Neuer Social-Media-Trend: Do not romanticize work!

Was tun, wenn man einen neuen Trend auf Social Media entdeckt? Na ganz klar: Bei einer Trendforscherin nachfragen, wo der eigentlich herkommt. Genau das hat unsere Autorin gemacht, denn sie ist über das Phänomen „Don´t romanticize work“ gestoßen. Was es damit auf sich hat, erfahrt ihr hier.

Stuttgart – Mit Trends, vor allem Internettrends, ist es ja so eine Sache. Entweder nimmt man sie erst dann wahr, wenn sie schon lange wieder Schnee von gestern sind oder man überschätzt sie völlig und es handelt sich weniger um einen Trend als mehr um einen kuriosen Einzelfall. Unsere Autorin ist bei ihren Tiktok-Recherchen jedenfalls auf ein neues Phänomen gestoßen. Jetzt glaubt sie, einen neuen Trend entdeckt zu haben: die „Don´t romanticize work“-Bewegung. Aber was steckt dahinter? Mit Hilfe der Zukunftsforscherin Anja Kirig analysieren wir diesen Trend mal für euch.

Gibt’s dich, Traumjob?

Man muss schon genauer hinschauen, um dem Trend auf Social Media oder Tiktok zu begegnen. Trotzdem beschränkt er sich nicht nur auf User mit einer linksradikalen Filter-Bubble. Unsere Autorin mutmaßt: Jeder, der sich für liberale Themen interessiert, könnte mit dem „Don´t romanticize work“-Trend schon einmal in Berührung gekommen sein. Junge Tiktoker*innen oder politische Accounts äußern sich bei diesem Trend zum Konzept Traumjob.

Konzept: Traumjob

Den, so die allgemeine Meinung, gibt es überhaupt nicht. Geld zu verdienen würde in unserer kapitalistischen Gesellschaft viel zu sehr „romantisiert“, weil es für die meisten Menschen nicht möglich sei, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Aus diesem Grund solle man seinen Lebenssinn auch nicht in den Job legen, meinen die Anhänger des Trends. Denn nicht nur das, was wir beruflich machen oder gut können, sondern viel mehr unsere Interessen und Freizeitvorlieben machen uns aus, sind sich die Vertreter der „Don´t romanticize work“-Bewegung einig.

@just.memegan

And that’s on capitalism making work the pinnacle of our lives ##fyp ##leftist ##capitalsm ##socialism

♬ Vsaucy - It’s just me, Megan

Covid-19 als Trend-Verursacher?

Trendforscherin Anja Kirig überrascht dieser Trend nicht. Seit mehr als 15 Jahren ist sie nun für das Zukunftsinstitut tätig und beschäftigt sich vor allem mit den Themen „Freizeitkultur“ und Social Media. Dieses Jahr forscht die einstige Wahl-Stuttgarterin vor allem zu den Auswirkungen von Covid-19 auf die Sozialen Medien. „Durch die Pandemie ist es zu einer Politisierung in fast allen Lebensbereichen gekommen“, sagt Kirig.

Die heute in Frankfurt lebende Forscherin wundert es nicht, dass sich der „Don´t romanticize work“-Trend vor allem auf der neuen Plattform Tiktok bemerkbar macht. „Neue Ansichten verbreiten sich meist abseits der Big Socials wie Facebook.“ Denn diese seien schon gesetzt und nicht mehr so innovativ wie die neuen Netzwerke. „Corona hat beschleunigt, dass gegebene Strukturen überdacht werden“, so Kirig. Dies treffe auch auf den Job zu.

Gerade durch die Zeit im Home-Office, durch den veränderten Arbeitsmarkt oder das gestiegene Gesundheitsbewusstsein hinterfragen junge Leute das Konzept Traumjob. „Die Sphären Arbeit und Freizeit haben sich vermischt“, erklärt die Expertin. Deshalb müssen viele Menschen lernen, neu abzugrenzen: Was ist Job, was ist Freizeit – und vor allem: Wo liegt mein Lebenssinn?

Anja Kirig
Anja Kirig schreibt freiberuflich Studien für das Zukunftsinstitut. Ihre Schwerpunkte: Freizeitkultur und Social Media. | Foto: privat

Trend oder doch Systemkritik?

Mit den Zweifeln am Traumjob gehe auch eine Kritik an der aktuellen Wachstumsgesellschaft einher, vermutet Kirig. Manche der Trend-Befürworter gehen sogar noch weiter und üben mit der Forderung „Don´t romanticize work“ scharfe Kritik am Konzept des Kapitalismus. Zurecht? „Ich denke den meisten jungen Menschen geht es mehr um die Leistungsgesellschaft, die sie kritisieren, als nur um das wirtschaftliche System“, so die Trend-Forscherin weiter.

Sie beschäftigte sich in den letzten Jahren mit Freizeitbeschäftigungen wie zum Beispiel Sport und erkennt auch hier einen Trend hin zum „Unperfekten“. „Das Leistungsprinzip ist im Umbruch – in allen Bereichen.“ Kein Wunder wird von jungen Menschen aus diesem Grund auch die Wirtschaft kritisiert. Klimawandel und Co. sind nur wenige von vielen Gründen, warum auf Social Media die Forderung einer Postwachstumsgesellschaft lauter wird.

Realismus bei der Jobwahl wird wichtiger

Es scheint fast so, als würden sich die „Don´t romanticize work“-Aktivisten bewusst von den Influencern abgrenzen, die genau das tun, was ihnen ein Dorn im Auge ist: ihren absoluten Traumjob leben. „Activists erobern sich Social Media geradezu zurück“, prophezeit Kirig. Sie ziehen die Sozialen Netzwerke von ihrem goldenen Werbe-Karussell und peppen sie mit einer Prise revolutionärem Gedankengut auf. Oder sind Anhänger des „Don´t Romanticize work“ -Trends vielleicht einfach nur resigniert, vom Jahr 2020 und dem wenig vielversprechenden Arbeitsmarkt? „Für mich sieht das eher nach Aktivismus aus“, sagt Anja Kirig. Die Trendforscherin glaubt, dass sich diese Entwicklung sogar noch zuspitzen könnte. Die Sinnfrage von Karriere und Freizeit wird sich so schnell also noch nicht klären. Aber vielleicht sind wir nach einigen Jahrzehnten der Traumjob-Romantik nun in der Epoche des Work-Realismus angekommen – wer weiß.

Titelbild: Magnet Me via Unsplash

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