Nörgeln in the City: Behaltet euren Frühling!

Wir lieben vieles an unserer Stadt. Aber verdammt noch mal nicht alles! Eine Kolumne über die unschönen Kleinigkeiten und überflüssigen Aufreger im Kesselleben. Heute: Bringt euch in Sicherheit, der Frühling naht!

Stuttgart – Also, ganz grundsätzlich mag ich den Frühling natürlich zunächst mal. Himmel, ich mag es auch, wenn mein Duschgel plötzlich ein neues Design hat, da werde ich ja wohl auch den Frühling mögen. Ich kann mich nur nicht einreihen in diese lange Kette an Menschen, die die sozialen Netzwerke (und das echte Leben!) dazu missbrauchen, aller Welt ungefragt zu erzählen, wie sehr sie sich auf den Frühling freuen.

Sprich es nicht laut aus!

Um ehrlich zu sein: Ich finde diese Leute sogar richtig schlimm. Weil sie natürlich niemand nach ihrer Meinung gefragt hat. Und sie damit ungefähr so etwas Sinnstiftendes von sich geben wie ein Moderator von RTL Exklusiv. Der Frühling kommt nach dem Winter – egal, ob man sich auf ihn freut oder nicht. Danach kommt der Sommer, dann der Herbst, dann wieder Winter. Und dann wieder die Leute, die Dinge wie „Also, ich kann dir ja gar nicht sagen, wie ich mich auf den Frühling freue!“ laut aussprechen. Dann tu es auch bitte nicht. Oder sei konsequent und sage für den Rest des Tages einfach eine willkürliche Auswahl solcher Sätze.

Wespen, Tofu, lauter Sex

Der Frühling ist nämlich alles andere als dieser Heilsbringer, zu dem er ab Januar immer stilisiert wird. Er ist kein Messias, kein Erlöser, sondern einfach nur der nervige kleine Bruder des Sommers, der gern die halbstarken Muskeln spielen lässt. Es wird wärmer, ja, das ist durchaus angenehm. Aber denkt irgendjemand da draußen eigentlich mal an die ganzen Schattenseiten?

Ich schon. Die letzte Erkältung des Winters geht nahtlos in die erste Heuschnupfenattacke des Frühlings über. Wespen fallen über uns und unser Eis her wie biblische Plagen. Am Palast muss man wieder anstehen für ein Bier. Alle sind so ekelhaft gut gelaunt. Die Nachbarn schräg gegenüber haben bei geöffnetem Fenster lächerlich überambitionierten Sex.

Das ist nicht dein Lifestyle, das nennt sich Jahreszeit

Plötzlich meinen alle wieder, einen auf Tischtennis-Profi machen zu müssen und die rechtmäßig mir zustehende Platte am Paul-Gerhardt-Platz zu blockieren. Wo waren die, als es minus sieben Grad hatte? Ich werde zu lausigen Grillpartys eingeladen, bei denen emsige Tofu-Brater hasserfüllte Blicke in Richtung meines Steaks werfen. Bekannte wollen mir erzählen, wie geil ihre Festivalsaison wird (Spoiler: Gewitter, Matsch und schlechter Sex). Alles läuft mit Sonnenbrille und einer gezwungenen Nonchalance rum, die mediterrane Leichtigkeit ausdrücken soll, aber eher so wirkt, als leide man unter Verstopfung. Am besten zu beobachten an Bismarck- und Marienplatz. Ja, ich weine für die Menschheit, die den Frühling für sich und ihren Lifestyle instrumentalisiert.

Wie wäre es denn mal mit Herbst?

Noch mal: Ich hasse den Frühling nicht. Ich bin es nur leid, dass er von allen gefeiert wird wie die beste Erfindung seit dem Deutschen Reinheitsgebot. Ganz anders der Herbst. Der Underdog, sozusagen. Keine Wespen, kein sexuelles Frühlingserwachen, kürzer werdende Schlangen am Palast, kein Heuschnupfen. Aber ratet mal, was los ist, wenn ich im August rausposaune, wie sehr ich mich auf den Herbst freue…

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