Mit Politikern durch die Clubs von Stuttgart

Politiker aus dem Stadtrat sind am Wochenende durch die Clubs der Stadt getourt und haben sich die Sorgen der Clubbesitzer angehört. Bekommt Stuttgart nun bald einen Nachtbürgermeister?

Stuttgart – Freitagabend, 22.30 Uhr. Im White Noise ist das Licht an. Der Club am Josef-Hirn-Platz wird gleich öffnen, vor der Tür tummeln sich schon die ersten Nachtschwärmer. Drinnen hat sich eine Gruppe von etwa 15 Menschen versammelt, die sich in dieser Konstellation wohl nie zum Feiern getroffen hätte.

Club Kollektiv lädt zum Polit-Clubbing

Vertreter von Kulturreferat und Stadtrat wollen durch die Stuttgarter Nachtszene touren und mit den Clubbesitzern ins Gespräch kommen. Das Club Kollektiv Stuttgart, das die Interessen der Clubs und Veranstalter bündelt, hatte dazu eingeladen: Fünf Locations, fünf Themen rund um das Stuttgarter Nachtleben stehen auf der Agenda. Insbesondere die jungen Mitglieder aus den Fraktionen von SPD, Grüne, CDU, FDP und Die Fraktion sind der Einladung gefolgt.

Junge Kommunalpolitiker zogen am Freitag durch die Clubs von Stuttgart und sprachen mit den Clubbesitzern. Foto: Lea Weinmann

„Wollen wir eine belebte Stadt oder nicht?“

Ein Tagesordnungspunkt: der nächtliche Lärm, der immer wieder zu Streit zwischen Anwohnern und Feiernden führt. Im Herbst vergangenen Jahres hatte die Stadtverwaltung nach Beschwerden von Anwohnern in dem Areal um die Eberhardstraße und den Josef-Hirn-Platz die umstrittene Sperrstunde wieder eingeführt. In der Folge hätten die Clubs Dilayla, White Noise und Bar Romantica um 5 Uhr schließen müssen. Ein Gericht hat die Sperrstunde zwar vorläufig wieder aufgehoben – damit ist das Thema aber nicht vom Tisch.

„Das ist ein sehr großes Problem für uns“, sagt Ninette Sander, Inhaberin des White Noise, und bemängelt die fehlende Rückendeckung vonseiten der Stadtverwaltung. Sie wolle „ein Miteinander“ und sei auch bereit, auf die Anwohner zuzugehen. Klar sei aber auch: „Wer in die Innenstadt zieht, um seine Ruhe zu haben, der tut mir leid.“ Man müsse sich entscheiden, so Sander: „Wollen wir nun eine belebte Stadt oder nicht?“ Noch deutlicher wird kurz darauf Yusuf Oksaz, Besitzer des Billie Jean (ehemals Romy S.) und des Dilayla, das ebenfalls von der Sperrstunde betroffen war: „Was wir hier leisten, kriegt die Stadt gar nicht mit“, sagt Oksaz. Stattdessen lege man ihm Steine in den Weg, so das Szene-Urgestein.

Nachtbürgermeister für Stuttgart

Ein Vermittler zwischen Anwohnern, Clubs und Stadtverwaltung könnte die Wogen glätten, meint das Club Kollektiv. Der Interessenverband hat sich unter anderem deshalb bei allen Fraktionen für das Amt eines Nachtbürgermeisters stark gemacht: „Wir wollen jemanden, der in der Szene gut akzeptiert wird – keinen Kummerkasten und keinen Sheriff“, sagt Vorstandsmitglied Colyn Heinze vor dem Eingang der Schräglage, aus deren Keller die Musik wummert.

Die Idee des Verbands hat überzeugt: Dass der „Night Mayor“ kommen wird, sei schon „relativ sicher“, sagt Markus Rehm, Persönlicher Referent des Ersten Bürgermeisters Fabian Mayer (CDU). Nur über die Aufgaben eines solchen Nachtbürgermeisters sind Fraktionen und Verwaltung in der Nacht von Freitag auf Samstag noch uneins.

„Veranstalter können sich vieles nicht mehr leisten“

2 Uhr. Die Gruppe ist beim letzten Club angekommen, dem Freund und Kupferstecher am Berliner Platz. Augen reiben, unterdrücktes Gähnen. Walter Ercolino, Leiter des Popbüros Region Stuttgart, spricht über den „riesigen kulturellen und sozialen Faktor“ des Nachtlebens. Er plädiert für eine Veranstalterförderung der Stadt, da sich „die Veranstalter viele Dinge nicht mehr leisten“ könnten. „Wenn es keine popkulturelle Infrastruktur gibt, dann fehlt der Stadt vieles“, so Ercolino. Nach knapp vier Stunden zwischen Electronic Club, Disco und HipHop-Musik widerspricht da keiner mehr.

Foto: Lea Weinmann