Nörgeln in the City: Ich will nicht nach Berlin

Schon die Band Kraftklub hat es laut und deutlich gesagt: Ich will nicht nach Berlin! Dieser Meinung ist auch unser Autor. Entgegen des Hypes will er garantiert nicht in die deutsche Hauptstadt ziehen.

Stuttgart – Haltet mich für verrückt, für spießig, für langweilig oder einen richtigen Schwaben – aber ich will nicht nach Berlin! Also dort leben will ich nicht. Niemals. Das könnte ich mir absolut nicht vorstellen. Ein paar Tage in der Stadt an der Spree sind zwar immer ganz schön, dann isch’s aber auch mal wieder gut. Und ich freue mich wieder richtig auf unseren wunderschönen Kessel. Das ist schon immer so gewesen und wird auch immer so sein. Von daher ist meine Reaktion auf das seit Jahren – nein, seit Jahrzehnten – andauernde „Stuttgart-ist-so-Provinz-ich-zieh-nach-Berlin-Geschwätz“ auch meist eher verhalten.

Ich hab ja nix gegen Berlin, aber…

Berlin scheint (immer noch) das Maß aller Dinge zu sein. Zumindest kommt es einem hier in Stuttgart manchmal so vor, wenn irgendwer wieder die „Also in Berlin…“-Keule auspackt. „Also in Berlin ist ja viel mehr los.“ „Also in Berlin gibt’s viel coolere Cafés.“ „Also in Berlin schmeckt der Döner halt schon besser.“ „Also in Berlin geht man vor 3 Uhr morgens überhaupt nicht in den Club.“ „Also in Berlin gibt es ja keine Kehrwoche.“ „Also in Berlin heißen Weckle ja Schrippen und es gibt überall Currywurst.“ Zusammengefasst: bla, bla, bla. Ich kann es nicht mehr hören.

Warum man sich generell immer mit Berlin vergleichen muss oder will? Ich weiß es nicht! Stuttgart und Berlin – das ist wie Maultaschen in der Brühe und geschmälzte Maultaschen mit Kartoffelsalat. Es hat beides was, doch Geschmäcker sind nun mal verschieden.

„Also in Berlin kann man halt noch richtig feiern gehen. Net so wie hier“, höre ich die Stuttgarter und Stuttgarterinnen oft sagen, wenn sie von ihrem Partytrip aus der Hauptstadt zurück im Kessel sind. Das Problem ist, dass genau diese Leute hier in Stuttgart die meisten Wochenenden mit Netflix auf der Couch oder beim Spieleabend mit einem „befreundeten Pärchen“ verbringen und ich ihnen die Kompetenz, das Stuttgarter Nachtleben beurteilen zu können, somit abspreche. Come on! Ihr könnt auch hier feiern gehen. Macht ihr bloß nicht. Also ganz ruhig, gell?!

Don’t trust the Hype

Ach Berlin. Wenn man von A nach B generell immer mindestens 45 Minuten braucht und die Laugenbrezeln – oder was auch immer das sein soll, was manche Berliner Bäckereien einem da andrehen wollen – eine absolute Frechheit sind, lobe ich mir wieder meinen geliebten Kessel.

Berlin ist jung, cool, aufregend und voller Energie. Ja, das stimmt, die Faszination ist durchaus nachvollziehbar. Stuttgart hat all das – in kleinerem Maße – aber auch. Und hey, hier gibt’s an fast jeder Ecke Maultaschen und Linsen mit Spätzle – dagegen kommt auch das „super coole“ Berlin nicht an.

In Stuttgart geht nix? Als ob! Warum man sich aber trotzdem immer mit Berlin vergleichen muss, ist mir ein Rätsel. Das wäre in etwa wie, wenn ich Berlin mit London oder New York City vergleiche und feststelle, dass in einer deutlich größeren Stadt mehr geht. Surprise, Surprise. Aber das Gras ist auf der anderen Seite bekanntlich ja eh immer grüner. Und die „Gras und Berlin“-Witze erspare ich euch jetzt an dieser Stelle…

Home is where the Butterbrezel is

Home is where the heart ist. Home is where the Butterbrezel is. Für mich ist das Stuttgart. Und sollte sich hier irgendwer jemals nach Berlin sehnen, gibt’s bekanntlich auch im Kessel einige Spots, in denen sich Stuttgart (fast) wie Berlin anfühlt. Der nächste, der mir also mit dem typischen „Oh mein Gott, Stuttgart ist so langweilig. Ich zieh nach Berlin!“-Geschwätz kommt, dem antworte ich daher einfach: „Okay, Tschüss, gell?!“. Denn eines ist so sicher wie die andauernde Schwabeninvasion im Prenzlauer Berg: Ich will nicht nach Berlin. Aber trotzdem einen schönen Gruß an alle Exil-Stuttgarter.

Foto: Unsplash/Alessandro Bellone

Mehr aus dem Web