Nach Chemnitz: Wir sind mehr. Und jetzt?

Chemnitz hat gezeigt: Es ist wichtiger denn je, gegen Rechts aufzustehen. Aber die Zeit ist reif, dass auch der deutsche Durchschnittsmusikhörer von seinen Helden eindeutige Statements zu hören bekommt. Ein Kommentar.

Überall – Nazis sind scheiße. So, das wars. Da steht es schwarz auf weiß. Ich hab was getan, hab den Mund aufgemacht, hab mich öffentlich positioniert und meinen Teil zu #wirsindmehr beigetragen. Ich kann mir auf die Schulter klopfen und zum Alltagsgeschehen zurückkehren. Vielleicht habe ich das letzte Mal auch mein Profilbild in der Nationalflagge eines Anschlagsziels eingefärbt, habe für Frieden gebetet oder sogar bei dieser Ice-Bucket-Challenge mitgemacht. Hauptsache, ich hab was getan. Denn man muss doch was tun.

#sindwirmehr?

Stimmt natürlich. Man, die, wir, jeder von uns muss und müssen was tun. Für Liebe und gegen Hass. Es sind schwierige Zeiten. Auf komplexe Fragen gibt es keine einfachen Antworten, das war schon immer so. Ich möchte auch nicht derjenige sein, der darüber entscheidet, wer in ein Land darf und wer nicht. Ich weiß nur: Ein Mensch, der vor etwas flieht, hat keinen Spaß dabei. Und ein Mensch, der ertrinkt, ist ein Mensch, der ertrinkt. Das sehen erschreckend viele anders. Und deswegen ist eine Bewegung wie #wirsindmehr wichtig, mutmachend, identitätsstiftend.

„Schrei nach Liebe“ im Stadion

Genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, wäre es aber, wenn auch noch andere Akteure ein Zeichen gegen Rassismus setzen würden. Da denke ich sehr gern an den Fußball oder an den Sport im Allgemeinen. Wieso nicht mal „Schrei nach Liebe“ statt „Enter Sandman“ zum VfB-Einlauf? Ich denke aber auch an die viel zu biedere, brave deutsche Popmusik. Wieso können nicht mal die Schwiegermutterlieblinge zwischen Max Giesinger, Wincent Weiss, Philipp Dittberner aufstehen und den Mund gegen Rechts aufmachen? Wieso blendet Helene Fischer nicht mal ein riesiges „FCK NZS“-Banner auf ihren kolossalen LED-Leinwänden ein? Weil sie Angst haben, Zuspruch zu verlieren, ganz einfach. Und weil sie lieber den Weg des geringsten Widerstands gehen.

Chemnitz oder anderswo: Ein Hashtag reicht nicht

So gut, so wichtig, so wiederholungswürdig ich eine Aktion wie die in Chemnitz deswegen auch finde, so schwierig finde ich sie. Natürlich finde ich es wichtig, klar Position gegen Rechts zu beziehen. Und natürlich finde ich es toll, dass so viele Leute ein Signal gegen Hass und Ausgrenzung setzen wollten. Mehr davon! Immer und immer und immer wieder! Das Problem ist aber halt dasselbe wie mit den ganzen Hashtags: Es besteht die Gefahr, dass all das verpufft. Man fühlt sich gut, geht nach Hause.

65.000 Menschen gegen rechts. (Foto: Ernesto Uhlmann)

Sieg der Liebe!

Nach aktuellen Werten ist die AfD mittlerweile die zweitstärkste Partei im Bund. Da muss selbst ein Optimist langsam einsehen, dass es in diesem Land so schnell nicht vorbei sein wird mit dem Spuk. Ein Konzert wie das in Chemnitz wird daran leider nichts ändern. Zum einen, weil die auftretenden Künstler und die 65.000 Besucher eh eine tolerante, antirassistische Position beziehen. Und zum anderen, weil unsere Gesellschaft dafür mittlerweile viel zu geteilt ist.

Deswegen können aber auch noch tausend Mal Feine Sahne Fischfilet gegen Rechts anrücken, da kann Campino noch so viele Statements abgeben: Es wird nicht reichen. Diesmal nicht. Wie gesagt: Ich bin heilfroh, dass wenigstens die es tun. Aber die Zeit ist reif, dass auch der deutsche Durchschnittsmusikhörer oder Stadionbesucher von seinen Helden eindeutige Statements zu hören bekommt. Dann, und erst dann, sind wir wirklich mehr. Sieg der Liebe!

Foto: Ernesto Uhlmann

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