Mut zur Lücke: Warum Lebensläufe nicht linear sind

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Eine Lücke im Lebenslauf? Unsere Autorin fordert mehr Gelassenheit und erzählt, warum das für die Persönlichkeitsentwicklung gut ist.

Bremerhaven/Stuttgart – Zu meinen Schulzeiten waren Lücken im Lebenslauf unvertretbar. Abschluss, Auslandsjahr, Praktikum, Studium, Job. Am besten in genau dieser Reihenfolge. Für mich gab es mehrere Gründe, warum ich diesen peniblen Plan nicht einhalten konnte. Nach meinem Abitur wusste ich nicht, was ich studieren will und hatte mit anderen Sorgen zu kämpfen.

Mach doch lieber ein Praktikum

Zwei Jahre vor meinem Abitur lag der erste stationäre Klinikaufenthalt bereits hinter mir. Meine psychische Gesundheit hatte sich stetig in den Vordergrund gedrängt. Aufgrund dieser Umstände schloss ich die Schule mit einem mittelmäßigen Notendurchschnitt ab und beschäftigte mich zunächst mit meinem Leben statt mit Unibewerbungen.

Ich stieß in dieser Zeit oft auf Unverständnis. Doch nach einem Jahr jobben wollte ich mich noch immer nicht auf ein Studium bewerben. „Dein zukünftiger Arbeitgeber wird dir aber sehr konkrete Fragen dazu stellen, willst du nicht vielleicht doch ein Praktikum machen?“

Ich tat mich schwer damit, meinem Leben eine Richtung zu geben, wenn ich doch eigentlich damit beschäftigt war, Sinn und Frieden in mir selbst zu finden.

Der gesellschaftliche Druck

Schon damals stellte sich mir immer wieder die Frage, warum meine Nebenjobs oder die Therapie nicht als genauso bedeutsam für meine Entwicklung angesehen wird wie ein Auslandsjahr in Australien oder ein unbezahltes Praktikum bei einer großen Werbeagentur.

Ich hatte also nicht nur mit gesellschaftlichem Druck zu kämpfen, sondern stellte auch mir immer wieder die Frage, ob das alles richtig ist, wie ich das mache. Immerhin gab in meinem Umfeld kaum Leute, die einen ähnlichen Lebensweg bestritten.

Es ist nun fast sechs Jahre her, dass ich die Schule abgeschlossen habe. Ich studiere jetzt im dritten Semester etwas, was mir wahnsinnig viel Freude bereitet. Bis jetzt hat mich auch noch niemand gefragt, warum ich so lange gewartet habe mit dem Studium. Und wenn, dann antworte ich, dass meine psychische Gesundheit meine oberste Priorität war – und auch noch immer ist.

Das eigene Lebenstempo finden

Es ist okay ein anderes Tempo im Leben einzuschlagen. Vielleicht gar nicht zu studieren, eine Ausbildung zu machen, doch in einen Job einzusteigen. Wir sind so individuell, wir lernen unterschiedlich und haben andere Prioritäten. Es gibt keinen Plan X, an den man sich halten muss.

Rückblickend sind die vier Jahre zwischen Abitur und Studium nur ein kleiner Abschnitt im Vergleich zu dem, was ich in dieser Zeit über mich lernen konnte. Heute bin ich froh in meinem Lebenstempo angekommen zu sein – und rückblickend würde ich alles wieder genauso machen.

(Titelbild: Daniel Spase/unsplash)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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