Meine Essstörung und ich

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Heute blickt sie zehn Jahre zurück und erinnert sich an ihre Essstörung.

Triggerwarnung Der Text enthält explizite Beschreibungen von selbstschädigendem Verhalten (Essstörung).

Bremerhaven/Stuttgart – Mit 14 Jahren dachte ich das erste Mal, ich sei zu dick. Mein Körper war kurz vor der Pubertät, leicht untergewichtig und zierlich gebaut. Mein Kopf jedoch zeigte mir im Spiegel ein komplett verzerrtes Bild meines Körpers.

Vor zehn Jahren

Es ist Dienstagabend, ich war lange in der Schule und komme erschöpft nach Hause. Nach dem Supermarktbesuch, der wöchentlich so gut wie jeden Tag stattfindet, fällt die Anspannung und ich schwebe in einem Zustand der Leere. Den ganzen Tag dachte ich daran, dass meine Oberschenkel zu breit sind. Meine Schultern sind komisch gebaut und meine Beine unförmig im Vergleich zu meinen Armen. Meine Hüfte ist zu breit und mein Gesicht geschwollen.

Ich schließe die Tür hinter mir und mache das Licht aus. Vor mir lege ich fein säuberlich meine Einkäufe zurecht und mache Musik an. Jedes Lebensmittel lege ich an seinen Platz in die richtige Reihenfolge. Fast schon meditativ fasse ich jedes Essen an und überlege wie viele Kalorien vor mir liegen. Ich habe die letzten Tage kaum gegessen und alles fein säuberlich in meinem kleinen, grünen Notizheft notiert. Dann fange ich an zu essen, alles in der vorgegebenen Reihenfolge. Insgesamt brauche ich dafür fünfzehn Minuten. Das Adrenalin rauscht in meinen Körper und dann plötzlich kommt die Panik.

Langsam stehe ich auf und betrachte mich im Spiegel. Ich beginne zu weinen und der überwältigende Hass auf mich und meinen Körper schmerzt in der Brust. Ich bewege mich Richtung Badezimmer. Die Kloschüssel ist kalt, aber ich klammere mich an den Rand.

Das Licht bleibt aus, die Spülung dröhnt in meinen Ohren

Nachdem ich mich von allem befreit habe, was ich Minuten zuvor in meinen Körper gezwungen habe, betrachte ich die bunten Farben im Wasser vor mir. Ich weine immer noch und drücke die Spülung. Im Spiegel sehe ich meine roten Augen und die aufgequollenen Wangen. Vom Adrenalin berauscht, wackelig und leer lege ich mich vor mein Bett. Ich bin erschöpft, fühle mich widerlich und spüre die Leere zur Seite weichen. Ich spüre meinen Körper und merke, dass ich atme. Meine Augen schmerzen und während ich meine Oberschenkel betrachte, fällt mein Blick auf die Einkaufstüte.

Ich stehe auf und leere den Inhalt vor mir aus. Langsam beginne ich alles an seinen Platz, penibel, in die richtige Reihenfolge zu legen. Die kommenden Tage werde ich im grünen Notizheft bei der Anzahl der Kalorien eine Null eintragen.

Anmerkung

Dieser Text gibt einen kleinen Einblick in den Teufelskreis einer bulimischen Erkrankung. Bulimie ist eine Essstörung, bei der Betroffene in kürzester Zeit hochkalorische Lebensmittel zu sich nehmen und diese durch Erbrechen, Hungern, exzessiven Sport und/oder Abführmittel versuchen wieder zu „kompensieren“. Betroffene haben ein verzerrtes Bild von ihrem Körper, ein gestörtes Verhältnis zu Lebensmitteln und sind gefangen in Selbsthass und Ekel. Die Erkrankung und deren Verhalten wird meist verheimlicht und Betroffene sind großer Scham ausgesetzt. Bulimie bleibt oft unentdeckt, da Betroffene meist normalgewichtig sind und über ihr Essverhalten lügen.

Bulimie kann unter anderem zu Schlafstörungen, Haarausfall, schwankendem Körpergewicht, Nierenschäden, Herzrhythmusstörungen und Karies führen.

Weitere Informationen bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

(Titelbild: Unsplash/Rodolfo Sanches Carvalho)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft, erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

A.B.A.S. bietet in Stuttgart Unterstützung bei Essstörungen an.

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