, sind Tags. Zur Erklärung: Es sieht aus, als hätte ein angehender Arzt seine Unterschrift geübt. Mit der Prämisse je hässlicher und je unleserlicher, desto besser. Denn er wird ja schließlich Arzt. Für den Versuch hat er aber nicht etwa einen Notizblock genommen, sondern die größten freien Flächen, die er finden konnte.

Und noch schlimmer: Viel zu häufig sehe ich Tags, die auf einer ganz und gar nicht freien Fläche angebracht sind. Sondern vom „Künstler“ auf ein anderes Bild geschmiert wurden – ganz egal ob Fotografie, Malerei oder Graffiti. Genau aus diesem Grund soll das Wort Künstler in diesem Text mit Anführungszeichen geschrieben stehen. In meinen Augen sind das keine, sondern Wichtigtuer, die vor ihrem eigenen Handwerk keinen Respekt haben. Ist-mir-egal-Haltung hat uns noch nie sonderlich weit gebracht.

Für eine Welt ohne Anführungszeichen

Ehrlich, erkläre mir einer, welchen Sinn das Taggen hat? Wird damit ein Revier markiert? Oder sind sie die Zecken der Straßenkunst? Wie dieses Ungeziefer übernehmen sie sicherlich irgendeine Rolle im Mikrosystem, aber eigentlich hasst sie jeder. Oder verbergen sich gar Botschaften oder tiefgründige Inhalte dahinter, die ich einfach nicht verstehe? Denn ehrlich, da haben Tribal-Tattoos mehr Aussagekraft und künstlerischen Mehrwert als diese Stempel. Ich befürchte, dass es einfach um das Stillen des eigenen Egos geht.

Klar, offiziell ist es der Name des Writers. Darauf habe ich direkt wieder eine Frage: Bist du vergesslich? Frühes Stadium der Demenz? In dem Fall kann ich dir raten, dir deinen Namen doch einfach auf deinen Unterarm tätowieren zu lassen. Falls da noch Platz ist neben dem Casper-Zitat.

Und wie lösen wir das Ganze jetzt? Vielleicht kann man den Fokus ändern, dass aus „Künstlern“ endlich wieder Künstler werden. Malen, modellieren oder ganze Wände besprühen – aber halt bitte freie Wände. Und das Taggen auf Instagram beschränken.

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