Kaan Bulak im Interview: „Musik ist intuitiv“

Am Freitag spielt der in Stuttgart aufgewachsene Komponist Kaan Bulak das Eröffnungskonzert auf dem PODIUM Festival Esslingen und präsentiert dabei zum ersten Mal eines seiner neusten Stücke – eine elektroakustische Komposition, die zwei Klangwelten in sich vereint. Mit uns hat der 27-Jährige vorab über Genregrenzen, Intuition und Freiheit gesprochen.

Stuttgart – „Musik wie sie will“: 2009 als kleines, alternatives Kammermusikfestival gegründet, hat sich das PODIUM Festival in Esslingen in den vergangenen zehn Jahren zu einer vielseitigen Spielwiese für zeitgenössische Musik entwickelt. Genreschubladen und Klischees sind hier fehl am Platz – ebenso wie musikalische Grenzen. Einer, der in seinen Stücken die Trennlinie zwischen den akustischen sowie elektronischen Klängen erforscht, ist Kaan Bulak.

Am Freitag spielt der Wahlberliner eine Komposition, die im Rahmen des PODIUM Fellowship-Programms #bebeethoven entstanden ist. Ein Projekt, bei dem sich 12 Künstler anlässlich des Beethoven-Jubiläums im Jahr 2020 mit den zentralen Fragen des Musikschaffens im 21. Jahrhundert beschäftigen. Wir sind dem einmal vorangegangen und haben mit dem 27-jährigen Komponisten über die Bedeutung seiner Musik gesprochen.

Aufgewachsen in Istanbul und Baden-Württemberg, verbrachte Kaan den Großteil seiner Kindheit und Jugend in Stuttgart. Hier nahm er Klavierunterricht bei Andrej Jussow, lernte später Gitarre und gründete seine erste Band – spielte im Keller Klub und Co. Nach seinem Abitur schrieb sich der 27-Jährige in Köln für den Studiengang Wirtschaftsmathematik ein. „Ich wollte mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingestehen, dass ich Vollzeitmusiker sein will.“ Die Idee dahinter: Etwas solides zu studieren, mit dem man Geld verdienen kann, um sich am Ende das Musikmachen leisten zu können.

„Ich musste es eben erst einmal ausprobieren, um zu sehen, dass ich es nicht will“

Es folgten einige („weniger erwähnenswerte“) Bandprojekte, die sich jedoch nach einiger Zeit immer wieder auflösten. Kaan erkannte, dass er mit den Bandkollegen musikalisch nicht das umsetzen konnte, was er sich ursprünglich vorgestellt hatte. „Ich musste es eben erst einmal ausprobieren, um zu sehen, was ich nicht will“, lacht er heute. Gleiches gilt übrigens für das Studium, das er erfolgreich abbrach.

Die Gitarre hing er also vorerst an den Nagel und entdeckte als DJ die Welt der elektronischen Musik für sich. Am Ende tauschte er die Wirtschaftsmathematik gegen das Toningenieurstudium in Berlin. Die Beats wurden härter, die Faszination größer: „Berliner Studios sind fantastisch, um viel über die Tonproduktionen kennenzulernen. Die Produzenten sind sehr offenherzig: Das ist etwas, das in Berlin über Generationen am Laufen ist.“

Kaan Bulak: Mit Notizblock im Club

Für Kaan ist klar, dass Techno mehr beinhaltet als „Beats und Drogen“: „Im Berliner Nachtleben lernt man sehr interessante Menschen kennen, dafür muss man sich nicht abschießen.“ Warum der Club ein guter Ort zum Kontakte sammeln ist? „Es gibt keine Hierarchien untereinander. Man lernt sich hier ohne eine Rangordnung kennen.“

Zwischen all dem Trubel – der Musik, den neuen Gesichtern und Gesprächen – zieht sich Kaan auch mal mit dem Notizbuch zurück: „Ich schreibe oft in Clubs, das hat für mich schon fast etwas meditatives.“ Deswegen wundert es auch nicht, dass sein Studio über einer Feier-Location liegt – immerhin direkt an der Spree. In Berlin liegen „belebt“ und „beruhigt“ eben nah beieinander. „Man kann teilnehmen oder sich auch zurückziehen.“

Klassik aus einem neuen Blickwinkel

Erst durch den Sound Studies-Master an der Universität der Künste fand er wieder den Zugang zur klassischen Musik. Mit Alexander Jussow, dem Bruder seines damaligen Klavierlehrers aus Stuttgart, entdeckte er die Berliner Konzertsäle. „Ich zeigte ihm die elektronische Musik, nahm ihn mit in Clubs und auf Live-Sets. Im Gegenzug begleitete ich ihn auf Konzerte von Streichquartetten.“ Die beiden experimentierten in Kaans Berliner Studio, improvisierten und nahmen auf. „Mich hat Berlin zur Klassik zurückgeführt. Ich sehe die Musik aus einem ganz neuen Blickwinkel.“

Foto: Can Köroğlu

Kaan weiß, dass einige Vorurteile gegenüber der klassischen Musik bestehen. „Es gibt das Problem, dass viele Menschen Klassik als Entspannung sehen. Aber das ist es definitiv nicht. Es werden Spannungsbögen auf- und abgebaut – davon lebt die Musik.“

Außerdem werde vieles falsch interpretiert – wie etwa der „Dresscode“: „Man geht schicker in ein klassisches Konzert aus Respekt vor der Kunst, nicht weil andere mich sehen werden. Es ist eine bewusste Geste für die bevorstehende Erfahrung.“

Kaan findet, wenn man versuche die klassische Musik für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen, gehe die Intuition verloren – und genau diese Intuition sei der Hauptbegriff für alles in der Musik: „Auch wenn ich improvisiere geschieht das total intuitiv. Oft nehme ich etwas auf, höre es mir später noch einmal an und dann entsteht wieder etwas Neues“, verrät der 27-Jährige.

„Ich finde nicht, dass sich das klassische Setting ändern muss!“

Dem Publikum die klassische Musik schmackhaft machen? Für Kaan ist das der falsche Ansatz: „Zum Beispiel sind Techno und Klassik zwei Musikarten, die extrem anders funktionieren. Man darf mit einem stetigen Beat dem Orchester nicht den Raum nehmen. Leider wird das gerade oft getan, um klassische Musik zugänglich zu machen.“

Die eigentliche Aufgabe sieht er vor allem auf Seiten der Zuschauer sowie Veranstalter: „Ich finde nicht, dass sich das klassische Setting ändern muss, sondern die Menschen ihre Vorurteile ablegen sollten. Was auch an den Veranstaltern liegt, wie sie etwas präsentieren.“

Auch Steven Walter, der künstlerische Leiter vom PODIUM Festival Esslingen, vertritt diesen Gedanken: „Es kommt auf die Präsentationsform an: wenn es gelingt, unnötige Barrieren zwischen Publikum und Musik abzubauen, dann können wir mit dieser fantastischen, musikalischen Vielfalt ein junges Publikum – unsere eigene Generation – begeistern.“

Foto: SharleneDurfey

Kaan unterscheidet zwischen geschriebener und ungeschriebener Musik. Geschriebene Musik ist offen ausgelegt und wird als komponierte Partitur auf dem Blatt festgehalten. Ungeschriebene Musik wiederum ist meist improvisiert im Moment entstanden, wurde aufgenommen und muss nicht neu interpretiert werden. Sein Ziel ist es, die elektronische Musik als gleichwertiges Instrument im symphonischen Orchester zu etablieren und zeitgenössische Einflüsse der experimentellen Club-Elektronik mit einfließen zu lassen. Er sagt: „Für mich ist das eine rein logische Konsequenz, dass man im Jahr 2018 elektronische Elemente auch in der Klassik verwenden kann.“

„Elektronik kann so viel mehr und gehört genauso in die Philharmonie oder in das Konzerthaus. Aber nicht nur weil man einen jungen Abend veranstaltet, sondern weil man damit Klangkunst erschafft“, ergänzt er.

Die Musik steht im Vordergrund

Ginge es nach Kaan Bulak, sollte die Musik im Vordergrund stehen, nicht das Genre. Am Freitag spielt er das PODIUM-Eröffnungskonzert und führt zum ersten Mal mit Orchester sein neustes geschriebenes Werk „Orgelkonzert II“ in der Besetzung Orgel, Blechbläser-Quartett und Elektronik auf. Er selbst wird dabei live die Synthesizer spielen. Was man in seinen Kompositionen nie finden wird, ist ein stetiger Beat, der im selben Metrum von Anfang bis Ende durchspielt: „Die Musiker sollen nicht auf Klick reagieren und spielen ohne Kopfhörer. Ich starte in der Reaktion zu den anderen. Es wird also gemeinsam musiziert, wie das in einem Orchester so üblich ist.“

Ein Rahmen mit Potential

Als Perfektionist würde sich Kaan Bulak nicht beschrieben. In seinen Stücken lässt er den Musikern gewollt Interpretationsspielräume. Wichtig sei ihm dabei, dass die Person spielt, was sie in diesem Moment für richtig hält und nicht etwa das, was gerade gehört werden will.“

Zur Aufführung am Freitag hat er noch keine konkrete Vorstellung: „Ich kann mir nur den Rahmen vorstellen, nicht das Gemälde. Das muss im Moment entstehen.“ Sicher ist er sich aber über das Potential, welches in solch einer Komposition steckt: „Am Ende sollte man 120 Prozent rausholen, aber nicht weil man verkopft an die Sache herangeht und das beste herausholen will, sondern weil man zu Beginn die 100 Prozent falsch eingeschätzt hat. Das entsteht intuitiv im Moment.“

Mehr zum Programm findet ihr hier.

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