New Work: Gleiches Geld für weniger Arbeit?

Alles ist so digital wie nie zuvor, nur die moderne Arbeitswelt lässt sich Zeit. Wir fordern: New Work, bitte! Wie wäre es zum Beispiel mit einem 5-Stunden-Tag bei Full-Time-Bezahlung?

Stuttgart – Genug von starren 40-Stunden-Wochen, monotonen Kaffeepausen oder unbequemem Anzug im Büro? In unserer modernen, digitalisierten Welt wirken die  altbewährten Arbeitsmodelle manchmal wie fehl am Platz. Dabei entstehen überall  neue Ideen, wie die Jobs der Zukunft aussehen könnten. Wir von Stadtkind finden: Es wird Zeit für New Work! Deswegen wollen wir euch in dieser Kategorie immer mal wieder innovative Konzepte aus dem Berufsleben vorstellen. Wie wäre es zum Beispiel mit einem 5-Stunden-Tag bei Full-Time-Bezahlung?

Die Arbeit ist das halbe Leben

Die große Frage nach der perfekten Work-Life-Balance stellt sich nicht nur im Jahr 2020. Schon im Mittelalter, die Zeit, in der Bauern und Handwerker im Sommer teilweise 16 Stunden lang arbeiteten und das Werkzeug erst mit der untergehenden Sonne weglegten, waren Pausen für Mahlzeiten und kurze Power-Naps ein fester Bestandteil des Tagesablaufs. Eine Freizeitgestaltung, wie wir sie heute kennen, suchte man damals jedoch vergebens. Das änderte sich erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Die Menschen arbeiteten nun härter als je zuvor, konnten sich ihren Tagesablauf nur selten selbst einteilen und verrichteten meist zwölf Stunden am Tag schwere körperliche Arbeit.

Her mit der Work-Life-Balance!

Kein Wunder, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr Menschen für ihre Freizeit einsetzen. „Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen, acht Stunden Mensch sein“, ist ihre Forderung, die im Jahr 1919 in Kraft tritt. In der Nachkriegszeit können die Menschen von diesem 8-Stunden-Tag jedoch nur träumen: Die 1950er Jahre bringen zwar wirtschaftlichen Aufschwung, verlangen den Arbeitern aber gleichzeitig wieder mehr ab und 48-Stunden-Wochen sind in dieser Zeit keine Seltenheit. Erst nach und nach bewegen sich Unternehmen wieder zurück zur 40-Stunden-Woche und bestimmte Industriezweige, wie zum Beispiel die Metallindustrie, führen in den 90er-Jahren erstmals die Norm der 35-Stunden-Woche ein. Und heute? Da sind wir Deutschen im Schnitt bei 34,9 Stunden in der Woche, Überstunden nicht inklusive.

Durchschnittliche normalerweise geleistete Wochenarbeitszeit im Jahr 2018 in Stunden | Quelle: Arbeitskräfterhebung des Statistischen Bundesamts

New Work: Einfach weniger arbeiten?

Und während die meisten Unternehmen gute Erfahrungen mit der 35- bis 40-Stunden-Woche machen, gibt es ein paar wenige, die den Begriff „Arbeitszeit“ neu definieren möchten. Schon seit den 2000ern setzt eine Toyota-Werkstatt im schwedischen Göteborg auf New Work. Zwei 6-Stunden-Schichten, ermöglichen dem Unternehmen, eine Öffnungszeit von insgesamt zwölf Stunden zu garantieren. Durch diese Umstellung konnte es seinen Umsatz sogar steigern.

Ein weiteres Positiv-Beispiel für erhöhten Umsatz trotz reduzierter Arbeitszeit ist der österreichische Kosmetikhersteller „Unterweger“, der 2018 die Wochenarbeitszeit von 38 Stunden auf 36 Stunden reduzierte. Nun arbeiten die Mitarbeiter nur noch an vier Tagen in der Woche und bleiben an denen dafür ein wenig länger. Warum das funktioniert? Weil die Zeiten am Anfang und Ende der Schicht am wenigsten produktiv seien, verriet der Chef Michael Unterweger dem ORF im Sommer 2018.

Ein 5-Stunden-Experiment mit vollem Erfolg

Wie viel Arbeitsleistung wir erbringen, das habe erst einmal überhaupt nichts mit der Zeit zu tun, die wir effektiv im Unternehmen sind. Diese Meinung vertritt auch Lasse Rheingans. Er ist Chef der kleinen Digital-Agentur „Digital Enabler“ in Bielefeld und schwört schon seit zwei Jahren auf den 5-Stunden-Tag. Als er die Agentur im Jahr 2017 übernahm, sollte der 5-Stunden-Tag eigentlich nur ein Experiment sein. Doch seine Idee schlägt ein wie eine Bombe. Nicht nur bei den Mitarbeitern, die dank der Umstellung mehr Zeit für Familie und Haushalt haben, sondern vor allem auch in den Medien.

„Ich glaube sinnvoll ist es ja nicht zwingend, wenn die Leute länger, sondern eher wenn sie besser arbeiten“, sagt Lasse Rheingans dem ZDF Anfang 2019. Er habe sich gefragt, in welche Richtung sich die Arbeitswelt verändere und wie das beste Umfeld für einen „nachhaltig guten“ Job aussehen könnte.

Weg mit den Zeitfressern!

Von acht Stunden Arbeit auf nur fünf zu reduzieren, sei jedoch kein Zuckerschlecken, gibt der Unternehmer im Interview mit heute plus zu. Das wichtigste bei so einer Umstellung sei, die ganzen Stolpersteine zu erkennen und aus dem Weg zu räumen. Das bedeutet im Klartext, dass Zeitfresser wie Privatgespräche, Kaffeepausen und wiederholtes Email-Checken eliminiert werden. Meetings dauern ab jetzt höchstens 15 Minuten und pünktlich um 13 Uhr machen alle Feierabend. Außer der Chef. Der gibt zu, manchmal doch deutlich länger im Büro sitzen zu müssen.

New Work: Stressig wirds da schon manchmal

Nicht nur der Chef muss an manchen Tagen ganz schön ranklotzen. Die gleiche Arbeit in weniger Zeit zu verrichten, fordert von allen Mitarbeitern ein hohes Maß an Disziplin. Außerdem geht viel Zeit für das soziale Miteinander verloren. Das US-amerikanische Unternehmen „Tower Paddle Boards“ zum Beispiel, hatte mit dem 5-Stunden-Tag auch negative Erfahrungen gemacht. Laut Chef Stephan Aarstol erzählt habe der soziale Zusammenhalt der Mitarbeiter auf Dauer gelitten. Heute setzt er nur noch in der Hochsaison auf den verkürzten Arbeitstag, denn hier bringen ihm die kurzen, effizienten Schichten sogar einen gesteigerten Umsatz ein.

Klar, umso weniger Zeit für Kaffeepausen, Meetings und den ein oder anderen Schwatz bleibt, desto weniger Kontakt hat man auch zu seinen Kollegen. Laut bento überforderte das Arbeitspensum bei „Digital Enabler“ einige Mitarbeiter sogar und brachte sie dazu, das Unternehmen zu verlassen. Rheingans musste deswegen zusätzliches Personal einstellen. Trotzdem hätte er mit der Einführung des 5-Stunden-Tags keine Verluste gemacht, erzählt er bento im Interview. Die Mitarbeiter, die trotz erhöhtem Stress-Level in der Agentur blieben, freuen sich nun über ihre neu gewonnene Freizeit, schauen Serien oder gehen verstärkt ihren Hobbies nach. Und für Rheingans selbst ist es sowieso klar: Er will auf keinen Fall zurück zum klassischen 8-Stunden-Tag.

Titelbild: Unsplash/Annie Spratt

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