Mini-Haus auf B27: Ben lebt an der Schnellstraße

7,3 Quadratmeter Wohnfläche, inklusive Küche und Bad – Ben Stojanik wohnt für zwei Wochen mitten auf einer Kreuzung der B27 in Ludwigsburg. Ständig stehen Passanten in seinem Garten. Warum er nachts trotzdem den Vorhang offenlässt, hat er Stadtkind verraten.

Ludwigsburg – Mitten auf der Sternkreuzung in Ludwigsburg steht ein rechteckiger Kasten. Passanten, die die Straße überqueren, bleiben davor stehen. „Was ist denn das?“, fragt eine. Viele spähen neugierig durch den Eingang, der schneckenhausförmig zum Mikro-Häuschen führt. Wer sich hineintraut, steht direkt im Garten von Ben Stojanik. Auf dem Rasen blubbert ein kleiner Brunnen. Der Vorhang der Fensterfassade ist offen und gibt den Blick frei auf die gesamte Wohnung: Küche, Bad, Bett – voll eingerichtet, 7,3 Quadratmeter.

Leben auf dem Präsentierteller

„Die Leute erschrecken oft, wenn sie merken, dass hier wirklich jemand wohnt“, berichtet Ben. Der 21-Jährige lebt für zwei Wochen in der Miniatur-Wohnung. Mit den vielen Besuchern hat er kein Problem. Sogar nachts, wenn er schläft, bleibt der Vorhang meistens offen. „Für mich sind die zwei Wochen auch ein soziales Projekt. Ich zeige den Leuten ganz transparent wie ich lebe – damit kann ich auch ein bisschen provozieren.“ Auch während des Interviews mit Stadtkind laufen ununterbrochen Leute in den Garten. Ben liegt in einem der beiden Liegestühle, die er in der Wohnung verstauen kann, ein Bier in der linken Hand. Er grüßt jeden Besucher freundlich und erklärt ihnen das Projekt.

Wettbewerb zum Stadtjubiläum Ludwigsburg

Das Mikrohofhaus ist aus einem Wettbewerb hervorgegangen: Stadt und Museum in Ludwigsburg suchten zum 300-jährigen Stadtjubiläum eine Idee, wie Wohnen in der Zukunft aussehen könnte. Das Atelier Kaiser Shen hat das Rennen gemacht: Die Architekten wollen zeigen, wie Wohnen auf kleinstem Raum und an unwirtlichen Orten möglich sein kann.

Ein Schuhkartonhaus auf der B27 – kleiner und unwirtlicher geht kaum. „Wir wollen mit dem Projekt das Thema Wohnungsnot zugespitzt thematisieren. Es soll eine Debatte anstoßen, wie man Restflächen nutzbar machen könnte“, sagt Elisabeth Meier vom Ludwigsburg Museum.

Schwäbisches Häusle mit chinesischem Vorhof

Ben Stojanik kommt mit seiner Wohnsituation gut klar: „Ich habe alles, was ich brauche und es kommt mir auch nie klein vor. Der Wohnraum lässt sich auf jede Situation abstimmen.“ Das Bett etwa lässt sich mithilfe einer Klapptechnik tagsüber zur Couch umwandeln, Dusche und Toilette sind hinter einer Schiebetür versteckt. Durch den freien Blick auf den Garten fühle sich die Wohnung sogar großzügig an. Und der Garten ist im Vergleich zum Häuschen etwa viermal so groß. „Schwäbisches Häusle mit chinesischem Vorhof“, sagt der Student lachend.

Der Innenhof ist durch eine Mauer nach außen abgegrenzt – sie bietet Sicht- und Lärmschutz. Auch der Brunnen im Garten sieht nicht nur hübsch aus, sondern filtert den Straßenlärm. Immerhin donnern rund um die Uhr Autos links und rechts an dem kleinen Häuschen vorbei. Schlafen kann Ben trotzdem gut: „Wer in Stuttgart an einer Hauptstraße wohnt, muss mit mehr Lärm klarkommen.“

„Man braucht nicht viel zum Leben“

Für die zwei Wochen muss der Architekturstudent keine Miete zahlen. Nach Ben werden noch viele weitere auf der B27 übernachten: Bis Oktober 2018 ist das Mikrohofhaus durchgängig bewohnt. Natürlich kann nicht jeder seinen gesamten Hausrat mitbringen. Auch Ben ist nur mit einem Koffer eingezogen. „Mir ist durch das Experiment allerdings klar geworden, dass man wirklich nicht viel zum Leben braucht. Ich habe hier alles, was ich brauche – sogar einen Garten!“

Der Student kann sich durchaus vorstellen, dass man in Zukunft so wohnen könnte. Auch er würde gern noch ein bisschen länger in dem Mikrohaus leben. Einziges Manko: „Ich studiere in Stuttgart und Ludwigsburg und das ist dann schon noch mal eine Ecke weiter weg als meine WG in Stuttgart-West. Der längere Weg zur Uni nervt“, sagt er lachend und trinkt einen Schluck Bier. Und schon stehen die nächsten Besucher im Garten.

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