Nörgeln in the City: Rettet die Rockfabrik!

Jeder hat seine eigene Geschichte aus der Rockfabrik. Die Gäste, die Betreiber, die Bands, die Anwohner. Jede ist so wahr, wie eine persönliche Geschichte eben wahr ist. Verzerrt, idealisiert, romantisiert, aber immer noch wahr. Diese hier ist meine.

Ludwigsburg – Wahrscheinlich war es um das Jahr 2000 herum. Ich bin Jahrgang 82, kurz vor Schluss jenes Jahres noch in dieser Welt gelandet, und habe das erste Jahr des neuen Jahrtausends ohne totalen Computercrash, aber eben auch ohne Auto überlebt. Als ich anfing, im Kino meiner Heimatstadt zu jobben, imponierten mir die unappetitlichen Death-Metal-Shirts des Theaterleiters fast mehr als die Tatsache, dass ich ab sofort immer für lau ins Kino kam. Das war eher interessant, um bei Mädels aufzufallen. Und ein 17-Jähriger mit langen Haaren brauchte da jede Unterstützung.

Die Rockfabrik: nur ein Traum?

Irgendwann fragte er mich, meine ähnlich gelagerten Shirts betrachtend, ob ich nicht mal freitags in die Rofa mitwolle. Ein Ritterschlag war das, nicht weniger. Von der Rofa hatte ich schon gehört und in Magazinen gelesen, ein Ort nur für Rock und Metal sollte das sein. Kirk Hammett von Metallica trägt auf dem Back-Cover von „Master Of Puppets“ ein Shirt der Rofa. Was sollte das bitte für ein krasser Ort sein? Auf jeden Fall ziemlich unglaublich für mich zu jener Zeit. Man darf ja nicht vergessen: Das war 2000, da hatten meine Eltern nicht mal Internet. The struggle was real.

Double time!

Der Rest ist jedenfalls Geschichte: Er sammelt mich ein, wir kurven an einem Freitag in die Rockfabrik Ludwigsburg. Und ich kann es einfach nicht fassen. Der Laden, den ich mir eher so auf Keller-Klub-Größe vorgestellt hatte, ist allen Ernstes eine riesige, alte Fabrikhalle. Früher war‘s mal eine Kühlschrankfabrik, lerne ich später. Die Rofa ist riesig, mehrstöckig, verschachtelt – und vor allem voller Menschen, die so sind wie ich. Die Musik ist laut, das Bier ist freitags billig („double time“ war damals noch nicht Kollegahs Motto!) und es war einfach nur ein absolut unfassbares Spektakel.

Den Mut, den es brauchte, und die Ehrfurcht, die man verspürte, wenn man als halbstarker Achtzehnjähriger zu einem dieser hünenhaften und mordscoolen DJs ging, um sich etwas zu wünschen, wurden nur vom Stolz übertroffen, wenn der DJ nach Aussprache des Wunsches anerkennend nickte. Und den Song dann irgendwann auch spielte.

Bier sind für dich da

Die Liebe war sofort entfacht, der Führerschein einige Zeit später da (inklusive Audi80 mit sehr lauter Anlage und jeder Menge Stickern). Und die Rofa wurde wie für viele andere lange mein Stammschuppen. Ich war alleine da, mit Freunden, Kollegen, bei Partys, auf Konzerten, kam mit dem Auto, mit der Bahn, mit dem Taxi. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich in diesen unheiligen Hallen verbracht habe, wie viele Biere ich dort getrunken habe. Heute bin ich nicht mehr so oft dort wie früher. Jedes Mal wenn ich wieder da bin, ist es aber wie damals.

Aus, Ende, Schluss?

Doch es sind schwere Zeiten für Clubs und Konzertlocations. Ende 2019 soll es das nun gewesen sein mit der Rockfabrik. Der Mietvertrag wird nach aktuellen Stand nicht verlängert. Eine Petition zum Erhalt der Rofa haben mittlerweile über 25.000 Menschen unterzeichnet, sogar Ludwigsburgs OB Werner Spec hat sich eingeschaltet. Der Vermieter, die Max-Maier-Immobiliengesellschaft, zeigt sich davon unbeeindruckt. Er geht einem persönlichen Gespräch mit den Rofa-Betreibern aus dem Weg und lässt über seine Anwälte kundtun, dass er an seinen Plänen nichts ändern wird. Hier darf jetzt jeder mal denken, was er mag.

The kids aren’t alright

Wenn das so bleibt, dann macht die Rofa nach Ablauf dieses Jahres dicht. Fast 20 Jahre nach meinem ersten Besuch und fast 37 Jahre nach Gründung. Damit ist die Rofa so alt wie ich. Und wenn ich daran denke, dass irgendwelche Kleinstadt-Kids, die sich nur bedingt zugehörig fühlen, nun auch noch diese wichtige Anlaufstelle verlieren, dann wird mir ganz anders.

Wer die Petition unterschreiben will, der kann das hier tun: https://www.openpetition.de/petition/online/verlaengerung-des-mietvertrages-der-rockfabrik-ludwigsburg

Titelbild: Unsplash/Frankie Cordoba

Mehr aus dem Web