Marcel Müller: Wie sein Musik-Instrument Menschen verbindet

Der Stuttgarter Marcel Müller zog für das Studium am Royal College of Art (RCA) nach London und entwickelte dort ein Musik-Instrument, das Fremde zusammenbringt.

Stuttgart – Einer macht sich auf, den Kesselrand hinter sich zu lassen und die Welt zu erobern. Oder eben London. Wie der 29-jährige Marcel, um dort seinen Master zu machen. In dieser Zeit machte er aber noch viel mehr: Er konzipierte und entwickelte ein Instrument, an dem Fremde und Laien zusammenkommen und musizieren können. „Theo 3“ heißt das Stück, das im Londoner Stadtteil Hackens stand. Aktuell wird es zwischengelagert, da Marcel für ein halbes Jahr nach San Francisco zieht. Aber spätestens mit seiner Rückkehr nach London sucht er einen neuen Einsatzort für „Theo 3“.

Neben Produktdesign machst du auch selber Musik. Dein Künstlername ist Finji – wofür steht das?

Das ist einfach (und vielleicht sogar ein bisschen langweilig): Der Hund einer guten Freundin trug den Namen in abgewandelter Form. Finji war der Spitzname, den wir ihr gegeben hatten. Seither benutze ich das als meinen Künstlernamen für alles, was ich tue und was Bezug zur Musik hat.

Wieso bist du nach London gezogen? Was machst du dort?

Bevor ich nach London zog, habe ich gemeinsam mit guten Freunden mein eigenes kleines Design-/Programming-Office im Stuttgarter Süden betrieben. Täglich im Strohberg haben wir entweder gemeinsam an Projekten oder jeder individuell gebastelt.

Nach zwei tollen, abwechslungsreichen, jedoch recht entspannten Jahren war mir das aber nicht genug. Ich war etwas gelangweilt. Der Großteil meiner Arbeit fand am Computer statt und das war nicht mehr das, was ich einmal angestrebt hatte.

Nachdem ich mich 2014 für „Designing Interactions“ am Royal College of Art in London beworben hatte und angenommen wurde, entscheid ich mich 2016 dann endlich, die Einladung anzunehmen und dort zu studieren. Der Studiengang existierte jedoch nicht mehr, da Head of Programme Tony Dunne leider die Schule verlassen hatte. Die Alternative war: Design Products. Und das war perfekt. Weg vom Computer, ab in die Werkstatt, raus in die Welt und mit Leuten arbeiten statt Internet.

Jetzt habe ich zwei Jahre studiert, habe jede Menge neuer Freunde, mit denen ich am RCA durch die verrücktesten und anstrengendsten Wochen meines Lebens gestolpert bin, und einen Master of Arts in Design Products.

Mein Abschlussprojekt “Collaborative Musical Instruments” ist genau das, was ich jetzt gerne weitermachen möchte. Musikinstrumente entwickeln, welche die Tür zum Musikmachen öffnen und gleichzeitig Menschen zusammenbringen. Ein bisschen Musik machen als Augenöffner. London ist dafür denke ich genau der richtige Ort.

Was bietet London, was Stuttgart nicht hat?

London ist riesig. Meine Freundin wohnt im Westen und ich im Osten. Wenn ich zu ihr fahre, ist es, als würde ich in Stuttgart wohnen und sie in Karlsruhe. Das ist einerseits ein riesiger Nachteil, andererseits bedeutet es aber auch, dass hier so viel abgeht, jeden Tag, dass man gar nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Galerien, Konzerte, Communities, öffentliche Events, Clubs, Pubs, Pubs, Pubs, Parks, Felder, Kanäle, Partys. Jede Art von Essen, die man sich vorstellen kann und davon nicht wenig und auch noch ziemlich gut! Und natürlich Musik. Ein Großteil der besten Artists, die ich kenne, kommen aus London. Jeden Tag ist alles offen und jeden Tag kann man alles machen – zumindest gefühlt. Das ist natürlich überwältigend, aber auch mega cool.

Im Großen und Ganzen ist es für mich aber gar nicht die Stadt, die mich hier hält, sondern all die Leute, die ich in den letzten zwei Jahren kennengelernt habe. Das RCA ist nicht wirklich nur eine Schule/Universität, viel mehr ein Ort, an den man mit coolen und highly-skilled Leuten zwei Jahre, Tag für Tag für Tag gefesselt ist, hart arbeitet, sich austauscht und mega dicke wird. Viele Connections, die man macht, die für die Arbeit und Zukunft hilfreich und notwendig sind. Viele Studios, Galerien und andere Schulen, die eine Art von Arbeit als Künstler/Designer ermöglichen, die so in Stuttgart meiner Meinung nach gar nicht möglich wäre.

 

Hast du noch viel Bezug zu Stuttgart?

Stuttgart/Tübingen/Ehningen ist definitiv meine Homebase. Einige meiner besten Freunde wohnen nach wie vor dort und jedes Mal, wenn ich nach Stuttgart fliege, freue ich mich unglaublich auf die Zeit mit allen. Früher hing ich drei, vier Mal die Woche im Galao ab. Das kann ich jetzt leider nicht mehr. Ab und zu (eher selten), wenn ich darf, spiele ich im Yart zusammen mit Volki Thunderpad ein paar groovige Tunes an den Decks. Da kommen meistens dann auch alle vorbei, die in der Gegend sind und es gibt eine kleine Reunion-Partynacht.

Was vermisst du dort?

Am meisten vermisse ich eigentlich die absolute Relaxation, die in Stuttgart für mich immer schon der Vibe war. Es ist so klein und süß. Man kann auch mal für ein Stündchen irgendwo einkehren und danach wieder easy nach Hause laufen. Man kann in den Wald gehen, auf den Marienplatz oder einfach im Bierstüble im Süden mit den ganzen Stammgästen Bier und Schnäpse trinken.

 

Wie entstand die Idee, ein eigenes Instrument zu entwickeln?

Als ich zum RCA nach London bin, hatte ich eine große Motivation: Ich möchte meine Arbeit dahingehend entwickeln, meine Liebe für Design und Musik zu vereinen. Design heißt für mich aber nicht nur einen schönen Stuhl zu gestalten, sondern sich mit einer Thematik so intensiv wie nur möglich auseinander zu setzen. Ich bin sehr interessiert an der Beziehung zwischen Mensch und Mensch und Mensch und Produkt.

Während meiner Zeit im ersten Studienjahr habe ich viel beobachtet, wie der öffentliche Raum gestaltet ist und wie Menschen ihn benutzen. Eine Sache fiel mir besonders auf: Menschen schaffen im öffentlichen Raum ihren eigenen persönlichen Raum. Das passiert in Gruppen oder auch nur ganz alleine – wie eine unsichtbare Sphäre, die einen selbst von anderen abschottet. Das liegt, denke ich, einerseits an den Leuten, andererseits aber auch daran, wie Parks, Bushaltestellen und öffentliche Plätze generell gestaltet sind.

Die Wichtigkeit vom Austausch zwischen Menschen, die sich nicht kennen, war meine Hauptmotivation. Wie könnte ich im öffentlichen Raum eine Intervention schaffen, die Menschen zusammenbringt – alt, jung, arm, reich, konservativ und liberal. Diese Kommunikation und diese Beziehungen helfen uns, eigene Meinungen zu bilden, zu reflektieren, anstatt blind, Aussagen anderer zu vertrauen und deren Ideen anzunehmen.

Da Musik schon immer als das Medium galt, das Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen auf engem Raum zusammenbringt, war die Weiterentwicklung dieses Gedankens für mich klar. Ich muss die Interaktion des Musik-Machens in den öffentlichen Raum bringen. Ich kann so eingreifen, dass Leute sich zusammenfinden, zusammen kreieren, sich eventuell sogar kennenlernen und austauschen.

Theo 3 – woher der Name?

Da es im gesamten Projekt um die Beziehung zwischen Menschen geht, mussten die Instrumente einen Namen tragen, der nicht nach klassischer Produktdesign-Quatsch-Namensfindung wie “Quoarla” oder ähnlichem entsteht.

Theo ist der Name meines nun fast zwei Jahre alten Neffen. Ich kann ihn leider nur selten sehen, deshalb habe ich ihm all die Instrumente, die ich im Research Prozess entwickelt habe, durch die Namensgebung mit Nummerierungen gewidmet. Außerdem dachte ich mir, vielleicht ist es total cool, wenn man älter wird und dann versteht, dass „Kunstwerke“ den eigenen Namen tragen.

Wie lange hat die Planung gedauert?

Das ist relativ schwierig zu beantworten. Ich habe für Monate geforscht, wie Musik auf Menschen wirkt, was das Musikmachen für Effekte auf den mentalen Zustand hat, wie Menschen Meinungen bilden – viele in sich verschiedene Themen, die mich stark interessieren. Einige Experimente und Prototypen waren Teil der Forschung. Also andere Instrumente, die kleiner waren, weniger kompliziert, aber ein ähnliches Prinzip verfolgten. Eines davon, “Theo“, wurde inzwischen auch mehrere Male in London und Mailand ausgestellt.

Die Planung der aktuellsten Version, “Theo 3”, dauerte etwa einen Monat. Viele Form-Iterationen, die aus dem Research hervorgingen, viele Experimente mit Materialien und Ton. Irgendwann ging mir dann die Zeit aus, und ich musste bauen. Dann hat es circa 3 Wochen gedauert, an vielen Stellen mit der Hilfe anderer, bis “Theo 3” zum ersten Mal im Schulgebäude aufgebaut war und von Leuten gespielt wurde.

Konzept ausdenken oder probieren geht über studieren?

Probieren ist generell mehr meine Art zu arbeiten. Probieren macht so viel mehr Spaß – nicht nur für mich, sondern auch für andere, die im Research Prozess involviert sind. Studieren gehört dazu und das Wissen anderer ist meistens extrem hilfreich. Aber durch Experimente und ausprobieren lernt man so viel mehr, das kann kein Buch ersetzen. Alleine, wenn man überlegt, dass ich vor meiner Zeit am RCA nicht die leiseste Ahnung hatte, wie man Maschinen in der Werkstatt bedient oder welche Materialien sich wie verhalten. Das alles kam für mich durch stetiges, angstfreies Ausprobieren. Viele Erkenntnisse, die in die finale Form und Funktion von “Theo 3” geflossen sind, kamen von vorherigen Instrumenten, die ich mit Leuten intern und extern im öffentlichen Raum getestet, beobachtet und diskutiert habe.

Was soll das Instrument bewirken?

Grundsätzlich stecken zwei Ideen dahinter. Zum einen soll es Musikern und Nicht-Musikern die Möglichkeit bieten, gemeinsam Musik zu machen, die nicht nur schön klingt, sondern auch Spaß macht. Deshalb ist das Instrument in einer bestimmten Skala gestimmt, die es dem Spieler nahezu unmöglich macht, Melodien zu erzeugen, die schief und krumm klingen. Das wiederum funktioniert als Medium, um Leute zusammenzubringen. Dank der Größe von knapp vier Metern hat “Theo 3” bei bisherigem Einsatz tatsächlich Menschen, die sich vorher nicht kannten, gleichzeitig zum Musik machen bewegt. Das war einer der schönsten Momente. Sehen, wie Besucher “Theo 3” spielen und das nicht nur für zehn Sekunden, sondern über längere Zeit, mit Fremden gemeinsam Melodien und Songs erzeugen, sich austauschen, gemeinsam lachen.

Ein Vorgänger von Theo 3 bei einer Ausstellung in Mailand.

Was passiert mit Theo 3, wenn du nicht mehr in London lebst?

Aktuell liegt “Theo 3” auseinander gebaut im Garten eines Freundes. Die Idee ist es, das Instrument oder eine Weiterentwicklung davon permanent im öffentlichen Raum in London zu platzieren. Der Gedanke jedoch ist ziemlich naiv und der erste Versuch, jenen umzusetzen, hat mir relativ schnell die Motivation genommen. Der Prozess einer Installation derartiger Größe im öffentlichen Raum ist so kompliziert, zeit- und kostenintensiv, dass es jetzt erstmal ruht, bis ich zurück nach London komme.

Kann sowas auch in Stuttgart umgesetzt werden? Ist es vielleicht schon in Planung?

Das wäre großartig. Ich würde mich unendlich freuen, für eine derartige Installation beauftragt zu werden. Ich bin so sehr in diese Idee verliebt, ein öffentliches, kollaboratives Instrument permanent zu installieren, dass ich nicht einmal Geld damit verdienen will. Ich bin überzeugt, dass “Theo 3” oder etwas Vergleichbares von großem Mehrwert für eine Stadt sein könnte und ich definitiv eine Menge Zeit investieren werde, so etwas zu realisieren.

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