Ein Spaziergang mit Bartek durch Stuttgart-West

Heute erscheint das neue Orsons-Album „Orsons Island“. Das ist sogar so gut, dass es die lange Wartezeit entschädigt und den Rap neu beleben könnte. Wir waren mit Bartek im Stuttgarter Westen unterwegs.

Stuttgart – Ein schöner sonniger Morgen am Feuersee. Die Fische drehen ihre Runden, die Schildkröten schlafen noch, weiter hinten macht der Schwan mal wieder deutlich, dass diese fiesen Tiere meilenweit von ihrem märchenhaften Klischeebild entfernt sind. Postkartenidylle hätte man vor Instagram dazu gesagt. Aber das ist noch deutlich länger her als die letzte Platte der Orsons. 2015 erschien die, hieß „What‘s Goes“ und war ganz allgemein ziemlich fantastisch.

 Bartek ist der Westen ans Herz gewachsen

Unerwartete Überleitung wahrscheinlich, aber da vorn kommt eben Bartek angeschlendert, locker in kurzen Hosen und mit Sonnenbrille. „Schön hier, was?“, sagt er mit dem charakteristischen Kennerblick des Westlers. Klar, Bartek ist im Westen zu Hause. Erst kürzlich ist er umgezogen, von der einen Seite der Hood auf die andere, wie er sagt. Wir wollen ein wenig durch die Gegend schlendern und plaudern. Themen gibt es ja genug, selbst ohne Orsons-Album hat der Stuttgarter irgendwie immer eine Menge zu erzählen. „Der Westen ist mir längst ans Herz gewachsen“, erzählt er bei einem kurzen Kaffeestopp in der Roten Kapelle. „Ich fühle mich extrem wohl hier!“

Müßiggänger mit Flow: Bartek

Bartek und der Müßiggang

Zweieinhalb Jahre wohnte er zwischen Hölderlinplatz und der legendären Pinte Schdäffele, jetzt hat es ihn auf die andere Seite der Rotebühlstraße verschlagen. „Ich liebe einfach alles hier“, sagt er verzückt. „Ich liebe die Architektur der Häuser, diese herrschaftlichen Bauten aus der Gründerzeit. Ich kann diese modernen eckigen Klötze nicht leiden, die sind einfach nicht meins. Ich bin ja durchaus dem Müßiggang verschrieben und laufe gern mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durch meine Hood“, lacht er. „Sogar mein Studio ist jetzt in Laufnähe. Alles geil also!“

Quizfrage: Wer weiß, wo Bartek hier abhängt?

Liebe und Hass

Alles geil also. Das kann man durchaus so stehen lassen. Denn dafür, dass die Orsons mal wieder damit gedroht haben, sich aufzulösen, haben sie mit „Orsons Island“ ein bockstarkes, visionäres und wundersames neues Album vorgelegt. „Wir sagen ja eigentlich nach jedem Album, dass wir uns trennen wollen“, meint er lakonisch, als wir am Feuersee entlang schlendern. Wir haben ein wenig Brot dabei, psst, sagt es niemandem. Aber Bartek will jetzt erst mal die Fische füttern. „Das ist mit den vier Leuten jedes Mal so ein Kopfgeficke, dass wir danach alle keinen Bock mehr haben“, fährt er fort, als er sein Brot los ist. „Das ist eine richtige Tortur, dass man sich eine Zeitlang danach regelrecht hasst. Sobald wir auf Tour sind, lieben wir uns dann alle wieder, aber so ist das eben.“

Fische füttern mit Bartek: So dynamisch, dass das Bild unscharf ist

Sorry not sorry, Ostendplatz!

Neben Kaas ist Bartek der einzige verbliebene Stuttgarter. Maeckes und Tua sind längst in Berlin heimisch. Wäre grundsätzlich auch denkbar für Bartek, denn: „Ich habe die Gabe, mich überall wohlzufühlen. Ich kann mich überall so einzurichten, dass es mir gut geht. Na gut, außer vielleicht am Ostendplatz! Sorry, aber das ist echt nicht meine Hood.“ Lieber sitzt er schon in einer der vielen alten Eckkneipen hier im Westen, beobachtet Menschen, kommt mit ihnen ins Gespräch. „Das inspiriert mich sehr und ich kann da viel für mich oder für meine Texte rausziehen. Aber klar, auch das Picheln an sich ist natürlich ganz wunderbar.“

Mit den Orsons bei den Pfadfindern

Damit ihm bei seinen Kneipenexkursionen nichts abhanden kommt, führt er seit einem Jahr ein Notizbuch bei sich, in das er alles reinkritzelt, was ihm so einfällt oder auffällt. „Am Ende des Monats schaue ich dann rein und lese mir durch, welche Gedanken ich hatte. Wie ein kleines Aphorismen-Tagebuch.“ Wie viel von „Orsons Island“ aus diesem Büchlein stammt, lässt sich unmöglich sagen: Das Werk ist eine Gemeinschaftsunternehmung. „Für dieses Album haben wir mal einen anderen Ansatz gewählt und einfach mal zusammen Urlaub gemacht“, plaudert er weiter. Wir umrunden die Kirche, hier am Ufer hat sich auch der tückische Schwan einen Platz im Schatten gesucht. Don‘t mess with the Schwan! „Wir haben uns den Kanaren verschrieben, anfangs waren wir auf La Palma.“ Und nachdem die vier ein paar Vulkane und Strände angeschaut hatten, setzten sie sich abends mit einer Gitarre hin und machten Musik. Klingt nach Pfadfinderausfahrt, hat aber funktioniert.

Ich war der Marlboromann!

Druck nach dieser langen Abstinenz fühlt Bartek nicht. Vielleicht ja auch verständlich – als einer, der als starker Raucher („ich war der Marlboromann!“) von einem Tag auf den anderen mit den Fluppen aufgehört hat. „Wir wollten einfach nur ein Album machen, das uns gefällt“, meint er unter den Bäumen der Johannestraße. „Das war schon immer so. Weißt du, unser letztes Album kam 2015 raus, da war Facebook noch ein Riesending und Spotify gerade erst im Kommen. Ich weiß also gar nicht, wo wir stehen. Für viele werden wir Newcomer sein.“ Selbst wenn das stimmen sollte: „Orsons Island“ wird sie alle kriegen. Das neue Album ist ein irrwitziger Trip, den es so im Deutschrap noch nicht gab: Zwischen absurd und melancholisch, zwischen Euphorie und Kater. Irgendwie Orsons eben. Und irgendwie nicht.

Bilder: Björn Springorum

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