Licht-
gestalten entern das Stadtpalais

Drei Jahre lang wurde das Wilhelmspalais im Inneren vollständig umgebaut und erneuert. Nur die Fassade blieb den Stuttgarter Bürgern erhalten. Ebendiese steht nun im Mittelpunkt des Eröffnungsfestivals.

Stuttgart – Etliche Meter Aludraht und rollenweise weißer Stoff säumen die Räume, in denen seit Wochen gedreht, gebogen und geschwitzt wird. Acht Tage vor der offiziellen Eröffnung des Stadtpalais sind die Stuttgarter Lichtgestalten Dominik Schatz und Philipp Kaiser nur unter Tage anzutreffen. In ihrer Werkstatt im Stuttgarter Westen gilt es, 600 Meter Blitzableiterdraht für Museumsdirektor Torben Giese in Form zu bringen. Doch nicht etwa, um das neue Haus vor Blitzeinschlägen zu schützen.

Die beiden bringen Erfahrung mit

Sie wurden beauftragt, gemeinsam über 60 Lichtgestalten zu bauen, die von Samstag an für die Dauer der Eröffnungswoche die Fassade des Stadtpalais erklimmen und das neu eröffnete Haus entern. Das Kunstwerk Lichtgestalten verweise auf spielerische Art und Weise auf den „Prozess des Erkundens, Eroberns und Inbesitznehmens des Museums durch die Stuttgarterinnen und Stuttgarter“, lässt Museumsdirektor Torben Giese verlauten. Philipp und Dominik haben in der Vergangenheit Erfahrungen mit der Inszenierung noch größerer Bauten gesammelt. Etwa beim Dockville Festival in Hamburg oder 2016 beim FC Bayern in der Allianz Arena.

Mit Rohrstücken zu Menschen geformt

In der Stadtpalais-Installation stecken wochenlange Knochenarbeit und penible Vorbereitung. Jede Figur besteht aus drei Teilen: Linkes Bein und linker Arm sowie rechtes Bein und rechter Arm ergeben zusammen jeweils ein Teil, ebenso das Stück vom Kopf bis zum Becken der Drahtigen. Um die Figuren „nochmal ’ne Ecke steifer zu machen“, sagt Philipp, wurde der Draht zunächst von der Rolle abgerollt und kerzengerade gedreht. Je drei gerade Drahtstücke wurden dann mit Klemmen aneinander befestigt und anschließend mit Rohrstücken und anderem Werkzeug zu Menschen geformt.

700 Meter LED-Band verklebt

Dominik und Philipp in ihrer Werkstatt in S-West.

Doch damit nicht genug: Um den Fassadenkletterern insbesondere bei Nacht die verdiente Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, wurde jedes Stück Draht von zwei Seiten mit LED-Band beklebt. 700 Meter LED-Band – fast zwei Stadionrunden – sind das in Summe. Die Figuren sind mit weißen Tyrek-Stoff überzogen, der zum Beispiel beim Segeln zum Einsatz kommt. Der Überzug sorgt dafür, dass die Figuren bei Tag sichtbar sind und bei Nacht schöner leuchten.

Jede der Figuren sieht gleich aus, Philipp und Dominik wollten absichtlich keine Unterschiede machen – etwa zwischen männlich und weiblich oder alt und jung. „Wir glauben, das man damit eher ausgrenzt, als wenn man sagt, sie sehen alle gleich aus“, sagt Philipp. Die Figuren unterscheiden sich daher nur in den Posen, die sie einnehmen, und wie sie untereinander agieren. Jede Lichtgestalt kann über den Computer einzeln angesteuert werden, 2500 Meter Zuleitungskabel wurden dazu verlegt.

Eröffnungsfestival vom 14. bis 22. April

Welche Lichtgestalten am Ende über mehr Muskelkater klagen werden, die drahtigen Fassadenkletterer oder die aus Fleisch und Blut, ist noch nicht geklärt. Wer zwischen dem 14. und 22. April in der Nähe ist, sollte sich das Eröffnungsfestival sowie die Lichtgestalten jedenfalls nicht entgehen lassen.

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