Mama bloggt über Frühchen-Geburt: Lillys Geschichte

Nach drei Jahren Kinderwunsch und zwei Fehlgeburten kam Lilly Akcadag am 19. März 2019 in der 26. Schwangerschaftswoche zur Welt. Auf ihrem Instagram-Account erzählt Mama Sarah Akcadag die Geschichte ihrer Familie: über die plötzliche Schwangerschaft, Komplikationen, die Extremfrühgeburt und die Zeit danach.

Stuttgart – Scrollt man durch Instagram, sieht man immer wieder werdende Mütter, die glücklich und stolz ihre Bäuche präsentieren, um die Vorfreude mit Freunden, Familie und Followern zu teilen. Ein Bild von Sarah Akcadag mit Babyauch gibt es nicht. Denn ihre Tochter Lilly kam in der 26. Woche als Extremfrühchen zur Welt. Eine Geschichte, die Sarah mit anderen teilen möchte.

Mut und Hoffnung

„Damals suchte ich im Internet nach Informationen und Erfahrungsberichten. Doch alles was ich fand, waren traurige Forenbeiträge und verstörende Bilder, die uns noch mehr Angst machten. Ich fühlte mich verloren.“ Mit der Story ihrer Familie will die 32-Jährige anderen Betroffenen Mut machen, Hoffnung schenken, sie stärken und zeigen: „Ihr seid damit nicht allein.“

Schicksalsschläge

Positiv bleiben, trotz schwerer Schicksalsschläge. Darin haben Sarah und ihr Mann Yücel Übung. Acht Jahre sind sie nun ein Paar, seit vier Jahren verheiratet. Damit wurde auch der gesellschaftliche Druck spürbarer. „Fragen aus dem Bekanntenkreis: ‚Und, wie ist das jetzt mit dem Kinderkriegen?‘ sind natürlich nicht verletzend gemeint, aber dadurch fühlt man sich unterschwellig unter Druck gesetzt.“

„Erst setzt man die Pille ab und denkt sich: ‚Wenn es passiert, dann passiert es.‘ Passiert dann nach einem halben Jahr nichts, beginnt man darauf zu achten, versucht es zu kontrollieren – und irgendwann ist man wie besessen.“

In dieser Zeit erlitt Sarah zwei Fehlgeburten. Das erste Mal ging der Embryo nach sechs Wochen ab, beim zweiten Mal wurde in der zwölften Woche kein Herzschlag mehr festgestellt. Gleich zweimal musste Sarah in die Klinik – denn wie sich später herausstellen sollte, konnte bei der ersten Ausschabung nicht alles entfernt werden. „Das noch einmal durchzumachen war für mich unerträglich.“

Sarah wollte Zeit. Zeit für sich – Zeit, um zu verarbeiten. Das war nicht leicht. Vor allem durch die bohrenden Fragen im Umfeld: „Obwohl die Menschen wussten, was uns passiert ist, haben sie gefragt, wie es mit der Kinderplanung nun weitergehen soll.“

Die „perfekte Schwangerschaft“

Sarah erinnert sich, dass sie vor allem Scham fühlte: „Vor anderen zuzugeben, dass man es nicht geschafft hat, das war hart. Ich habe mich geschämt, gedacht, ich sei nicht gut genug. Denn das ist es doch, was alle erwarten: Du hast den perfekten Mann, den perfekten Freundeskreis, die perfekte Wohnung, das perfekte Leben – und dann eben auch die perfekte Schwangerschaft.“

Lilly

Fest stand: Sarah konnte schwanger werden, hatte aber bereits zwei Fehlgeburten – also entschieden sich Yücel und sie dazu, in Absprache mit der Frauenärztin, eine künstliche Befruchtung in Erwägung zu ziehen. „Wir waren bereit, diesen Schritt zu gehen.“ Und dann, ganz plötzlich – und ohne Hilfe – wurde Sarah schwanger.

„Ich war bei einer Voruntersuchung. Plötzlich schaute der Arzt mich an und sagte: ‚Frau Akcadag, sie sind schwanger.'“ Eine Blutuntersuchung und einen Anruf später dann die Sicherheit. „Wir haben beide geweint“, erinnert sich Sarah. Das war im Oktober 2018.

Ein Kampf von Mutter und Kind

Zwölf Wochen lang kämpfte Sarah dann mit den üblichen Schwangerschafts-Symptomen: Übelkeit, Geruchsempfindlichkeit, Stimmungsschwankungen – doch sie spürte: Irgendetwas ist anders.

Sarah verlor durchgängig Flüssigkeit. Und obwohl ihr viele einreden wollten, dass sie sich keine Sorgen machen solle, ging sie zu ihrer Ärztin.

„Am 13. Februar bin ich vom Frauenarzt mit dem Krankenwagen direkt in die Frauenklinik eingeliefert worden.“ Die Diagnose: Prolaps, Blasensprung, kaum Fruchtwasser vorhanden. „Lillys Köpfchen war bereits zu sehen.“ Ärzte und Schwestern gaben dem Kind kaum Überlebenschancen.

Der Kampf von Mutter und Kind begann. Gehen, stehen, sitzen – all das war verboten. „Wider Erwarten vieler Ärzte und Schwestern habe ich es fünf Wochen lang geschafft. Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute zählte…“

Aufgeben? Für Sarah war das nie eine Option. „Ich wusste, dass ich stark sein muss für uns beide. Ich musste positiv bleiben. Das hat uns Kraft gegeben.“

Zu verdanken hat sie dies vor allem Yücel, der jeden Tag an ihrer Seite war, sowie Familie und Freunden. „Es waren immer Menschen um mich herum, sie brachten mir Blumen und Luftballons. Selbst die Schwestern haben die Positivität gespürt.“ Dass das nicht der Norm entspricht, ist Sarah bewusst. „Jeder Mensch reagiert auf derartige Schicksalsschläge anders.“

Am 19. März 2019 stand eine der wöchentlichen Routineuntersuchungen an. Der Muttermund war noch geschlossen – keine Geburt in Sicht. Nur neun Stunden später, um 20.30 Uhr, wird Lilly in der Schwangerschaftswoche 26+0 auf natürlichem Wege geboren. Es ist Sarahs Geburtstag.

Berührungsangst

Nach der Geburt wurde Lilly direkt von den Ärzten entgegengenommen. Ein erster Kontakt auf der Brust der Mutter wäre lebensgefährlich gewesen. Das Bangen ging weiter: Ist Lilly gesund? Wird sie selbständig atmen können?

Über 16 Wochen kämpfte sich das Extremfrühchen ins Leben. Zunächst hing Lilly an Kabeln, Schläuchen und Beatmungshilfen, lag im Brutkasten und musste den Saug- und Schluckreflex mit Hilfe von angefeuchteten Wattestäbchen lernen.

Sarah erinnert sich an die ersten Berührungen: „Lilly war so klein, teilweise konnten wir sie unter all den Schläuchen und Kabeln gar nicht erkennen. Das war sehr befremdlich.“

Vor allem der Körperkontakt ist ein wichtiger Faktor, um die unterbrochene Bindung zwischen Mutter und Kind wiederaufzunehmen. Als Lilly soweit war, half die Känguru-Methode, bei der vorzeitig entbundene Säuglinge kontinuierlich mit direktem Hautkontakt auf der Brust von Mutter und Vater liegen, der Familie sehr. „Wir mussten unsere Bindung mit Lilly nach und nach aufbauen. Das erste Mal, als sie auf mir lag, habe ich mich kaum getraut zu atmen.“

Schon früh musste Lilly gegen erste Infektionen ankämpfen – Viren, die für ihren kleinen Körper lebensbedrohlich waren. All diese Hürden in den ersten Wochen und Monaten ihres Lebens hat sie genommen und überstanden. „Eine echte Kämpfernatur“, sagt Sarah stolz. Ganz wie die Mama!

Lilly Akcadag

„Ihr seid nicht allein!“

Heute ist Lilly gesund, hat bereits die ersten Nachsorgeuntersuchungen überstanden und war zusammen mit Mama und Papa schon auf Städtetrips. Ja, sogar geflogen ist sie schon! „Wir sind so stolz auf sie“, strahlt Sarah.

Auf ihrer Instagram-Seite bloggt sie nun über das Geschehene, die Schwangerschaft, den Krankenhausaufenthalt, Lillys Kampf und teilt die Entwicklungen ihrer Tochter.

Aus dem vergangenen Jahr nimmt die Familie einige Learnings mit – nämlich: wie wichtig positives Denken ist, was Zusammenhalt und Rückhalt wirklich bedeutet. Auf diesem Wege haben sie einige Menschen verloren – dafür aber auch viele neue dazugewonnen.

„Lilly hat sich ausgesucht, wer in unser Leben treten soll“, lacht Sarah. Noch heute schmerzt sie die Erinnerung an Fragen wie: „Und was macht ihr dann den ganzen Tag im Krankenhaus?“

„Es ist für mich nach wie vor unverständlich, wie man Eltern in solch einer Situation derartige Fragen stellen kann, während das eigene Kind gerade ums Überleben kämpft.“

Auch im Krankenhaus haben sie einige Familien mit dem gleichen Schicksal kennengelernt – und Lilly hat sogar erste Freundschaften geschlossen.

Dieses Gefühl möchte Sarah zurückgeben. „An alle Betroffenen: Ihr seid nicht allein! Es lohnt sich, zu kämpfen!“

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