Nörgeln in the City: Richtig flirten auf dem Wasen

Der Cannstatter Wasen ist nicht immer angenehm. Das Schlimmste daran wird von den meisten aber einfach verschwiegen: Sexismus, Upskirting und Grapschereien.

Stuttgart – Es ist sehr leicht, sich über den Cannstatter Wasen aufzuregen. Er bietet so viel Angriffsfläche – riecht komisch, ist laut und zieht allerlei fragwürdiges Publikum in die Stadt. Es ist ebenfalls sehr leicht, sich an all den Lappalien abzuarbeiten, die das kollektive Besäufnis so mit sich bringt. Kotze in der Bahn. Luftballons in den Oberleitungen. Lallende und torkelnde Menschenmassen. Discounter-Trachten.

Die und das Maß ist jetzt voll!

Das ist aber nicht nur sehr kurzsichtig, sondern auch sehr fahrlässig. Bei all diesen Ärgernissen vergisst der durchschnittliche Wasen-Hater nämlich gern die Dinge, die wirklich schlimm sind. Sexuelle Belästigung, sexuell motivierte Übergriffe, versuchte oder nicht nur versuchte Vergewaltigungen, Grapschereien, Upskirting, aufdringliches Verhalten der Spezies Mann sind bei Festen dieser Art an der Tagesordnung. Und da wird mir selbst ohne sieben Maß schnell übel.

Der Mann, das missverstandene Wesen

Ich konnte es zum Beispiel nicht fassen, als sich im Sat-1-Frühstücksfernsehen (siehe Link unten) zwei besonders bemitleidenswerte Männer mit diesem Thema auseinandersetzten. Und natürlich waren es wieder zwei Männer. Es wäre ja auch vollkommen absurd, mal eine Frau zu dem Thema zu befragen. „Ich habe das Gefühl, dass die Verschärfung des Sexualstrafrechts in erster Linie für die Männer schlimm ist“, sagte dieser unfassbare Moderator doch glatt. Er fand es schlimm, dass ein Mann für acht Monate ins Gefängnis musste, „nur“ weil er einer Frau zwischen die Beine gegriffen hat. „Oberhalb der Bekleidung“, wie der Studiogast, ein Doktor irgendwas, gleich noch erschüttert anmerkte.

So geht flirten also!

Und es kommt sogar noch besser. Wir armen Männer, schaufelte sich der Moderator fleißig weiter sein Grab, würden uns dann ja gar nicht mehr trauen, zu flirten. Ich meine, klar, jeder anständige Flirt zwischen Mann und Frau beginnt mit einem beherzten Griff zwischen die Beine, das habe ich jetzt schon verstanden. Und überhaupt: Das wollen die Frauen doch eh. Würden sie sonst diese Dirndl anziehen? Wohl kaum!

Aber der Doktor setzt tatsächlich noch einen drauf: Viele Flirts würden „im Eifer des Gefechts“ nämlich fehlinterpretiert. Ja, ich denke, ich verstehe ihn. Eine Hand im Schritt ist natürlich total leicht misszuverstehen. Ob ich deswegen vielleicht beim Flirten so wenig Erfolg hatte in der Vergangenheit? Ich dachte ja, ein charmantes Lächeln wäre mal ein guter Einstieg. Hätte ich gewusst, dass ich einfach mal beherzt zupacken muss, wäre vielleicht vieles anders gekommen.

Suhlen in Selbstmitleid

Wer es schafft, diesen fragwürdigen Beitrag im Frühstücksfernsehen bis zum Ende zu schauen ohne Galle im Mund zu schmecken, der hat ein ernstes Problem. Für mich ist das ein unerträgliches Suhlen in Selbstmitleid, weil die Männer jetzt einfach nicht mehr so können, wie sie gern würden. Ist natürlich ein Problem für all diejenigen, die sich als Krone der Schöpfung sehen und ihre angebliche Macht in irgendeiner Weise demonstrieren müssen. Kompensation, mehr sage ich dazu nicht. Wer es nicht schafft, eine Frau auf normalem Wege anzusprechen (lächeln, remember?), der sollte es am besten einfach lassen.

PS. Jeder, der mir jetzt mit „Not all men“ oder „Aber Frauen sind auch schlimm“ kommt, tötet in seiner Freizeit wahrscheinlich auch kleine Erdmännchen.

PPS. Kettenkarussell ist trotzdem cool.

Mehr aus dem Web