Von müden Tagen und Mut im Bauch

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal geht es um ganz normale Tage und Mut im Bauch.

Bremerhaven/Stuttgart – Manchmal wache ich morgens auf und alles ist okay. Der Bus kommt pünktlich, mein Mittagessen schmeckt und im Briefkasten liegt keine Rechnung. Wenn ich dann abends im Bett liege und daran denke, dass der Tag mit nicht weiter nennenswerten Ereignissen stattfand, drehe ich mich zur Seite und kann gut schlafen.

Die Monotonie des Alltags als Ruheinsel

Ich bin wahnsinnig schnell gelangweilt, mein Inneres möchte immer die Extreme aller Emotionen empfinden, am besten rund um die Uhr. Man könnte also meinen, dass solche Tage eine Herausforderung sind. Das waren sie auch, aber ich habe gelernt diese Tage anzunehmen und wertzuschätzen.

In einer depressiven Episode fühlt sich alles schwer an. Der Gang vor die Tür lässt Mauern in mir zuwachsen und ich fühle mich ganz und gar nicht wohl in meiner Haut oder mit meinen Gedanken allein. Normale Tage sind für mich Ruheinseln, die mir die Normalität von psychischer Gesundheit vor Augen führen. Die Wege im Alltag sind zwar auch nicht immer spaßig, aber leichter. Ich kann meine Wäsche waschen. Ich kann mich mit Freunden treffen und ich kann mit mir alleine sein. Oft bin ich misstrauisch und kann die Ruhe nicht aushalten. Obwohl ich weiß, dass die Ruhe okay ist und da sein darf.

Mut im Bauch

An ruhigen Tagen, zumindest fühlt sich das so an, kann ich meine Psyche von außen betrachten. Ich kann Situationen besser einschätzen und Vergangenes einordnen. Ruhige Tage sind mein Reset-Button für alle Tränen der voraus gegangenen Wochen. Ich kann meine Kräfte sammeln und finde wieder zurück zu mir selbst und meinem Leben. Das macht Mut in meinem Bauch und alles fühlt sich machbar an.

Es ist schwer nicht wehmütig zu werden und zu wissen, dass diese Ruhe so schnell und unangekündigt gehen kann, wie sie kam. Mit Mut im Bauch lässt es sich aber aushalten und mein Geschirr abspülen und Dokumente sortieren und das Bett beziehen.

Am wildesten ist eigentlich die Nähe, die ich durch solche Tage zu mir selbst finde. Ich kann klar differenzieren, dass ich nicht meine psychische Erkrankung bin. Es ist schön zu wissen, dass ich auch mal gar nichts Besonderes fühle, den ganzen Tag über. Manchmal folgt auf einen ruhigen Tag noch ein ruhiger Tag. Und manchmal wird daraus eine Reihe von ruhigen Tagen und sogar eine Woche oder zwei. Das macht eine ganze Menge Mut im Bauch.

 

Titelbild: Unsplash/Ramin Mireyev

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

Mehr aus dem Web