Nörgeln in the City: Espresso to go

Wir lieben vieles an unserer Stadt. Aber verdammt noch mal nicht alles! Eine Kolumne über die unschönen Kleinigkeiten und überflüssigen Aufreger im Kesselleben. Heute: Espresso ist nicht zum Mitnehmen gedacht!

Stuttgart – Savoir-vivre, dolce far niente und wie auch immer sie heißen mögen – Lebenseinstellungen, die man so gerne adaptieren möchte. Die schwäbische Geschäftigkeit einmal ablegen und einfach rollen lassen. Das klappt auch immer besser. Gerade in den warmen Monaten findet das Leben draußen statt, die Cafés, Bars und Restaurants sind voll, Spontaneität ist das Wort der Stunde.

Es ist immer Zeit für einen Espresso

Gerade beim Kaffee spickelt der gemeine Deutsche gen Süden. Ob jetzt Italien, Spanien oder Griechenland – die südländische Kaffeekultur ist schon längst hier angekommen. Cappuccino, Mocca oder Cortado sind keine Fremdworte mehr. Die kommen uns genauso flüssig über die Lippen wie das schwarze Gold rein fließt. Es gibt nur eine Sache, die ein absolutes Unding ist. Die mir persönlich so zuwider ist, und das hat nichts mit möglichen südländischen Wurzeln zu tun, das sollte jedem Menschen in der Tiefe seines Herzens schmerzen: Der Espresso im to go-Becher.

Bevor jetzt schon jemand zum aber ausholt, let’s get one thing straight: NEIN. Kein Argument dieser Welt würde das rechtfertigen. Auch wenn manch einer denkt, das Teil würde Expresso heißen und hätte mehr Geschwindigkeit als der Sprinter der Deutschen Bahn, kann beispielsweise Zeit nicht als Gegenargument verwendet werden. Ein Espresso umfasst einen bis maximal zwei Schlücke. Jeder Mensch hat Zeit dafür. Der geht schneller runter, als jemand seinen Instagram-Feed aktualisiert hat.

Auf die Tasse kommt es an!

Dass to go-Becher jetzt per se nicht geil sind (auch wegen der Umwelt), ist ja hoffentlich allen klar. Aber was denken Leute, die sich 2 cl Kaffee in einem Becher mitgeben lassen. Zum Verständnis: das ist die gleiche Menge wie ein Schnaps. Und würde das jemals jemand tun? „Hi, ich hätte gerne einen Shot to go.“ „Aber wieso to go?“ „Na, damit ich da ganz genüsslich dran schlürfen kann.“ Da werde ich allein schon beim Gedanken straight edge.

Zudem schmeckt es einfach scheußlich. Ich lasse hier jetzt nicht den Kaffeesnob raushängen und erzähl dir was vom richtigen Mahlgrad, Druck und Zauberspruch für den perfekten Kaffee. Oder ob man mit Zucker die reale Coffee Experience völlig kaputt macht. Fakt ist aber, und das auch unter uns Laien: Ein Espresso schmeckt nur aus einer dickwandigen, im besten Fall auch vorgewärmten Tasse.

Authentizität im Westen

Ein Espresso, das ist eine kleine Auszeit vom Alltag. Einen Espresso, den trinkt man an der Theke. Rein in den Laden, Espresso schlürfen, raus aus dem Laden – besser getimed als jeder Banküberfall. Wenn also alle den sonnenreichen Lebensstil leben wollen, dann brennt euch eines sofort ins Gehirn: Nie wieder will ich einen Espresso to go bestellen. Sonst soll mich sofort eine unheilbare Kaffeeallergie heimsuchen.

PS: Beim Café Gustav an der Schwabstraße gibt es übrigens die voll authentische Kaffeekultur. Während der Espresso normalerweise 2 Euro kostet, ist er einen Euro günstiger, wenn er an der Theke bestellt und getrunken wird. Klein-Südeuropa in Stuttgart-West!

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