Nörgeln in the City: Die Karte bitte!

Wir lieben vieles an unserer Stadt. Aber verdammt noch mal nicht alles! Eine Kolumne über die unschönen Kleinigkeiten im Kesselleben. Dieses Mal: Wann zum Henker wird das Bargeld abgeschafft?

Stuttgart – Kürzlich kam ich mal wieder an unserem überschaubaren Flughafen an und stellte mit Schrecken fest, dass das Frühlingsfest die Stadt auch nach Ende meines Urlaubs noch terrorisiert. Mit einem abschätzenden Blick auf Koffer, Uhr und Wochentag entschied ich mich für eine Taxifahrt zurück nach Hause. Man soll sich ja nicht die ganze Erholung mit einer einzigen S-Bahnfahrt versauen.

Nur Bargeld ist Wahrgeld?

Also rein ins Taxi und rauf auf die Bundesstraße. Abfahren bei Degerloch und dann die schöne Panoramastrecke runter Richtung Erwin-Schöttle-Platz. Eine geeignete Strecke, um den etwaigen Urlaubsblues sofort zu vertreiben. Nach dem Schwabtunnel holte er mich dann aber doch ein. „Bei Ihnen kann man schon mit Karte zahlen, gell!“, stelle ich eine Frage, die ich eigentlich rhetorisch meinte. Aber jetzt kommt‘s: Der Fahrer dreht sich zu mir um und guckt, als hätte ich ihn gebeten, mir die Fahrt zu schenken. „Nee, natürlich nur Bargeld!“, gibt er mit einem verwirrten Gesichtsausdruck und jede Menge Nachdruck zurück. Dann fuchtelt er wild in Richtung Heckscheibe. „Sehen Sie das nicht?“

Nicht alles aus Plastik ist schlecht!

Punkte gegen Plastik

Ich schaue mir die Heckscheibe an. Und sehe nur zwei aufgeklebte Punkte. Einer grün, einer rot. „Die Punkte da heißen, dass nur Barzahlung möglich ist.“ Ich schaue mir die Punkte noch mal an, schaue den Fahrer an, schaue wieder die Punkte an. Macht er vielleicht einen Scherz? Nein. Macht er nicht. Da sitze ich nun in diesem Taxi und frage mich ernsthaft, was für eine bescheuerte Kennzeichnung das nun wieder ist. „Haben schon über 200 Taxis“, murmelt der Fahrer. Jetzt klingt er schon ein wenig verteidigend. „Wäre es da nicht besser, einfach EC-Lesegeräte zu installieren als dämliche Punkte aufzukleben?“, wage ich zu fragen. Schlechte Idee. „EC ja schon gleich gar nicht!“, wettert er los. „Wenn, dann geht nur Kreditkarte.“

Ist das hier echt 2018?

An der Stelle pausiere ich das Kammerspiel. Bargeld ist, und dabei bleibe ich, eine so unfassbar antiquierte, umständliche und unhygienische Angelegenheit, dass ich mir nur an den Kopf greifen kann. Wir leben im Jahr 2018. In einer Zeit, in der Roboter Saltos schlagen, Autos selbst fahren und eine Mission zum Mars vorbereitet wird. Doch in Stuttgart scheint es immer noch ein mordsmäßig großes Zugeständnis an den Kunden zu sein, wenn er irgendwo mal mit EC-Karte zahlen darf. Oder gar mit Kreditkarte, Potzblitz! „EC-Zahlung ab 10 Euro“ gehört für mich zu den Sätzen, die mir die Laune sofort verhageln. Und noch dazu ziemlich dumm sind: Längst gibt es neue Bestimmungen und Richtlinien, die die für den Händler entstehenden Gebühren drastisch gesenkt oder ganz abgeschafft haben.

Kaugummi auf Kredit

Natürlich sollte man nicht immer nur auf andere Länder schauen. Aber in Skandinavien, England oder Holland ist es verdammt noch mal völlig normal, einen Kaugummi mit der Kreditkarte zu bezahlen. Für mich, der gern der erste bargeldlose Mensch Deutschlands wäre, ist das natürlich ein regelrechtes Paradies. Und ehe jetzt wieder alle kommen und in meinem Manifest hier das Ende des Trinkgeldes sehen: Das kann man auch auf die Karte geben. Funktioniert in Amerika, der Mutter aller Trinkgelder. Warum sollte es hier nicht funktionieren? Wäre auch für den Taxifahrer gut gewesen. In meinem Fall musste er sich mit den letzten mühsam zusammengeklaubten Münzen zufriedengeben. Trinkgeld war da leider nicht mehr drin, sorry!

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