Nörgeln in the City: Post-Apokalypse

Wir lieben vieles an unserer Stadt. Aber verdammt noch mal nicht alles! Eine Kolumne über die unschönen Kleinigkeiten im Kesselleben. Heute: Die Post.

Stuttgart – Ich glaube gern, dass ich gut erzogen wurde. Eine gute Kinderstube genossen habe und all das. Ich bedanke mich, bin höflich und glaube daran, dass man nur dann ein Arschloch sein sollte, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Eigentlich Dinge, die ich von jedem Menschen erwarte. Und dennoch begegnen mir in beängstigender Regelmäßigkeit Menschen, die offensichtlich unter einem Stein aufgewachsen sind.

Ab die Post!

Empathie, Offenheit, Toleranz, Respekt und Höflichkeit – Erfindungen also, mit denen jede Gesellschaft mehr Spaß macht – fehlen meiner Meinung nach besonders oft im Stuttgarter Postwesen. Das ist ja eh so ein kleines Phänomen für sich. Und weist mehr Tücken, Schwierigkeiten und Fallstricke auf, als man von einem Dienstleister erwarten würde, der meine Zalando-Pakete zurück nimmt.

Fangen wir mal mit der klassischen Postfiliale an. Von denen gibt es ja immer weniger. Dass das mehr Zustrom bei den verbleibenden bedeutet, ist mir klar. Ich finde es nur nicht okay, wenn das als Ausrede genutzt wird, um auch den Service drastisch herunterzufahren. Eine ganz bestimmte Filiale in einem der Stuttgarter Innenstadtbezirke, besser gesagt: ein ganz bestimmter Mitarbeiter, stößt mir da besonders sauer auf.

Oberlehrer hinter dem Schalter

So lang die Schlange auch ist: Er scheint erst noch immens wichtige Dinge zu erledigen zu haben, bevor er sich mal dazu herablässt, einen der vielen freien Schalter mit seiner Anwesenheit zu beehren. Kommt man dann an die Reihe, gibt es kein „Hallo“, kein freundliches Nicken. Nur einen ungeduldigen Blick. „Ich hätte gern Briefmarken für normale Briefe“, sage ich höflich. „Was kostet da eine? 60 Cent, oder?“ Er schaut mich mitleidig über den Rand seiner Brille hinweg an und spöttelt mit nasal-erzieherischem Oberlehrerton: „Also ehrlich, wann haben Sie denn das letzte Mal einen Brief verschickt?“

Gekonntes Weghören

Ist es mein Job oder seiner, über Porto Bescheid zu wissen? Ich frag ihn doch auch nicht nach Synonymen für das Wort „Einfaltspinsel“. Ein andermal wollte ich ein Kleidungsstück zurückschicken, das nur in einer Hülle verpackt war und wohlgemerkt auch so verschickt wurde. Er sieht mich an, als würde ich ihm einen Korb voller Giftschlangen hinstellen und sagen: „Bitte frankieren und ab damit zu meiner Ex.“ Danach hielt er mir einen Vortrag, dass die Post so etwas NIE verschicken würde. Mein Argument, dass es die Post GENAU SO zu mir schickte, ließ er einfach nicht gelten. Schön, wenn man einfach nur das hört, was man hören will.

Der unangenehme Kioskbesitzer

Eine noch schönere Anekdote ereignete sich vor einigen Wochen im selben Stadtbezirk. Tatort: Einer dieser Kioske, die mittlerweile auch als Poststelle fungieren. Und (korrigiert mich, wenn ich falsch liege) dazu nicht gezwungen werden! Der unangenehme Kioskbesitzer, der sich lauthals über die direkt vor ihm stehenden, mit Paketen und Briefen bewaffneten Kunden beschwert, weil sie angeblich seinen Laden verstopfen würden, tut aber so, als musste er bei vorgehaltener Waffe einen Vertrag mit der Post unterschreiben.

Eigentlich erstaunlich. Ohne die Postkunden würde er wahrscheinlich vier Schachteln Kippen und drei Lottoscheine an einem Tag verkaufen.

Beleidigen Sie gerade meinen Intellekt?

Sich Dinge nach Hause schicken lassen, ist auch nicht mehr das, was es früher einmal war. Ich möchte nicht bestreiten, dass der Job der Briefträger härter geworden ist, die Routen länger, das Pensum heftiger. Letzten Endes ist das scheiße, aber streng formuliert nicht das Problem des Endkunden. Ich bezahle für den Versand eines Pakets und kann auch erwarten, dass es ankommt. Mehr als einmal saß ich schon zuhause und erwartete freudig irgendein tolles Paket.

Später dann einen dieser verdammten gelben Zettel aus dem Briefkasten zu fischen, auf die gekritzelt wurde, dass man zuhause nicht angetroffen wurde, verstehe ich dann durchaus als Beleidigung meines Intellekts. Zumal ich in bester „Das Fenster zum Hof“-Manier mehr als einmal beobachtet habe, dass ein Postauto vor unserem Haus hielt.

Silberstreif am Horizont

Letzten Endes ist mir egal, wer daran schuld ist. Ich will nur nicht, dass so gut wie jede Auseinandersetzung mit diesem Unternehmen zu einer Zerreißprobe wird, die mich Nerven, Zeit und wahrscheinlich auch Haare kostet. Obwohl: Es gibt Hoffnung. In besagter Postfiliale meines Stadtbezirks gibt es eine freundliche, zackige und stets gut gelaunte Angestellte, die sogar weiß, was ein Lächeln ist. Aber ich kann mich ja nicht nur von ihr bedienen lassen. Oder vielleicht doch?

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