Künstler-
kollektiv träumt von Stuttgart als Geisterstadt

Das Citizen.Kane Kollektiv hat es wieder getan. Diesmal erklärt es bei einer Theaterperformance in einem verlassenen Abbruchhaus gleich die ganze Stadt Stuttgart zum Wrack.

Stuttgart – Für den einen oder anderen von uns ist es vielleicht nicht mal besonders dystopisch, was das freie Künstlerkollektiv Citizen.Kane in seinem neuesten Stück „Die Stille der Stadt“ da so inszeniert. Eine Metropole am Abgrund, eine kaputte, vermüllte, entvölkerte Stadt, erstickt an ihrer eigenen Habsucht und der Gier gewissenloser Investoren. Eine riesige Ruine, sich selbst und den Ratten überlassen. Und wenn man mal genau hinsieht in Stuttgart, dann kann man es gar nicht mehr übersehen: Der Verfall ist überall.

Im Schatten des Gaskessels

Besonders hier an der Rotenbergstraße im Stuttgarter Osten, wo das Kollektiv sein jüngstes Theaterstück inszeniert. Unweit von Gaskessel und Schlachthof, zweifelhafte Sehenswürdigkeiten des Stadtbilds, befindet sich ein Haus, längst verlassen und dem Verfall übereignet. Das Gebäude steht leer, eine ehemalige Tankstelle wirkt seltsam melancholisch. Christian Müller vom Kollektiv dazu: „Das Haus hat interessante Räume in verschiedenen Größen, außerdem eine Bar mit Dachterrasse, vor der sich im Neckartal die Fabriken und die Konzernzentrale von Daimler ausbreiten.“

Detroit ist überall

Am Beispiel von Detroit, dem Paradebeispiel für ruinöse Städte, zeigt „Die Stille der Stadt“, was in Stuttgart theoretisch mal passieren kann. Oder was längst seinen Anfang genommen hat. „Dystopien sind für uns interessanter als Utopien“, betont Christian. „Durch das Denken des Negativen führen wir das große Potential des Positiven bewusster vor Augen. Das Positive soll nicht in unserer Darstellung entstehen, sondern im Kopf unserer Zuschauer. Für uns sind Dystopien Mittel der Aktivierung des Publikums.“ Wie die Akteure, sollen sich auch die Besucher individuell mit dem Zerfall der Stadt auseinandersetzen.

Jedes Jahr ein Verfall

Das fällt nicht schwer, wenn man die eine oder andere Ruine im Stadtbild entdeckt, verfallene Fabriken oder überwucherte Parkplätze. Die geballte Ladung Verfall gibt es dann im Stück und in der begleitenden Ausstellung im gesamten Haus. Denn Citizen.Kane bietet immer mehr als „nur“ ein Theaterstück. „Diese Performance ist Teil einer dreijährigen Konzeptionsförderung“, erklärt Christian. „In den drei Jahren wollen wir uns mit dem Verfall der Stadt, der Familie und des Individuums selbst auseinandersetzen.“ Jedes Jahr ein Verfall, sozusagen. „Wir haben mit der Stadt begonnen – und die Umstrukturierungen in der Autoindustrie ließen den Gedanken, dass aus Stuttgart ein deutsches Detroit wird, sofort aufblitzen.“

Stuttgart schafft sich ab: Citizen.Kane untersucht den Verfall der Stadt. (Bild: Leo Mandl)

Widersprüche und Außenseiter

Huh, eine gespenstische Vorstellung. Aber eine, über die es sich nachzudenken lohnt. Christian nickt. „Als Theaterkollektiv wissen wir, dass aus der Krise die besten Ideen entstehen. Trotzdem ist diese Zukunftsvision auch eine Aufforderung, die positiven Errungenschaften der Menschen in Stuttgart zu erhalten und auszubauen.“ Auch den Vorwurf, das Kollektiv würde nicht viel von Stuttgart halten, weist er entschieden zurück. „Wir arbeiten und leben alle sehr gern in Stuttgart. Uns interessiert aber eben auch das Unterbewusste der Stadt. Die Dinge, die falsch laufen und nicht ausgesprochen werden. Uns interessieren Widersprüche und Außenseiter.“ Und das zeigt auch der Name Citizen Kane. Benannt hat man sich nach dem Filmklassiker von Orson Welles, in dem es um Aufstieg und Fall des Magnaten Charles Foster Kane geht.

Im Rotlichtviertel

Seit 2014 arbeitet das Kollektiv, heute besteht es aus den Künstlern und Künstlerinnen Andrea Leonetti, Isabelle von Gatterburg, Sarah Kempin, Christian Müller, Jonas Bolle, Jürgen Kärcher und Simon Kubat. Gastkünstler nicht mitgerechnet. Dass das Kollektiv gern an besonderen öffentlichen Orten spielt, hat zweierlei Gründe. Erstens, sagt Christian, können öffentliche Orte „nicht ihre Geschichte verschweigen“. Und zweitens ist ein dauerhafter Spielort, der als Art Keimzelle für weitere Forschungen dienen würde, bislang noch nicht gefunden. Bis es so weit ist, durchleuchten sie halt einfach weiter die Stadt, spielen im Rotlichtviertel, in riesigen Industriehallen, unter freiem Himmel. Oder eben in Häusern, die bald schon abgerissen und dann für immer verschwinden werden.

Zur Webseite des Kollektivs: www.citizenkane.de

Titelbild: Alexander Wunsch

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