Neu im Westen: Foodsharing-Café Raupe Immersatt

Im neuen Foodsharing-Café Raupe Immersatt am Hölderlinplatz können Lebensmittel abgegeben und mitgenommen werden. Bei den dort verzehrten Speisen und Getränken gilt: Jeder zahlt so viel er möchte.

Stuttgart – Lange wurde darauf gewartet, jetzt hat es endlich eröffnet: das Foodsharing-Café Raupe Immersatt bereichert den Stuttgarter Westen mit Kaffee und geretteten Lebensmitteln. Vor zwei Wochen haben fünf junge Stuttgarter ihr Konzept in den Räumen des ehemaligen Cafés Heilignüchtern am Hölderlinplatz – unweit der neueröffneten Bäckerei-Café-Kombi Jušinski – eröffnet, wo sie Lebensmittel verschenken, die sonst in der Tonne gelandet wären. Gut besucht war es bisher immer, sagt Jana Pfeiffer. Die 24-Jährige ist eine der Initiatorinnen des Projektes. „Wir haben viel positives Feedback bekommen“, freut sie sich.

Essen vor der Tonne retten

Wer das Café betritt, staunt nicht schlecht. In der Ecke steht der Foodsharing-Schrank, an dem sich jeder bedienen kann. Darin stapeln sich Brokkoli, Salat und vieles mehr. Die Räume waren in einem „veredelten Rohbau-Zustand“, als sie sie übernahmen, sagt Mitinitiator Simon Kostelecky. Drei Monate mussten sie umbauen – was ging, erledigten die fünf selbst. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Finanzieren konnten die jungen Unternehmer den Aufbau des Cafés durch Spenden. Bei einer Crowdfunding-Kampagne kamen knapp 26.000 Euro zusammen, sagt Simon Kostelecky. Jetzt stocken verschiedene Unterstützer das Startkapital durch Mietpatenschaften auf.

Das Problem ist in der Gesellschaft noch nicht angekommen

„Wenn unsere Essens-Schränke mal leer sind, ist das für uns auch nicht schlimm“, sagt Jana Pfeiffer. Konsequent gedacht, müsste das Café sich auf Dauer selbst abschaffen. Immerhin wollen die jungen Aktivisten gegen die Überproduktion von Lebensmitteln vorgehen und sind auch nicht zu scheu, in Betrieben Kritik zu üben. „Wenn ich mal kurz vor Ladenschluss zum Bäcker gehe und die Regale noch voll sind, hake ich inzwischen nach“, sagt Jana Pfeiffer. So richtig angekommen ist das Problem in der Gesellschaft ihrer Ansicht nach noch nicht. Das Ziel sei, Leute dafür zu sensibilisieren.

Und da sind die fünf Stuttgarter mit ihrem Café auf dem besten Weg. Sie haben auch schon Anfragen von jungen Menschen aus anderen Städten, die ihrem Vorbild folgen wollen.

Die Idee ist übrigens inspiriert von der Initiative Foodsharing, in deren Namen etwa 1.500 Menschen in Stuttgart bei rund 80 Unternehmen Essen abholen, das sonst in der Tonne gelandet wäre. „Retten“ nennt Jana Pfeiffer das. „Wir alle retten Essen. Irgendwann war uns das nicht mehr genug“, sagt sie. Die Gruppe wollte das Essen an andere weiter verteilen – mit einem Café. Der Gedanke entstand im Jahr 2016, Hürden wurden überwunden, der Traum nun endlich im Stuttgarter Westen Realität.

Jana Pfeiffer erklärt ihren „Masterplan“ so: Das „Raupe Immersatt“-Team ist ein gemeinnütziger Verein, der Essen verschenkt und Getränke zu dem Preis verkauft, den die Kunden bezahlen wollen. Tatsächlich geben die meisten Gäste ähnlich viel, wie sie in anderen Cafés für ihre Getränke bezahlen würden, sagt Jana Pfeiffer. Damit und mit den Eintrittsgeldern von Veranstaltungen wollen sie die Unkosten tragen. So müssen sie etwa die Aushilfskräfte bezahlen, die sie brauchen, weil das Café zu fünft nicht dauerhaft zu führen ist. Denn zurzeit sind sie alle „hauptehrenamtlich“ dabei, wie Maximilian Kraft erklärt – das Berufsleben pausiert erst einmal. Über Wasser halten sich die jungen Leute zurzeit mit Nebenjobs und Erspartem. In naher Zukunft wollen sie die Mitarbeiter bezahlen. Denn: „Warum sollte man in einem sinnvollen Job kein Geld verdienen?“, sagt Jana Pfeiffer.

Die Lebensmittel bekommen sie von anderen Food­sharern oder Privatpersonen. Vieles davon kommt erst am Abend. Eine Speisekarte kann es also nicht geben. Sie verschenken, was reinkommt. Das sind Backwaren, süße Stücke, Obst und Gemüse, sagt Pfeiffer. Auch gekochte Lebensmittel seien dabei. Manche Dinge dürfen sie nicht weiterverteilen, wie Hackfleisch mit überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum. Die Essensretter sehen die Lebensmittel durch und entscheiden anhand der Auflagen der Lebensmittelüberwachung, was noch genießbar ist. So garantieren sie, dass keinem schlechtes Essen unterkommt.

Raupe Immersatt: Johannesstraße 97, Stuttgart-West, Öffnungszeiten: Mittwoch – Montag 10 – 22 Uhr, mehr Infos >>>

Text: Julika Wolf

Fotos: Lichtgut/Max Kovalenko

Mehr aus dem Web