Leben zwischen Puccini und Putzplan: Zwei Opernsänger im Gespräch

Jarrett Ott und Andrew Bogard teilen sich nicht nur die heimischen vier Wände, sondern auch die Bühne der Stuttgarter Oper. Auf dieser schlagen die beiden derzeit die tiefen Töne in Giacomo Puccinis „La Bohème“ an. Wir haben uns gefragt wie ihr Leben ­abseits des Rampenlichts wohl aussehen mag. Ein Blick hinter die Kulissen.

Stuttgart – Wir treffen Jarrett und Andrew im Foyer der Königsloge der Stuttgarter Oper. Seit kurzem leben die beiden Darsteller in einer Künstler-WG im Stuttgarter Zentrum. Jarrett stammt ursprünglich aus Pennsylvania, Andrew aus Ohio. Kennen lernten sich die beiden bereits vor zehn Jahren im Rahmen eines Summer School Programms. Am ‚Curtis Institute of Music‘ in Philadelphia kreuzten sich ihre Wege erneut. Dass sie irgendwann einmal gemeinsam in Deutschland auf der Bühne stehen würden, ahnte damals niemand.

Foto: Martin Sigmund

Erster Akt: Der Weg zum Opernsänger

Zur Oper kam Jarrett eher spät als früh, wie er verrät: „Ich wollte ursprünglich Musiklehrer und Chorleiter werden.“ Sein erster Besuch in der Oper warf diese Pläne jedoch über den Haufen. „Ich war gerade 20 Jahre alt und hatte noch nie eine Oper gesehen. Mein Gesangslehrer nahm mich damals mit in Il Barbiere di Siviglia. Das Stück hat mich von der ersten Sekunde an in seinen Bann gezogen und ich wusste: das ist es, was ich machen will!“ Andrew hingegen erinnert sich wie er im Alter von 13 Jahren nahezu über Nacht zum Bariton wurde: „Meine Stimme war innerhalb von wenigen Wochen von einer sehr hohen Sopranstimme zu einer für einen 13-Jährigen ungewöhnlich tiefen Stimme geworden. Als die Chorleiterin unserer Schule mich auf dem Flur sprechen hörte, gab es sozusagen kein Entrinnen.“

Zweiter Akt: Das Leben abseits der Bühne

Das Leben als Opernsänger ist ein ständiger Wechsel aus Ruhe und Hektik. Noch vor einigen Monaten tourte Jarrett durch die USA: drei Wochen LA, zwei Wochen Texas, dann hoch nach New York und wieder runter nach Santa Fe. Das ständige Hin und Her sei einerseits aufregend und spannend, andererseits sehne man sich oftmals aber auch nach einer festen Basis und seiner Familie.

„Seit wir Teil des Stuttgarter Ensembles sind, ist es ruhiger um uns geworden. Wenn du für längere Zeit in einer Stadt bist und dort Vollzeit arbeitest, bleibt wenig Raum für ausschweifende Partys. Du musst auf deine Stimme achten und gehst nicht einfach ohne Rücksicht auf Verluste feiern“, erklärt Jarrett. Aber es gebe natürlich auch immer wieder Phasen, in denen man die beiden gerne mal bei ein oder zwei Drinks in der Stadt antreffe. Ansonsten gleiche der Tagesablauf aber eher dem eines Mönchs, scherzt Andrew: „Nach einem Tag voller Proben und Performances kochen wir gerne in unserer WG zusammen oder gehen in der Mittagspause ins Fitnessstudio – das war’s dann aber auch schon.“


Foto: Martin Sigmund

Apropos WG: Welche Musik hören Opernsänger eigentlich in den eigenen vier Wänden? Von Popmusik über Jazz bis hin zu Musicals sei alles vertreten, verraten uns die beiden. „Das ist mir jetzt etwas peinlich, aber der Grund, weshalb ich angefangen habe zu singen, war Justin Timberlake“, gibt Jarrett lachend zu. Andrews Türöffner hingegen seien die Beatles gewesen. Klassische Musik hören die beiden privat – entgegen aller Erwartungen – tatsächlich eher weniger.

Dritter Akt: In dubio pro Oper

Nicht selten komme es im Leben eines Opernsängers vor, dass dieser sich mit dem ein oder anderen Vorurteil auseinandersetzen müsse, so die beiden. Die Oper sei eingestaubt, nicht mehr zeitgemäß, heißt es. Dabei gebe es fantastische Neuinszenierungen, die alles andere als verstaubt seien. Vor allem in den Staaten würde man sie oftmals vorschnell in eine Schublade stecken. „In Europa ist das zum Glück anders. Die Menschen sind viel offener für die Oper als das in den USA der Fall ist“, zieht Andrew Bilanz. „Ich denke, man kann die Oper ganz gut mit Wein vergleichen: Wenn du ihn zum ersten Mal in deinem Leben probierst, schmeckt er vielleicht erst einmal etwas gewöhnungsbedürftig, aber je mehr sich deine Geschmacksknospen an das Aroma gewöhnen, desto besser wird er und irgendwann willst du nicht mehr ohne.“


Foto: Martin Sigmund

Vierter Akt: Zukunftsmusik

Für diejenigen, die ihre Berührungsängste an Weihnachten – oder auch im neuen Jahr – über Bord werfen möchten, haben wir an dieser Stelle gute Nachrichten: Bis April könnt ihr Jarrett und Andrew noch in „La Bohème“ und weiteren Stücken auf der Bühne sehen. Mit Aussicht auf Verlängerung, wie die beiden uns verraten: „Wir werden auch in der nächsten Saison noch hier in Stuttgart bleiben.“

Die nächste Vorstellung der beiden findet am 26. Dezember von 19 bis 21:30 Uhr statt. Tickets dafür könnt ihr hier kaufen. Den Spielplan der Stuttgarter Oper findet ihr hier.