Nörgeln in the City: Burger-Blues

Wir lieben vieles an unserer Stadt. Aber verdammt noch mal nicht alles! Eine Kolumne über die unschönen Kleinigkeiten im Kesselleben. Dieses Mal: Wie viele Burger-Läden verträgt Stuttgart?

Stuttgart – Bereits in meinem letzten Text stellte ich fest: „Ich bin vieles, aber ein Choleriker bin ich nicht. Ich bin friedfertig, gelassen, relativ ruhig und nicht ohne Weiteres aus der Ruhe zu bringen.“ Nach Veröffentlichung dieses Artikels gab es dann doch die eine oder andere Person, die nicht meiner Meinung war. Und reflektiert, wie man heute ja so ist, stellte ich fest, dass ich tatsächlich Unrecht hatte. Ein Choleriker bin ich zwar wirklich nicht; doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Dinge fielen mir ein, die mich mehr oder weniger rasch auf die Palme bringen.

Burger-Butzen an jeder Ecke

Chronisches Zuspätkommen. Menschen, die einfach nicht begreifen, dass Empathie keine Stadt im nahen Osten ist. Zu sehr durchgebratenes Fleisch. Womit wir gleich zum Punkt kommen: Davon gibt es in dieser Stadt nämlich mehr und mehr. Das liegt nicht daran, dass Veganismus auf dem Rückzug ist. Es liegt daran, dass man in der Innenstadt nicht mal mehr umfallen kann ohne nicht vor mindestens einem neuen Burger-Grill zu landen.

Anfangs freute ich mich über die Entwicklung. Ich frohlockte regelrecht, als Triple B in Zuffenhausen eröffnete, frequentierte die erste Welle der Burger-2.0-Buden regelmäßig mit großem Gusto. Dann geschah aber das, was immer geschieht, wenn sich irgendein Geschäftsmodell als erfolgreich erweist: Viel zu viele Leute machen es nach, reiten den Hype in Grund und Boden. Und sorgen bei Menschen wie mir dafür, dass die Nachricht über die Eröffnung eines neuen Burger-Braters das linke Auge nervös zum Zucken bringt.

Innovation bleibt auf der Strecke

Jetzt könnte man natürlich sagen: Ist doch vollkommen egal, wie viele Burger-Butzen es gibt, man muss ja nicht hingehen. Oder auch: Mehr Auswahl ist immer gut, außerdem belebt Konkurrenz das Geschäft. Die Realität sieht aber nun mal anders aus. Und im Falle von Stuttgarts Fleisch-auf-Brötchen-Packern ist es nun mal leider so, dass die Innovation überwiegend auf der Strecke geblieben ist. Ein Laden gleicht dem anderen, überall gibt es Süßkartoffel-Fries, Avocado-Toppings, vegetarische Varianten und Brioche-Brötchen. Das ist jetzt auch nicht weniger konformistisch als McDonalds, ganz ehrlich.

Natürlich ist die Qualität in den neuen Läden meist besser, natürlich ist die Herkunft des Fleisches ethisch durchaus unbedenklicher. Am Ende ist es aber doch auch bei diesem Fast-Food-Klassiker so: Da nutzen einfach verdammt viele Menschen einen Trend aus. Ähnlich wie mit diesem urplötzlich angesagten Arme-Leute-Fusel namens Gin ist es jetzt auch hier so, dass man selbst in Sichtweite dreier weiterer Burger-Läden lieber noch einen vierten aufmacht als mal mutig seinen eigenen Weg zu gehen. Klar ist das riskant, doch wie schade wäre es beispielsweise gewesen, wenn die Leute hinter der Mozzarella Bar lieber auf Nummer sicher gegangen wären und auch Hackfleisch auf getoastete Buns gepackt hätten?

Wüstenei der verschenkten Möglichkeiten

So verkommen die wertvollen freien Gastroflächen in der Stadt zunehmend zu einer Wüstenei der verschenkten Möglichkeiten. Wie in der Schwabstraße, wo erst kürzlich Bo‘s Burger ins ehemalige Soho gezogen ist. Der Protagonist schmeckt auch hier vollkommen okay, darum geht es gar nicht – zudem ist es nun nicht gerade eine Meisterleistung, einen passablen Burger hinzubekommen; vielmehr ist symptomatisch, dass sich gefühlte 100 Meter weiter bald auch die nächste Filiale der Kette Burger House in den ausgebrannten Räumlichkeiten der alteingesessenen Pizzeria La Piccola Napoli breitmachen wird. Wow, wie innovativ!

Dabei gibt es so viele wunderbare Länderküchen, die so gut wie gar nicht in downtown Stuttgart vertreten sind. Ein authentischer Mexikaner zum Beispiel, ein uriger Südtiroler oder etwas aus Richtung der US-amerikanischen Südstaaten. Gumbo! Aber hey, wieso richtig was leisten, wenn man einfach Hack auf den Grill hauen kann?

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