Mehr Empathie: Aus den Reaktionen zu Notre-Dame lernen

Montagabend stand die Pariser Kathedrale Notre-Dame plötzlich in Flammen. Bilder, die weltweit betroffen machten. Gleichzeitig entfachte eine Online-Diskussion darüber, welche Art von Anteilnahme eigentlich angemessen ist. Was wir aus den Reaktionen über Empathie lernen können.

Stuttgart – „Ein Symbol europäischer Kultur in Flammen“ – die Bilder vom brennenden Dachstuhl der Kathedrale Notre-Dame lösten weltweite Bestürzung aus.  Zu viel Bestürzung? Verletzt wurde niemand. Die genaue Brandursache ist noch unklar, man geht jedoch von einem Unglück aus. Ein Unglück, das im Internet für verschiedene Reaktionen sorgte. Betroffenheit, Spott über die Betroffenheit, Kritik zur Betroffenheit, Betroffenheit über die Reaktionen zur Betroffenheit, Facebook-Titelbilder und auch den ein oder anderen Mittelfinger für spontane Spenden in Millionenhöhe.

Die Angst vor dem Verschwinden

Schon wenige Minuten nach der Eilmeldung füllten sich Instagram-Feed und Stories mit Fotos von dem Pariser Wahrzeichen. Von der Kleinfamilie über Fashion-Blogger, die vor Notre-Dame posieren, bis hin zu kunstgeschichtlichen Facts war so ziemlich alles dabei.

Und natürlich ließen auch die ersten kritischen Kommentare nicht lange auf sich warten: „Damit bekommt man den Brand jetzt auch nicht gelöscht.“ Das stimmt schon, mit dieser Aussage jedoch auch nicht.

Im ersten Moment ist es eben genau das, was man auf derartigen Plattformen so macht: Nämlich persönliche Erinnerungen und Gedanken mit anderen zu teilen. Nennt es unnötig, nicht hilfreich und vielleicht auch (leider) oft ohne tieferen Sinn, aber im Grunde ist es „nur“ eine von vielen Reaktionen auf ein (tragisches) Ereignis, welches in der Öffentlichkeit besprochen wird.

Eine Aussage, die ich gestern dazu aufgeschnappt habe, finde ich persönlich ganz passend und vielleicht trifft genau diese auch den Kern unserer Draufhalte-Mentalität: Es war die Rede von der Angst, dass Erinnerungen einfach überschrieben werden, weil sie nach und nach vor unseren Augen verschwinden. Ein Gedanke, den man einfach mal so stehen lassen und weiterdenken kann.

Mehr Empathie

Auch Instagramerin, Podcasterin und Aktivistin Madeleine Daria Alizadeh reagierte auf die weltweite Anteilnahme an der brennenden Kathedrale in Paris – jedoch nachdenklich, unter anderem mit dem Blick auf unseren Planeten: „when we see that something we care about is in flames, we’re affected. And apart from the fact that Notre Dame’s fire is devastating: what is with our house, our planet, that is on fire? (…) Not only Notre Dame will be gone if we don’t act.“

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Please watch my insta story for deepened elaboration on the topic // Yesterday the Cathedral of Note Dame , one of the worlds most important cultural sights, stood in flames due to renovation complications. People were weeping out on the streets of Paris and Instagram was full of condolences and participation. And this made me think: when we see that something we care about is in flames, we’re affected. And apart from the fact that Notre Dame’s fire is devastating: what is with our house, our planet, that is on fire? Humanity has wiped out 60% of wild life since 1970 and more than 90% of the world’s children breathe toxic air every day. According to a report by the UN Intergovernmental Panel on Climate Change we have 11,5 years from now to avoid a avoid catastrophic environmental breakdown. As @gretathunberg says: “Our house is on fire.” It’s not only Notre Dame that burns, it’s also our existence, our soil, our forrests and oceans that literally are burning down if we don’t act. We need to care about our cultural, but also ecological heritage. I’m moved by this beautiful building burning down, I couldn’t believe my eyes when I saw it and I feel so sorry for all locals that have emotional connection to this building. And I hope some day people will be as moved by the threats humanity is facing due to climate heating. Not only Notre Dame will be gone if we don’t act. / photo by @christopher__burns

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Unter diesem Post fühlten sich viele angegriffen – ist meine Trauer nicht „gut genug“ oder für die „falsche Sache“? „Können diese Umweltaktivisten bitte aufhören festzulegen, warum und wie traurig wir eigentlich sein dürfen?“

Screenshot Instagram Story @dariadaria

Dabei will hier niemand Menschen ihre Trauer absprechen. Vielmehr zeigt sich der Wunsch nach offeneren Augen für die Dinge, die vor uns beginnen zu verschwinden.

 

 

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Ich dachte eigentlich, es sei nicht notwendig so ein Video hier zu posten, aber seit dem Brand des Notre Dame wird mir bewusst, wie ignorant wir eigentlich sind. Ich spreche mit diesem Posting niemanden an, der sich allgemein in irgendeiner Form politisch oder zur Gesellschaft äußert, ich spreche hiermit auch keinem die Trauer über die Geschehnisse ab – natürlich ist das, was passiert ist, extrem traurig. In meiner Liste hier aber haben so viele bekannte Persönlichkeiten ihre Trauer zu Notre Dame bekundet, von denen ich leider sonst nie etwas zu anderen tragischen Geschehnissen oder Umständen auf der Welt höre. Und das frustriert so hart. Es ist ironisch, dass unsere westliche Welt und besonders unsere Generation in fast weltfremder Manier in Schock und Schrecken durch die Tragödie von Notre Dame versetzt wird, ihr aber nicht bewusst scheint, wie üblich es in anderen Teilen der Welt ist (und selbst hierzulande vor nicht allzu langer Zeit noch war), dass bedeutende historische Bauten und Häuser vor den Augen ihrer Bevölkerung und Bewohner durch Kriegshandlungen zerstört werden. Vor kaum mehr als ein paar Jahren wurde die einst aufblühende syrische Haupstadt Damaskus, komplett zerbombt und als Ruine von Stadt hinterlassen. Diese Bilder haben wir alle gesehen. Und obwohl das Ausmaß dieser Katastrophe so unendlich viel größer war für Millionen von Menschen auf dieser Welt, hat es leider nicht die gleiche Reaktion hervorgerufen. Ganz abgesehen davon, dass innerhalb von 2 Tagen einige wenige Milliardärs-Familien ganz kurz mal 600 Mio. Euro für den Wiederaufbau des Notre Dames zugesichert haben… Ich wünsche mir mehr Solidarität als Menschen dieser Erde, nicht als Europäer, als Muslime, als Christen oder Juden oder Veganer. Wir sitzen alle im gleichen scheiss Boot. Genauso wenig scheinen wir zu erkennen, wie symbolisch dieser Brand für unsere Zeit und unser Klima ist und dass dieses Gefühl der Zerstörung von Dingen, die nie wieder in dieser Form rekreiert werden können, das dominante Gefühl des 21. Jahrhunderts sein wird. Mehr Gedanken zu Notre Dame findet ihr in meiner Story.

Ein Beitrag geteilt von WANA/ WERNER/ WANYE WEST (@wanalimar) am

Es ist die „echte“ Empathie an der es uns oft fehlt. Empathie für die wir blind geworden sind, was Ereignisse wie der Notre-Dame Brand zum Vorschein bringen. Denn Anteilnahme ist das, was wir brauchen: Nicht nur in Europa, nicht nur für die westliche Welt, sondern auch für Terror in Moscheen, zerbombte Häuser und hilflose Menschen in Kriegsgebieten, für unsere Welt im allgemeinen. Denn im Grunde findet auch das alles genau vor unseren Augen statt.

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