Kulturinsel: Als wär’s der letzte Sommer

Entwarnung auf der Kulturinsel. Oder doch nicht? Während das Sommerprogramm gewohnt prall ist, warten in der Zukunft von Stuttgarts gelebtem Subkultur-Traum Fragezeichen. Mal wieder.

Stuttgart – Alle lieben die Kulturinsel, alle wollen die Kulturinsel. In Berlin wird sie als Beispiel für gelungene Integrationsarbeit genannt, hier hing für gefühlte Ewigkeiten alles in der Schwebe. Bis jetzt. Vor wenigen Tagen haben der Bezirksbeirat Bad Cannstatt und der Gemeinderat mal wieder ihren Wunsch geäußert, die Kulturinsel erhalten zu wollen. Und diesmal auch konkrete Ideen vorgelegt.

Optimismus statt Fatalismus

Die Frage ist aber: Wie? Wie soll dieses Biotop der Subkultur zum „Ankerpunkt“, wie es heißt, des entstehenden Wohngebiets in Cannstatt werden? Zumal mittlerweile klar ist: Ein Teil des alten Zollamt-Gebäudes muss gehen. Definitiv. Im Januar 2019 rücken die Bagger an. Die Kulturinsel mittels einer Container-Siedlung während der Abrissarbeiten erhalten zu wollen, das bereitet Joachim gerade die meisten Sorgen. Nicht nur wegen seinen eigenen Räumlichkeiten. Sondern auch wegen der vielen anderen Mieter und Projekte, die sich hier angesiedelt haben.

Imker, soziale Projekte, Flüchtlingsarbeit, ein urbaner Garten, aber auch Industrie und Wirtschaft: Das Miteinander von Kultur und Industrie, hier wird es gelebt. Tag für Tag. Auch wenn die Kulturinsel als Idee erhalten bleiben soll: Nach dem Abriss wird sich vieles ändern. Deswegen bemüht sich Joachim Petzold um Optimismus. Schließlich steht jetzt der letzte Sommer an, in dem man die Kulturinsel in ihrer jetzigen Form besuchen und bewundern kann.

Joachim Petzold an der Abrisskante: Hier soll der Bagger ansetzen.

Nicht sexy, aber wichtig!

Samstags und sonntags hat der Biergarten im unvergleichlichen Innenhof geöffnet, natürlich laufen dann auch WM-Spiele. Open-Air-Kino, Lesungen und Vorträge. Comedy, Künstlercafé und alternativer Wochenmarkt. Konzerte, Führungen durch den urbanen Garten und gefühlt 1001 Dinge mehr: „Unser Programm reicht vom jungen DJ bis zum Senior, von Geflüchtetenarbeit bis zu Vorträgen zum Thema Transgender“, sagt Joachim. „Wir verbinden hier Welten. Das ist vielleicht nicht sexy, aber wichtig.“ Deswegen wäre es auch okay für ihn, die Symbiose aus Industrie und Subkultur noch verstärkt auszubauen. „Mich würde es nicht stören, wenn wir einen topmodernen IT-Raum hätten, in dem irgendwo „Powered by Daimler“ stehen würde“, meint er.

Stuttgart braucht die Kulturinsel

Bild: Kulturinsel

Obwohl: Joachim kennt die Ungewissheit mittlerweile sehr gut. Erst die in letzter Minute geglückte Crowdfunding-Kampagne, die den Erhalt des Areals überhaupt ermöglichte. Und dann die nagende Ungewissheit. Jetzt ein vorsichtiges Aufatmen? Ein wenig vielleicht. Was 2019 kommt? Man weiß es nicht. „Mein Traum ist noch mehr Vernetzung. Weg vom klassischen Atelier-Konzept, in dem einer einen Raum rund um die Uhr besetzt. Hätte ich das gewollt“, so meint er, „hätte ich alles an Daimler vermietet. Die wollten anfangs alle Räumlichkeiten haben. Das will ich aber nicht. Ich will Vielfalt.“ Man kann sich schon mal fragen: Wieso wird es einem wie ihm so schwer gemacht.

Ein Subkultur-Traum: die Kulturinsel.

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