Kim Hoss und ihre Podcast-Oma

Zwischen Kim Hoss und Oma Inge liegen 61 Jahre: Das sind sechs Jahrzehnte, viele Geschichten und Lebensweisheiten. Gemeinsam nehmen sie die Podcast-Oma auf.

Stuttgart – „Ich hätte nicht gedacht, dass sich jemand dafür interessiert“, lacht Inge, während sie in den zusammengehefteten Hörerkommentaren der Podcast-Oma blättert. Diese druckt ihr Kim nämlich jede Woche gesammelt im A4-Format aus. Egal ob auf iTunes oder Instagram – die Resonanz ist groß und das Geschriebene zum Teil sehr rührend verfasst. „Letztens habe ich den Kommentar einer Frau gelesen, die schrieb, dass ich sie an ihre Oma von der Küste erinnern würde, die leider nicht mehr lebt. Da sind mir die Tränen gekommen. Aber ich bin auch sehr nah am Wasser gebaut.“

Die Podcast-Oma

Warum die Gespräche der beiden sowohl bei Jung und Alt einen Nerv treffen? Kreativkopf Kim vermutet: „So viele Menschen sind mit ihren Großeltern aufgewachsen, die heute vielleicht nicht mehr da sind. Sie erinnern sich beim Hören gerne wieder zurück. Außerdem war das damals eine ganz andere Zeit, die uns heute sehr fremd erscheint und über die wir mehr erfahren wollen.“

Das spiegelt sich auch im Ton der Kommentare wider. Mit 10,2k Followern wird die Instagramerin natürlich auch des Öfteren mit Kritik und negativem Feedback konfrontiert. Für die Podcast-Oma Inge gab es bisher jedoch ’no hate‘. „Ich finde es gut, wie respektvoll mit den Geschichten und Äußerungen meiner Oma umgegangen wird. Auch wenn ich manche Sachen rausschneiden musste…“, lacht Kim. „Na zum Glück“, ruft Oma Inge. „Im Nachhinein denke ich mir oft, wenn ich aufgeregt war: Was habe ich denn da für Quatsch erzählt?“

„Hey Oma, lass einen Podcast machen!“

Die Idee einen Podcast zu machen kam bei Kims wöchentlichen Besuch in Stammheim – nein, nicht im Gefängnis. „Ich war bei meiner Oma zu Hause und hatte Lust mit ihr unseren Stammbaum aufzuzeichnen. Wir saßen gemeinsam auf der Couch und als ich dann die verschiedenen Familienmitglieder aufschrieb, kam meine Oma ins Erzählen… von ihrer Schwester, die mit zwanzig unehelich schwanger wurde und zu Hause rausflog oder wie oft sie in ihrem Leben schon flüchten und die Heimat hinter sich lassen musste. Ganz ohne Hintergedanken, habe ich dann auf Aufnahme gedrückt und es mir Zuhause zusammen mit meinem Freund noch einmal angehört. Das ging uns so nahe, dass ich meiner Oma gleich geschrieben habe: Ich komme morgen und wir müssen etwas ausprobieren. Als ich ihr dann am nächsten Tag erklärte, dass ich gern einen Podcast mit ihr machen möchte und dass es so etwas wie ein Hörspiel ist, war sie sofort Feuer und Flamme.“

Zusammen nahmen Kim und die 92-jährige Inge die ersten zwei Folgen auf. Danach präsentierte die 31-jährige Kommunikationsdesignerin die Ergebnisse ihrer Instagram-Community. „Die Resonanz war überwältigend. Damit habe ich nicht gerechnet.“

Oma Inge 1956 mit 30 Jahren.

Tipps von Oma Inge

Meistens unterhalten sie sich zwischen 15 und 30 Minuten – zumindest im Podcast. Dabei wird getrunken, gesnackt und manchmal auch „geveschpert“ – deswegen sind gelegentliche Kaugeräusche inklusive. Einen genauen Spielplan haben Kim und Oma Inge nicht: „Meistens sage ich ihr erst am Mittwoch, worüber ich heute mit ihr sprechen will. Wenn ich ihr das vorher schon verrate, macht sie sich eh immer viel zu viele Gedanken. So ist das entspannter und kommt authentischer rüber.“

Bisher ging es im Podcast um Themen wie Oma Inges Vergangenheit, Damenhygiene oder Verhütung. Auch wenn sie vorher noch nie so ausführlich über Dinge wie die Pille, Sex oder die Periode miteinander gesprochen haben, unangenehm war es den beiden nicht –  „Ist ja auch etwas ganz Normales“, kontert Inge (und hat damit natürlich recht).

Von den Hörern kommen immer wieder neue Themenvorschläge: „In der Tat würden sich viele wünschen, dass Oma auch mal über Erziehung spricht“, sagt Kim. Inge überlegt kurz: „Das Wichtigste ist, ein Kind mit Liebe großzuziehen. Ich könnte darauf nur antworten, dass man ihnen das Leben vorleben muss.“

Einander schätzen

Fragt man Kim, was sie an ihrer Oma Inge schätzt, sagt sie: „Ich schätze an dir, dass du noch so fit bist in deinem Alter. Das ist gar nicht selbstverständlich. Und außerdem schätze ich sehr, dass du dich nicht vor neuen Sachen verschließt, sondern immer noch Lust hast Dinge für dich zu entdecken. Das ist toll.“

Und Oma Inge? „Ich schätze dich überhaupt“, antwortet die 92-Jährige. „Ich finde es schön, dass du so offen und ehrlich bist, zu mir kommst und dich mit mir hinsetzt. Das hätte ich nie mit meiner Oma gemacht.“

Mit ihrem Podcast will Kim nicht nur Omas Geschichte festhalten, sondern auch andere Enkel ermutigen, sich für die Großeltern einfach mal Zeit zu nehmen. Und hört man den beiden so zu, ist es wohl nicht verwunderlich, dass ich nach diesem Interview die Nummer meiner Großeltern im Handy gewählt habe.

Oma Inge und Kim Hoss

Die Podcast-Oma findet ihr bei Spotify, iTunes und auf der Webseite.

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