Nörgeln in the City: Aber bitte mit Fahne!

Wir lieben vieles an unserer Stadt. Aber verdammt noch mal nicht alles! Eine Kolumne über die unschönen Kleinigkeiten und überflüssigen Aufreger im Kesselleben.

Stuttgart – Für alle, die sich das schon gefragt haben: Nein, in Deutschland ist nicht ganz plötzlich ein neues Gesetz erlassen worden, das Fahnen an Autos, Hauswänden oder in Gesichtern vorschreibt. Es ist einfach nur Fußball-WM. Und damit mal wieder Zeit für einige bedenkliche Beobachtungen.

Damit meine ich nicht die Fußball-WM als solche. Und auch nicht den normalen Fan. Der soll machen, was er will. Er soll seine Biere während der Spiele trinken, mitfiebern, sich über gute Pässe freuen und über verpatzte Möglichkeiten ärgern. Und meinetwegen soll er auch für ein bestimmtes Team sein. Stört niemanden.

Ist das noch Fußball?

Nein, ich meine diese Sorte Mensch, die während der WM denkt, eine ganz besonders bedenkliche Form von Nationalstolz ausleben zu müssen. Plötzlich redet er nur noch von „wir“, wenn er eigentlich elf überbezahlte Bubis auf dem Platz meint. „Die haben wir weggefegt“, sagt er dann abfällig und beißt von seiner Roten Wurst ab. Vielleicht, weil er sonst nicht viel im Leben hat.

Wir? Wer ist denn wir? Und was hat ein besoffener Fußballfan mit dem Erfolg einer Mannschaft zu tun? Auch mal ganz abgesehen davon, dass Fußballer nur sehr selten zum moralischen Vorbild taugen: Diese Sache mit dem „wir“ kann bedenkliche Blüten treiben, wie ich hoffentlich niemanden erinnern muss. „Wir gegen die“, so fing es vor 85 Jahren an. Und so hetzt jetzt auch die AfD in Land- und Bundestag.

Stolz mit Vorurteil

Ich weiß, dass das auf die meisten nicht zutrifft. Doch es gibt diese Sorte Mensch, die dir während der WM sehr oft sagen wird, dass es doch auch mal wieder schön ist, auf sein Land stolz sein zu dürfen. Und das zum Ausdruck bringt, indem sie sich eine Deutschlandfahne um den Hals knotet und lauthals brüllend durch die Innenstadt zieht. Nein, es ist nicht schön, auf ein Land stolz zu sein. Wie soll das auch funktionieren? Was habe ich denn geleistet, das Stolz rechtfertigen würde? Ich bin ja nicht mal auf die Schraube stolz, die ich gestern einigermaßen gerade in die Wand gebohrt habe. Okay, ein bisschen vielleicht.

Wenn schon Fahne, dann doch bitte eine für alle.

Mit Fußball hat das alles längst nichts mehr zu tun. Schwarz-Rot-Gold über alles! Aber wofür standen die Farben noch gleich? Ah ja. „Aus der Schwärze der Knechtschaft durch blutige Schlachten ans goldene Licht der Freiheit.“ Ups.

Nur eine Fahne zählt

Dass die Linksjugend Solid offen dazu aufruft, Fahnen an Autos zu zerstören, kann ich auch nicht gutheißen. Unsinn mit Unsinn vergelten ist ja auch Quatsch. In Wochen wie diesen, in denen aus lustig gemeinten Länderklischees, einer Menge Bier und Euphorie plötzlich handfester Rassismus wird, sollte man aber schon mal besorgt auf die wehenden Fahnen blicken. Klar, ist ja „nur“ eine Fahne, klar ist es harmlos, wenn sich Kinder die Gesichter schminken. Manche nutzen es aber eben auch für eine klare Stellungnahme.

Im Übrigen gilt das für alle Fahnen. Wir können ja nicht immer Amerika für ihren Vorgartenpatriotismus belächeln und während der WM plötzlich so tun, als wäre auch uns dieser Fahnenwahn plötzlich so wichtig. Deswegen gibt es für mich auch weiterhin nur eine Fahne: Die Bierfahne.

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