Lightup Germany klärt über Prostitution und Menschenhandel auf

Der Verein Lightup Germany startet durch, um Jugendliche und junge Erwachsene über Menschenhandel und Prostitution aufzuklären.

Stuttgart – 2013 war Carina Angelina in Hamburg und stand zum ersten Mal auf einem der Hauptplätze, wo Konzerte, Musicals und das Nachtleben aufeinandertreffen. Direkt an der Reeperbahn, mitten im Leben, mitten in unserer Gesellschaft. „Das Szenario, das ich dort beobachtete, hat mich zutiefst bewegt und gleichzeitig verärgert“, sagt die 26-Jährige.

Lightup Germany entsteht 2013 im Rahmen einer studentischen Initiative

Mitten zwischen Bars, Supermärkten, der drängenden Menge an Menschen, genau zwischen McDonalds und einer Apotheke, habe sich ein großes Plakat mit einer kaum bekleideten Frau befunden, einer Bordellwerbung: „Geiz Club Sex 39 Euro“. „Davor standen zwei junge Frauen in Unterwäsche, ungefähr in meinem Alter. Jungen, die vielleicht zwischen zwölf und 15 Jahren waren, gingen zu den jungen Frauen, um ‚Small-Talk’ zu betreiben“, erinnert sich Carina. Wieder Zuhause in München angekommen, hat sie begonnen sich mit den Themen Prostitution und Menschenhandel auseinanderzusetzen: „Die Erlebnisse haben mich tief schockiert und für mich stand fest, dass ich etwas tun möchte.“

Die Themen begleiteten sie anschließend durchs Studium: Nach ihrem Abitur in München studierte sie Soziale Arbeit, ihr Praxissemester absolvierte sie bei Solwodi, einer Fachberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel. Inzwischen lebt Carina in Berlin und arbeitet bei einem freien Träger der Jugendhilfe in der Rufbereitschaft.

Lightup Germany ist ein Herzensprojekt

Dort kümmert sich Carina um verschiedene Jugendliche im betreuten Einzelwohnen. Nachts wird sie dann gelegentlich zu akuten Krisen dazu gerufen. Von harmlosen, wenn sich einer der Jugendlichen ausgesperrt hat, bis hin zu schwierigeren, wenn sie einen von ihnen bei der Polizei abholen muss.

Ihr Herzensprojekt Lightup Germany betreut sie als Vorsitzende neben ihrem Beruf. Durch die Rufbereitschaft habe sie mehr Flexibilität, um sich ehrenamtlich um den Aufbau des Vereins zu kümmern, meint die 26-Jährige. Lightup hat Carina 2013 im Rahmen einer studentischen Initiative mitgegründet, damals noch unter dem Namen „Freethem“. Die Mutterorganisation des Vereins kam damals aus Schweden, die Nachfolgeinitiative Lightup ist heute nicht nur in Deutschland, sondern ebenfalls in Norwegen und Österreich vertreten.

Aus der Bachelorarbeit entsteht ein Buchprojekt

Auch ihre Bachelorarbeit widmete sie den Themen Prostitution und Menschenhandel. „Mir ist aufgefallen, dass es wenig Literatur zu Sozialer Arbeit in der Prostitution gibt“, sagt Carina. Nachdem sie die Arbeit erfolgreich fertiggestellt hatte, sei in ihr der Wunsch gewachsen, dass es schön wäre, wenn die Ergebnisse der Bachelorarbeit nicht im Schrank verstauben würden. Vor circa zwei Jahren ist dann ein Buchprojekt ins Rollen gekommen, das zunächst zwar klein geplant war, mit der Zeit aber immer größer wurde. Entstanden ist daraus das Sammelwerk „Prostitution heute“, das das Thema Prostitution in zwölf Beiträgen aus ganz unterschiedlichen Richtungen beleuchtet.

„Footballer gegen Menschenhandel“

Anders als im Praxissemester bei der Fachberatungsstelle für Menschenhandel, wo schwerpunktmäßig Frauen beraten werden, die Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution und Zwangsheirat geworden sind, setzt Lightup seinen Fokus auf präventive Aufklärungsarbeit mit Workshops in Schulen, Unis und Jugendgruppen. „Informieren, sensibilisieren, austauschen und reflektieren“, sagt Carina, „das ist das, was wir als sehr wichtig empfinden“. 60 bis 90 Minuten dauert so ein Workshop etwa, der auf dem Konzept der Menschenrechtspädagogik basiert. Im letzten Schritt sollen die Teilnehmer selbst aktiv werden. Lightup möchte sie dabei mit einer Plattform unterstützen.

So passiert ist das zuletzt zum Beispiel bei einer Schulprojektwoche. Einen der Jugendlichen hat die Thematik so bewegt, dass er einen Workshop in seinem American-Football-Team, den Rotenburg Cyclones, vorgeschlagen hat. Seit dem Workshop treten die Spieler vor dem Match mit einem Banner auf das Feld: „Footballer gegen Menschenhandel“. „Es gibt keine Grenzen der Kreativität. Das ist das was wir so toll finden“, kommentiert Carina die Aktion.

Der Verein lebt von Spenden

Etwa 15 bis 20 Workshops haben sie 2018 deutschlandweit abgehalten. Mit einem Kernteam von sechs bis acht Leuten stemmen die Vereinsmitglieder den Großteil der Arbeit. „Dazu kommen noch ganz viele Ehrenamtliche, die hier und da punktuell mitarbeiten“, sagt Carina. Bisher arbeiten alle zu 100 Prozent umsonst, der Verein ist – abgesehen von kleineren Einnahmen durch Merchandise – fast ausschließlich spendenfinanziert.

Da immer mehr Anfragen für Workshops und Seminare beim Verein gestellt werden, wollen sich Carina und ihre Weggefährten weiter professionalisieren, um die Arbeit langfristig zu sichern. Schon jetzt sei der Arbeitsaufwand kaum noch zu steuern, daher gebe es inzwischen ein Mitglied, dass sich auf das Thema Fundraising konzentriert. Bewerben wollen sie sich für verschiedene Projektgelder für präventive Bildungsarbeit. Häufig gebe es aber auch dort einen bestimmten Eigenanteil, der zu leisten sei. „Deswegen sind wir auch hier wieder auf Spenden angewiesen“, bestätigt Carina.

Fördermitglieder gesucht!

Seit Anfang Dezember bietet Lightup Germany daher eine Fördermitgliedschaft für Unterstützer an, die bei einem Betrag von fünf Euro beginnt. „Das ist die Möglichkeit, als Einzelperson ein Zeichen zu setzen und dem Anliegen des Vereins eine Stimme zu geben“, meint Carina. Fünf Euro, das sei gerade mal ein Drink in einer Bar.

„Vielleicht schafft man es ja, auf einen Gin Tonic zu verzichten“, fügt die 26-Jährige hinzu. Durch den Merch, den der Verein an seine Fördermitglieder verschickt, soll vielleicht auch das eine oder andere Gespräch entstehen. Jutebeutel und Sticker mit Sprüchen wie „There is nothing human in trafficking people“ oder „People are priceless“ sind dabei.

Bekannte Vorbilder und unbekannte Alltagshelden

Auch auf Instagram und Facebook ist der Verein aktiv und hat im Herbst zum europäischen Tag gegen Menschenhandel zum Beispiel bekannte oder weniger bekannte Heldinnen und Helden vorgestellt, die von einer Welt ohne Menschenhandel träum(t)en. Abraham Lincoln wurde hier zum Beispiel genannt. Oder die ehemalige Prostituierte Sandra Norak, die auf die Loverboy-Masche hereingefallen ist und von einem älteren Mann für mehrere Jahre in die Prostitution getrieben wurde.

Phänomene wie die Loverboy-Masche sollen Teil der Aufklärungs- und Bildungsarbeit des Vereins sein, denn auch vermehrt minderjährige Mädchen aus Deutschland werden Opfer von „Loverboys“.

Freier und Betreiber profitieren von der Liberalisierung

Zur Vereinsarbeit gehöre es außerdem, das romantisierende und verharmlosende Bild, das in der Gesellschaft über Prostitution vorherrsche, zu hinterfragen. Der Verein möchte sich nicht auf politische Lobbyarbeit konzentrieren, sondern auf die Bildungsarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Trotzdem befasst sich Carina täglich mit der Realität, die durch die politischen Entscheidungen entstanden ist. Angesprochen auf die Liberalisierung durch das Prostitutionsgesetz im Jahr 2002, meint Carina: „Ich glaube, es war den Politikern gar nicht bewusst, was das für eine gesellschaftliche Haltung mit sich bringt.“ Profiteure des Gesetzes seien die Freier gewesen, die zu Dumpingpreisen menschenunwürdige Praktiken einfordern sowie Betreiber, die durch Mieteinnahmen hohe Gewinne erzielen.

Die Moralkeule will „lightup“ trotzdem nicht schwingen, sondern lieber junge Menschen davon überzeugen, selbst nachzudenken, Haltungen kritisch zu hinterfragen und aktiv zu werden. „Das ist, wie wir als Verein konkret arbeiten wollen“, erklärt Carina.

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Fotos: Carina Angelina / Lightup Germany

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