Lasst endlich eure Körper in Ruhe!

Vom Size-Zero-Wahn zur öffentlichen Liebeserklärung an den Bauchspeck. Unsere Autorin ist genervt davon, plötzlich alles an sich lieben zu müssen. Stattdessen fragt sie sich: Ist der Trend zur Body Positivity nicht nur eine neue Form von Körperkult?

Stuttgart – Ich habe eine Delle am Oberschenkel. So ein kleines, seltsam eingedrücktes Ding hinten rechts, das sich beim Sitzen durch so ziemlich jeden Stoff abzeichnet. Wenn man nicht genau hinschaut, könnte man es vielleicht für einen komisch geformten Schatten halten. Oder es im geistig gesunden Zustand zielgerichteter Ignoranz einfach übersehen.

Unser Körper ist Dauergesprächsthema

Ich aber pflege zu dieser Oberschenkel-Delle eine intensive, zwiegespaltene Beziehung. Es ist nicht so, dass ich sie wirklich schlimm finde. Aber ich bin mir ständig bewusst, dass sie da ist. Ich gehe mit ihr zum Yoga. Steige mit ihr in die Dusche. Und manchmal, da kochen wir abends sogar gemeinsam Risotto. Romantisch? Geht so. Denn wenn ich ehrlich bin, wäre ich am glücklichsten, wenn wir einfach nicht mehr so viel Zeit miteinander verbringen würden. Zumindest gedanklich.

Doch genau da liegt das Problem. Denn wenn mein Leben in der westeuropäischen Wertegesellschaft mir eines vor Augen geführt hat, dann dass mein Körper hier Diskussionsstoff ist. Exkurse über Beine, Bauch und Po sind nicht nur salonfähig, sondern omnipräsent – im Alltag wie in den Medien. Ob man im Freibad fast instinktiv die Bauchmuskeln der Nebenschwimmerin analysiert oder sich Germany’s Next Topmodel in Dauerschleife anschaut. Auf die eine oder andere Art sprechen wir pausenlos über unsere Körper.

„I make you sexy“

Doch ist das im Zeitalter von Bodyawareness und Co. nicht Schnee von gestern? Wenn ihr mich fragt: ganz im Gegenteil.

Vor ein paar Jahren gab es eine Zeit, in der Detlef D. Soost uns andauernd sexy machen wollte. In seinen Fitnessvideos, deren Werbebanner ständig auf Prosieben liefen, hüpfte er wie ein tollwütiger Hamster hin und her und wurde so zur Perversion des damaligen Körperkults. Schwitzen, hungern und trainieren für den scheinbar perfekten Beachbody. Der Fitnessguru als lebender Reminder: Ich bin nicht perfekt. Ich muss an mir arbeiten. Denn die Twiggy-Figur bedeutet Erfolg.

„Loooove your body“

Dann irgendwann kam die Gegenbewegung. Stichwort: Selbstliebe. Was ich eben noch sexy machen sollte, muss ich nun ebenso bedingungslos lieben und zelebrieren. Unter dem Hashtag Bodyawareness propagieren Influencerinnen und Co. nun das Unperfekte als neuen Schönheitsmythos. Mit Übergewicht im Bikini vor die Kamera zu treten, wird ein Akt der Grenzüberschreitung. Zellulitis-Fotos müssen bitte möglichst in Nahaufnahme geschossen werden. Gestellte No-Make-up-Bilder ersetzen die protzige Katy-Perry-Sternschnuppen-Wunderwelt der Vorjahre.

Ist Selbstliebe die neue Freiheit?

Und obwohl all das als Kontrapunkt zum Schlankheitswahn natürlich Sinn macht, geht mir die Penetranz dieser Selbstliebe-Community gewaltig gegen den Strich. Denn bedeutet es, meine Oberschenkel-Delle liebevoll anzuerkennen, wirklich die große Freiheit? Oder ist das Credo, alles an meinem Körper schön zu finden, nicht nur ein neues Poster-Image, dem ich entsprechen muss?

Für mich zumindest sieht wirkliche Freiheit anders aus. Denn hinter der Forderung nach mehr Selbstliebe versteckt sich im Grunde nur eine neue Art, uns über unser Aussehen zu definieren. Unseren Körper in den Mittelpunkt zu zerren und ihn auf Instagram für möglichst viele Likes auszustellen.

Mal ehrlich: Bin ich denn wirklich nicht mehr als die Falten, Dellen und Kurven meines Körpers? Was ist mit all den Gedanken in meinem Kopf? Den Gefühlen in meinem Brustkorb? Den Dingen, die ich dank meiner Willensstärke erreicht habe? Den Zielen, die ich mir setze?

Zeit für einen Schlussstrich

Für mich ist es an der Zeit, meinen Körper in Ruhe zu lassen und die Herrschaft meines Spiegelbilds zu stürzen – diesmal konsequent. Ich will mein Aussehen nicht lieben müssen. Ebensowenig will ich es hassen oder verändern. Ich will es manchmal kurz vergessen. Und zwar einfach, weil es nicht so wichtig ist.

Wenn ich neue Menschen kennenlerne, möchte ich mich nicht mit einem Plus-Size-Bikini-Model unterhalten. Sondern mit einer Frau, die sich vielleicht für Meeresbiologie, Craft Beer oder was auch immer begeistert und nebenher auch gerne Bikinis trägt.

Deshalb der Aufruf: Lasst eure Körper doch einfach mal Körper sein. Mit Dellen, ohne Dellen. Mit Liebe, ohne Liebe. Geht stattdessen lieber aufeinander und auf euch selbst zu. Und beschäftigt euch mehr mit dem, was wir eigentlich sind: nämlich Träumer. Macher. Ideologen. Verliebte. Individualisten. Menschen eben.

(Fotos: Unsplash)

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