Mit dem VW-Bus um die Welt

Jana Evers und Mark Schulze haben ihr altes Leben in Stuttgart aufgegeben, um in einem alten VW-Bus durch die Welt zu reisen. Warum eigentlich?

Stuttgart – Ein kleines bisschen wehmütig stehen sie jetzt schon hier oben an diesem Aussichtspunkt in der Gustav-Siegle-Straße. Wie von vielen Punkten im Westen hat man auch von hier einen grandiosen Blick auf den Kessel, den Fernsehturm – auf das eben, was Stuttgart ausmacht. 

Aufbruch in die Ferne

So gern die Grafiker Jana Evers (30) und Mark Schulze (33) in den letzten Jahren auch von diesen Orten auf ihre Stadt heruntergeblickt haben, so gern sie im Westen zuhause waren: Sie haben ihr Leben in Stuttgart aufgegeben. Sie haben sich losgesagt von allen beruflichen Verpflichtungen und privaten Angewohnheiten. Und sind in die Ferne aufgebrochen. Ins Ungewisse. Bei aller Romantik, die in einer solchen Idee mitschwingt, bei allem Idealismus, ist es bei dem Paar dennoch keine Kurzschlussreaktion, die sie dazu gebracht hat, ihre Wohnung zu kündigen und ihren Hausrat zu verscherbeln.

Dennoch stellt sich die Frage: Wieso ist es ausgerechnet bei diesen beiden jungen Stuttgartern nicht bei einer vagen Idee, bei einem kühnen Traum geblieben wie bei so vielen anderen? „Obwohl wir es nie laut aussprachen, hatten wir beide schon immer diesen Wunsch“, plaudert Evers drauflos, als wir die zwei kurz vor ihrer Abreise treffen. „2016 schafften wir uns unser erstes Auto an, einen Berlingo. Schon damals wollten wir einen Bus, hatten aber nicht das nötige Geld. Nur fünf Monate später fuhr uns nachts jemand rein, als der Wagen an der Straße stand. Totalschaden.“ Anstatt zerknirscht zu sein, sahen die beiden ein unmissverständliches Zeichen in diesem Unfall. „Wir wussten sofort: Jetzt wird es halt doch der Bus!“, lacht sie.

Einfach mal losfahren

Sobald der Bus angeschafft war, stand die Idee im Raum, einfach mal loszufahren und so schnell nicht mehr zurückzukommen. Das hatte nichts Bedeutsames, es wurde nicht feierlich bei Champagner besiegelt. „Groß diskutiert haben wir darüber gar nicht. Wir haben es einfach gemacht und nach und nach alles in die Wege geleitet“, meint Evers achselzuckend.

Anfang 2017 fingen sie an, einen groben Plan zu schmieden, zwölf Monate später sollte die Reise losgehen. „Ohne Plan geht es nicht“, ist sich Schulze sicher und verweist auf zahlreiche große und kleine To-Do-Listen. Da gab es Jobs, die zu kündigen sind, eine Wohnung, die es aufzulösen gilt, ganz allgemein ein altes Leben, von dem sich die beiden verabschieden mussten.

Ein kuscheliges Zuhause auf Rädern

Ein entsprechend anstrengendes Jahr liegt hinten den beiden: Jede freie Minute investierten die Hobby-Bastler in den Umbau des Busses, jeder Euro wurde entweder in die Vorbereitungen gesteckt oder auf die Seite gelegt. Ihren Jahresurlaub verbrachten sie in Hamburg, wo sich Janas autoaffiner Vater mit den beiden darum kümmerte, dass aus dem alten Bus ein Zuhause auf Rädern wird.

Und in der Tat: Aus einem VW-Bus LT28, Baujahr 1983, ist ein kleines, aber kuscheliges Zuhause auf Rädern geworden. „Ein paar Bilder, eine Pflanze, Notizbuch, Spiele, Bücher, eine Landkarte, Lichterkette, Geschirr. Wohnzimmer, Küche, Badezimmer, ein Schlafzimmer im oberen Geschoss, sozusagen – eine beheizte Wohnung auf kleinstem Raum „Für Kruscht ist hier kein Platz, also nehmen wir am ehesten Erinnerungen mit“, sagt Evers. „Aber auch das gehört dazu: Dinge hinter sich zurückzulassen.“

Kilometerstand: 275.000

7.000 Euro hat das Aussteigerfahrzeug gekostet, weitere 6.000 flossen in den Umbau des betagten Mobils. Mit 245.000 Kilometern auf dem Tacho hat der Bus schon viel gesehen, steckt aber locker noch mal so viel weg.

Richtig zufrieden wirken die beiden, wie sie hier am Tisch sitzen und erzählen, dass sie den Bus mittlerweile in- und auswendig kennen. Nach all dem Stress und den kurzzeitig aufflackernden Zweifeln, ob man tatsächlich das Richtige tut, können die beiden jetzt kaum erwarten, dass die Reise beginnt. Sie wollen bewusster leben, mehr in der Natur sein, wieder lernen, mit weniger auszukommen.

Agentur auf vier Rädern

Die letzten Tage in Stuttgart verbringen sie bei einem Freund, bald schon setzt sich ihr rollendes Zuhause langsam und bedächtig in Bewegung. „Sobald du im Fahrersitz sitzt, fährst du runter und bist im Reisemodus“, schwärmt Schulze von der Zen-Wirkung des Gefährts. Seine Freundin ergänzt ihn: „Es ist schön, endlich mal wieder langsam vorwärts zu kommen und zu sehen, wie sich die Landschaft verändert. Selbst von Stuttgart nach Hamburg tut sich so viel.

Das wird auch ihre erste Destination sein. Erst mal nach Hamburg für letzte Arbeiten am Bus, dann weiter bis zum Nordkap. Und danach? Wer weiß. „Wir wollen selbst entscheiden, wann wir zurückkommen“, so Evers. Irgendwas zwischen einem Jahr und drei Jahren wären durchaus denkbar. Je nachdem eben, wie es beruflich läuft. Denn einfach nur auf der faulen Haut liegen wollen die beiden Grafiker nicht. „Wir wollen uns mal als rollende Agentur versuchen“, berichtet Schulze. „Wir brauchen nur Internet und einen Laptop, um zu arbeiten, und können theoretisch so lange durch die Welt reisen, wie wir Initiative ergreifen und Jobs an Land ziehen.“

Wir können nicht scheitern, denn wir haben gar kein Ziel.

Um sich genau diese Freiheit zu gewähren, hat Evers ihre Stelle als Grafikerin komplett gekündigt, der ebenfalls als Grafiker tätige Schulze wechselte schon vor einigen Monaten ins Freiberuflermilieu. Und wenn es irgendwie doch nicht klappt? Ever schüttelt lässig den Kopf: „Wir können nicht scheitern, denn wir haben gar kein Ziel.“

Die beiden haben nichts mit glorifizierendem Hippie-Dünkel am Hut und könnten auch nicht weiter von den Freaks im deutschen Auswanderer-Fernsehen entfernt sein, die mit 5.000 Euro Cash in Australien ein neues Leben anfangen wollen. Das Paar hat die Chance ergriffen. Hat seinen Traum verwirklicht, solange es noch ging. Oft hörten sie im Bekanntenkreis, wie gern man so etwas auch mal gemacht hätte, aber jetzt ja die Kinder oder den Job oder das Haus oder sonst was hat.

Entsprechend gut fühlen sich die beiden mit dieser großen Entscheidung. „Für mich ist es unglaublich wertvoll, eine bewusste eigene Entscheidung getroffen zu haben“, nickt Schulze. „Man muss sich nur bewusst machen, dass eh nie alles perfekt läuft und dass man auch mal die Kontrolle abgibt.“ Das kennt er noch aus seinem alten Leben als passionierter Tramper. „Ich hatte die besten Momente immer dann, wenn ich bewusst losgelassen habe.“

Also blicken die beiden mit Vorfreude, Neugier und Aufregung in ihre Zukunft. Sicher werden ihnen ihre Freunde fehlen, sicher auch das Vertraute der langjährigen Heimatstadt. Schulze: „Doch an diese Stelle tritt die Freude auf das Unbekannte.“ Oder um es mit den Worten des Reisepoeten Jack Kerouac zu sagen: „Nichts hinter mir, alles vor mir, wie das auf der Straße immer ist.“

Von ihrer Reise berichten die beiden auf ihrem Blog www.projectjustus.de.

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