Kolumne: Studieren mit Depressionen

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal geht es um Studieren, fehlende Anwesenheitspflicht und neue Gesichter.

Bremerhaven/Stuttgart – Das zweite Semester begann und ein neuer Vorlesungsplan bringt wieder Routine in den Alltag. Manchmal läuft alles gut und dann kommt die Traurigkeit unerwartet in schweren Schritten durch die Tür. Der Balanceakt fordert alle meine Kraftreserven, an manchen Tagen siegt die Apathie.

Langsam schleicht sich der Frühling ein

Am schwierigsten ist es die Gefühle in Worte zu fassen und fair zu kommunizieren. Auch wenn man offen mit seinen Problemen umgeht, falle ich manchmal in ein tiefes, schwarzes Loch und dann ist es schwer außenstehenden Personen zu sagen, was eigentlich los ist. Ich gehe wieder in die Uni, sehe alte und neue Gesichter und bin eigentlich noch sehr mit mir selbst beschäftigt. Neue Dozenten bedeuten neue Eingewöhnung. Kennenlernen, präsent sein, Abgaben einhalten.

Die Tage werden länger und mein Vitamin-D-Haushalt wird sich bald wieder selbst regeln. Ich versuche fair zu mir selbst zu sein und meine Ruhepausen einzuplanen. Ich werde oft gefragt, wie das eigentlich so ist mit dem Studieren und den Depressionen. Geht das überhaupt? Wie kann man seine eigene Unbeständigkeit mit einem Studium in Einklang bringen?

Prüfungsangst oder depressiv?

Vor allem ist es Arbeit und Ehrlichkeit. Es ist wichtig nicht nur sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, sondern auch dem Umfeld. Studieren erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen. Jeder Student kennt die stressigen Phasen, die Klausuren, die Abgaben. Das lässt sich allerdings einplanen. So eine depressive Episode lässt sich nicht einplanen.

Und wenn diese dann vor einer Klausur an die Tür klopft, ist das wie eine mittelschwere Grippe. Sich dann allerdings einzugestehen, dass es okay ist Zuhause zu bleiben, ist mindestens genauso schwer. Außerdem, wo beginnt Prüfungsangst und wo Lethargie? Es ist ein Drahtseilakt bei dem ich jedes Mal neu erörtern muss, was eigentlich gerade los ist.

Konfettiregen fürs Stolzsein

Trotz allem bietet ein Studium Freiraum. Man kann Therapietermine flexibel legen und den Lernstoff im Bett nacharbeiten. Fehlzeiten kosten nicht gleich das ganze Studium und viele Unis bieten Unterstützung, psychologische Beratung und Nachteilsausgleiche an.

Mit psychischen Hindernissen eignet man sich Strategien an, man fordert sich selbst immer wieder aufs Neue heraus und wenn man Dinge schafft, ist der Stolz besonders groß. Studieren und krank sein schließt sich nicht unbedingt aus. Ein großer Konfettiregen gilt allen, die sich so mutig durch den Alltag kämpfen.

(Titelbild: Unsplash/Sarah Noltner)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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