Longboarder: Nur die Leidenschaft verbindet noch

Stuttgart war lange Zeit das Paradies für Longboarder. Jetzt betreibt nur noch der harte Kern den Sport regelmäßig.

Stuttgart – Rauf aufs Brett, rechter Fuß nach vorne, das linke Bein zum Boden. Leo holt Schwung. Heute könnte es gefährlich werden. Lange stand er nicht mehr auf dem Brett. So schnell wie möglich möchte er um die Kurven fahren. Sein Blick und die Gedanken sind konzentriert auf den Asphalt, gekennzeichnet von früheren Fahrten. Das Longboard nimmt Geschwindigkeit auf, das Shirt flattert schneller im Wind. Die erste Kurve. Die Knie senken sich, der Körper sackt zusammen, Leo macht sich klein. Der Boarder legt sich in die Kurve. Sein Körpergewicht verlagert sich nach rechts, die Hand berührt den Boden, geschützt von einem bunten Schutzhandschuh.

Stuttgart – Stadt der Longboarder?

Das Plastikteil am Handschuh zieht einen weißen Streifen auf den Asphalt. Zielsicher richtet er sich wieder auf, die Haltung kerzengerade, um windschnittig weiterzufahren. Er stürzt nicht, die Fahrt war erfolgreich: „Jetzt kann ich glücklich einschlafen“. Der 17-Jährige lächelt. Für das nächste Mal nimmt er sich einen Freeride vor – das Fahren einer Kurve, ohne mit der Hand den Boden zu berühren.

Im Kindergarten begann die Freundschaft zwischen Leo und seinem heute besten Freund Leon. Nach dem missglückten Tennisversuch entdeckten sie die florierende Longboard-Szene in Stuttgart und damit ihre gemeinsame Leidenschaft. Drei Jahre, viele Kilometer und unzählige Schürfwunden ist das nun schon her – in dieser Zeit ist Einiges passiert.

Stuttgart wird schon lange von Begeisterten als perfekter Standort für Longboarder bezeichnet, hier soll die Szene in Deutschland ihren Anfang genommen haben. Spots wie der Bismarckturm, Killesberg und die alte Weinsteige sind wegen ihrer Hanglage besonders beliebt für das schnelle Fahren.

Aus Stuttgart kommen Longboard-Profis wie Sebastian Hertler und Sebastian Schneider. Sogar Bretter, die sogenannten „Root-Boards“, werden in der Stadt produziert und über Stuttgart hinaus verkauft.

Der Trend findet jedoch langsam sein Ende: von drei Shops blieb mit dem Kollektiv nur einer übrig. Auch in der Community merkt man das: „Früher standen hier oben mindestens 15 Leute, heute sind wir froh über sieben“, sagt Leon.

Vor zwei Jahren noch trafen sie sich jede Woche fest zum Boarden, heute bleiben sie über soziale Plattformen in Kontakt. Auch Leo und Leon gestehen ein, dass sie ihr Hobby in letzter Zeit vernachlässigt haben. Zumindest heute, an einem Sonntag im Spätsommer, sind sie mal wieder zu sechst. Ob Anfänger, Fortgeschrittener oder Profi – alle seien in der Stuttgarter Longboard-Szene willkommen, doch leider fehle der Nachwuchs.

Gefahr, Glücksgefühl, Gemeinschaft

Ein Smartphone klingelt. „Schwesterherz?“, der 19-jährige Nico, der heute seine Freunde in Stuttgart besucht, streicht über das Display, „Jaja, alles gut“. Er legt auf und steckt das Handy schnell wieder ein. „Auch Teil des Sports sind Familienmitglieder, die immer fragen, ob man sich schon verletzt habe“, sagt der Reutlinger und schmunzelt. „Schürfungen, Zerrungen und Prellungen, manchmal vielleicht eine Gehirnerschütterung oder eine ausgekugelte Schulter.“ Vor allem der Openride – die Fahrt auf freier Straße mit über 100 Kilometer pro Stunde – sei gefährlich, ja, fahrlässig. Internationale Profis gingen das Verletzungsrisiko ein, ihnen sei dieses aber nicht wert.

Das Longboarden ist für die jungen Erwachsenen ein Ausgleich zum Alltag. Oft fahren sie zum Boarden quer durch Europa. „Man kann abschalten. Wenn wir die Alpen runterfahren, sind wir komplett gedankenlos“, schwärmt Nico. Durch das Boarden habe er gelernt, länger an etwas dran zu bleiben und für Fortschritte zu kämpfen.

Bis das Longboardfahren richtig Spaß mache, sei es ein langer und harter Weg. Leo und Leon wurden durch den YouTube-Hype aufmerksam auf den Sport und brachten es sich selbst bei. Knapp zwei Jahre habe es gedauert, bis sie auf das jetzige Level gekommen sind.

Die nächste Fahrt wartet! Die Jungs steigen wieder aufs Board, setzen an und treffen sich am Bergende wieder. Sie geben sich ein Highfive, setzen sich auf die Steinmauer, geben sich Tipps. Immer wieder legen sie längere Pausen zwischen den Fahrten ein, tauschen sich über besondere Strecken und die Techniken der anderen aus, besprechen auf was sie das nächste Mal den Fokus legen. Sie reden über Longboard-Profis und beschweren sich über den Kommerz, der sich ihrer Meinung nach in die Szene zu schleichen versucht.

Hunderte Kilometer haben sie gemeinsam in Frankreich, in der Slowakei und Österreich auf dem Brett gestanden, immer auf der Suche nach neuen Strecken, Herausforderungen, dem maximalen Grad an Freiheit und Spaß. Dort besuchen sie Longboard-Events und Rennen. Bestzeiten? Messen die Stuttgarter nicht in ihrer Heimat, sondern nur im Ausland. Der Schnellste von ihnen fuhr mit 83 Kilometer pro Stunde downhill.

Der Sport verbindet

Kennengelernt haben sich die Stuttgarter Longboarder durch den Shop „Kollektiv“: Nicht nur Longboards und das Zubehör findet man in der Leuschnerstraße, sondern auch Kontakte, Freundschaften und Kurse. Die Jungs sind alle zwischen 15 und 30 Jahre alt und reden in ihrer eigenen, hieroglyphischen Sprache miteinander: Speedwobbles, Hangerflip, Rake, Freeride, Downhill.

Nebeneinander sitzen sie auf der Steinmauer im Höhenpark auf dem Killesberg. Eine Packung Erdnüsse geht reihum. Zwischen ihren verschrammten Beinen lehnen ihre Longboards, ihr ganzer Stolz. Die Schuhe und Hosen sind durchlöchert und abgetragen. Durch Zufall entdeckt Nico den Ring am Finger des Ältesten. Verwundert fragt er: „Du bist verheiratet?“ Trotz ihrer Freundschaft wissen die Jungs kaum Persönliches voneinander. Was für Berufe die anderen ausführen? „Keine Ahnung.“ Für sie zählt nur der Sport und Spaß.

Eine Stuttgarter Gruppe mit viel Potenzial

Die Jungs freuen sich füreinander über Fortschritte: „Konkurrenzdenken kennen wir nicht“ und erzählen gegenseitig von den neuesten Trends und Persönlichkeiten in der Longboard-Szene, die zu ihrem Bedauern nicht aus Stuttgart kommen.

Anwohner passieren mit einem Lächeln die junge Gruppe. Eine Bewegung in Stuttgart, die immer noch Potenzial hat. „Es ist wie bei jedem Trend: Irgendwann kehrt auch der Longboard-Hype zurück in die Stadt.“, erklärt Leo optimistisch. Alle schnappen sich ihre Longboards und fahren hintereinander in die Innenstadt. Erstmal Burger essen und ein Bier trinken.

Autorinnen: Emma Thorwart und Lara Sieber

Der Text ist bei einem Workshop in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung entstanden.

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