Nörgeln in the City: Es hat sich ausgenörgelt!

Corona hat alles verändert. Auch den Gemütszustand unseres Autors, der sonst mal gern an vielem in der Stadt rumgenörgelt hat. Jetzt stellt er fest: War alles ziemlicher Quatsch mit all dem Nörgeln!

Stuttgart – Es ist keine gute Zeit für die Nörgler und Grantler, für die Querulanten und all diejenigen, denen man es nie recht machen kann. Es ist keine gute Zeit für die vielen Menschen, die immer denken, es erwischt sie schneller, härter und ungerechter als andere. Corona hat die Welt abgeschaltet. Und gleichzeitig näher zusammengebracht.

Keine Zeit für Nörgeln

Die Hetze rechter Parteien? Verstummt. Der Planet? Erholt sich langsam von den tiefen Wunden, die der Mensch geschlagen hat. Auch wenn viele der Meldungen fake sind: Die Luft wird besser, klarer. Mal durchschnaufen, bevor die Produktion wieder hochgefahren wird. Gilt auch für uns Menschen. Mal einen Schritt zurück machen, durchatmen, sacken lassen, was passiert ist. Lesen. Schreiben. Kochen. Nichtstun.

Postangestellte und Nostradamus

In diesem Prozess stellt man unweigerlich verschiedene Dinge fest. Zum Beispiel: Wow, haben wir uns früher über Marginalitäten aufgeregt! Ich nehme mich da nicht raus, hin und wieder habe auch ich mich gern in unwichtigen Aufregern gesuhlt. Jetzt wünschte ich, ich könnte es! Wie jeder andere, hat auch mein Leben die eine oder andere unangenehme Wendung genommen. Ich habe zum Beispiel im Februar einen neuen Roman veröffentlicht, den jetzt niemand mehr kaufen kann. Aber rege ich mich darüber auf? Nein, weil ich ja kein narzisstischer Depp bin, der denkt, er steht alleine damit da.

Wo sind denn die Zeiten hin, in denen ich mich über zu langsame Postangestellte, zu unhöfliche Bahnfahrer oder sonstige Kinkerlitzchen aufgeregt habe? Unwahrscheinlich weit weg wirken sie. Jahre her. Eines nur: Die Sache mit den Alternativen zum Bargeld, die ich gerne und oft propagiere, wurde jetzt anscheinend endlich mal erhört. Es ist einfach nur unhygienisch, also bietet wenigstens Kartenzahlung oder PayPal als Alternative an! Nennt mich Nostradamus.

Aufgeschoben, nicht aufgehoben

Vieles andere wird, vorsichtig gesagt, relativiert. Bevor Corona richtig zuschlug, saß ich beispielsweise noch an einem Brandbrief an all die Festivalveranstalter da draußen. An einem kritischen Artikel über die immer noch lächerlich geringen Anteil weiblicher Artists bei den gängigen Freiluftevents des Sommers. Jetzt hoffe ich, dass es überhaupt einen Sommer geben wird. Mit Küssen und Badeseen und Biergärten und draußen sein bis nachts. Und eben auch mit Festivals.

Nicht, dass die alten Probleme dadurch einfach aufgehört haben zu existieren. Sie sind immer noch da. Müssen angegangen und bestenfalls gelöst werden. Es ist nur so, dass jetzt gerade viele Dinge wichtiger sind. Menschenleben zum Beispiel. Und das Schöne ist: Darauf scheinen sich wirklich alle einigen zu können. Oder fast alle.

Nörgeln ist so 2019!

Ich sage also gar nicht, dass wir ab sofort alle auf ewig bessere Menschen werden sollen, müssen oder können. Ich sage nur, dass bei aller Tragik dieser Krise auch eine gewaltige Chance in ihr steckt. Und ich zumindest habe beschlossen, mich ab sofort etwas weniger aufzuregen. Ganz damit aufzuhören, das wäre unsinnig. Ich weiß aber, dass ich zumindest nie wieder über all diejenigen meckern werde, die da draußen arbeiten. Die halten uns jetzt nämlich bei Stange. Und das finde ich dufter als ich mit einem Applaus auf meinem Balkon ausdrücken könnte.

Der Duft der Freiheit

Sobald wir die Kurve also abgeflacht haben, sobald das Gröbste durch ist und wir das öffentliche Leben wieder „hochfahren“ können, wie die Politiker immer so schön sagen, sollten wir alle Folgendes tun: Es mit jeder Faser unseres Körpers genießen, auf ein Konzert gehen zu können. In einer Kneipe neben anderen Menschen hocken zu können. Und vielleicht sogar wieder in Urlaub fahren zu können. Es ist eben nicht alles selbstverständlich, was wir bis vor kurzem noch so den lieben langen Tag gemacht haben. Und eigentlich hätte es das nie werden dürfen.

Wenn ich also irgendwann im Laufe des Jahres wieder mit einem Nörgeltext um die Ecke komme, dürft ihr mich ruhig an den Pranger stellen und mit dem Finger auf mich zeigen. Es sei denn natürlich, ich habe Recht damit.

PS. Habe ich wahrscheinlich, hier lest ihr mehr >>>

Foto: Pexels/cottonbro

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