Muss man Stuttgart wollen?

Baustellen, Betonwiesen und dicke Luft: So richtig gut ist Stuttgarts Ruf außerhalb der Stadtgrenzen nicht. Zurecht?

Stuttgart – Ganz ehrlich, manchmal ist Stuttgart echt anstrengend. In meiner ersten eigenen Wohnung konnte ich die Fenster nicht putzen, weil die Mikrofaserlappen sofort schwarz und die Scheiben höchstens schlierig grau wurden. An jeder Straßenecke gibt es mehr Baustellenzäune als anständige Eckkneipen. Und wenn ich am Marienplatz abends noch schnell einkaufen gehen wollte, habe ich mich lange nicht getraut, die Jogginghose anzulassen, weil die halbe Stadt auf den Treppen saß und mich anstarrte wie Hulk in einem Ballerinakostüm.

Schlechte Aussichten im Metropolen-Tinder

Dass jede Stadt so ihre Schattenseiten hat, ist mir klar. Aber in Stuttgart erschienen sie mir lange Zeit besonders düster. Vielleicht weil die Sonne einfach eine Weile braucht, bis sie es in den Kessel schafft. Vielleicht auch weil ich hier aufgewachsen bin und man dieses „Hier ist doch alles doof“-Gefühl irgendwann fast wie von selbst mit dem Ort verbindet, der einem besonders nah ist.

Doch in Stuttgart gibt es allen Nachteilen zum Trotz seit jeher diesen seltsamen Lokalstolz, den ich nie so richtig verstanden habe. Stuttgart muss man wollen, sagen die Leute dabei mit geschwellter Brust – als wäre das mit dem Wollen eine besonders knifflige Aufgabe, die sie schon gelöst haben, während man selbst noch dabei ist, den Einleitungssatz zu verstehen. Aber…warum muss ich eigentlich?

Zwischen all den Schönlingen im Metropolen-Tinder schneidet die Stadt doch oft ziemlich miserabel ab. Während Hamburg auf gut gefilterten Bildern mit seiner Alsterromantik posed, Berlin gleich mit einem ganzen Panoptikum an Versprechungen lockt und München in seiner Bio wie nebenbei erwähnt, dass man hier morgens direkt in der glasklaren Isar schwimmen gehen könnte, flirtet Stuttgart mit niemandem. Stattdessen hat die Stadt ein Profil wie eine Dorfdisco: solide, funktional und ein bisschen miefig.

Typisch Stuttgart?

Foto: Jan Genge

Doch genau das macht sie für mich auf eine besondere Art und Weise schön – fernab von patriotischem „Wollen-Müssen“. Denn auch der Charme einer Dorfdisco liegt nicht darin, dass sie der einzig erreichbare Schuppen weit und breit ist. Sondern darin, dass sich hier zwischen abgewetzten Polstermöbeln und fragwürdigen DJ-Sets alles so wunderbar real anfühlt.

In Stuttgart findet man ein ähnliches Gefühl. Denn zwischen all ihren Bausünden und Feinstaubproblemen ist die Stadt radikal ehrlich zu den Menschen, die hier leben. Nie hat sie behauptet, der Marienplatz sei etwas anderes als eine schmuddelige Betonfläche an der Zahnradbahn. Oder der Monte Scherbelino mehr als ein Haufen aufgetürmter Weltkriegstrümmer. Sie versucht nicht, schöner zu sein, als sie ist.

Konfetti gegen Beton-Atmosphäre

Und einschüchtern lässt sich von so viel offensichtlicher Asphalt-und-Blech-Atmosphäre hier kaum jemand. Weil man es nicht anders kennt, erobert man sich die Hässlichkeit eben zurück, streut Blumen auf den Beton und Konfetti auf die Scherben – und das ist manchmal wirklich beeindruckend.

Die Menschen in Stuttgart machen jeden halbwegs passablen Ort so gut es geht lebenswert – deswegen gibt es unter der Paulinenbrücke statt eines miefigen Parkplatzes jetzt Kinoabende und Lichterketten. Und deshalb tummelten sich im Fluxus so viele Ideen und Tagträume. Der einzige Feind: die gut kultivierte Stuttgarter Nörgel-Kultur, die mit ihrem „Irgendwer wird schon was dagegen haben“-Duktus zuverlässig dafür sorgt, dass das meiste schnell wieder eingestampft werden muss. Doch unterkriegen lässt man sich hier trotzdem nicht: Man rollt höchstens genervt mit den Augen, verflucht die Bürokratie und blüht dann irgendwo anders wieder auf.

Gerade das macht die Stadt auf eine Art und Weise sympathisch, die den großen Playern schon lange verloren gegangen ist. Während andere Metropolen selbstsicher ihr gut gepflegtes Image vor sich hertragen, zuckt man in Stuttgart nur mit den Schultern. Denn nicht dem Dresscode zu entsprechen, macht uns hier schon lange keine Angst mehr.

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