Julian Knoth (Die Nerven): Nach der Wahl ist vor dem Auftritt

Einer der wichtigsten Stuttgarter Musiker der letzten zehn Jahre trat für die Stadtisten bei der Gemeinderatswahl am 26. Mai an. Wie Julian Knoth, Sänger und Bassist bei den Nerven, die Stadt kulturell attraktiver machen will, hat er dem Stadtkind verraten.

Stuttgart – Julian Knoth hat den Klang der Stadt mit seiner Band Die Nerven in den letzten Jahren erheblich geprägt, um nicht zu sagen revolutioniert. Während seine Bandkollegen Max Rieger und Kevin Kuhn mittlerweile nach Berlin abgehauen sind, ist Julian immer noch hier. Nicht weil ihn nichts stört in der Stadt. Sondern weil er die Dinge, die ihn stören, besser machen will. Seit Anfang 2018 ist er deswegen Teil der Wählervereinigung Die Stadtisten, für die er am 26. Mai auch bei der Kommunalwahl kandidierte. Über seine (naturgemäß sehr kulturbezogenen) Ideen, sein Engagement für die Stadt und sein Leben als freischaffender Künstler hat er sich in der Mensa der Kunstakademie mit dem Stadtkind unterhalten.

Ein echt guter Haufen

Wie hast du die Wahl erlebt? Die Wahlkampagne war eine sehr spannende Zeit. Ich konnte viele tolle neue Kontakte knüpfen und viel lernen. Jetzt sitzen zwei Stadtisten im Rathaus, die Anstrengungen haben sich gelohnt und wir sind dankbar und glücklich.

Was sind die Stadtisten eigentlich ganz genau? Wir sind keine Partei, sondern eine Wählervereinigung. Insgesamt sind wir rund 120 Mitglieder, von denen jeder so viel macht wie er kann oder möchte. Die Stadtisten sind ein echt guter Haufen mit vielen Bezügen zur Kultur, der sich aus verschiedenen Stuttgarter Initiativen wie Occupy Villa Berg oder der S21-Opposition entwickelt hat. Wir sind alle mit dabei, weil wir etwas machen wollen. Weil wir Verantwortung übernehmen wollen. Und da ist die Kommunalpolitik eine Möglichkeit, etwas zu bewegen. Zumindest sind wir da optimistisch. (lacht)

Kämpfer für die Kultur

Du bist also Stadtist, weil du in der Stadt konkret etwas verändern willst? Ja. Aber ich traue mir eben nur zu, mich dort einzubringen, wo ich mich auskenne und gut vernetzt bin. Deswegen kommt für mich nur die Kommunalpolitik in Frage – und da eben der kulturelle Bereich. Ich versuche, mich so viel wie möglich einzubringen, was vielleicht ganz gut funktioniert, weil ich Musiker bin und mich durch Die Nerven einige Leute kennen. Das ist natürlich ein großer Vorteil.

Wir sind hier extrem anpassungsfähig, das mag ich.

Du warst auch für die Gemeinderatswahl aufgestellt, auf Listenplatz 9 der Stadtisten. Wie kamst du überhaupt zu den Stadtisten? Ich war extrem sauer! Als jemand, der Kunstschaffender ist, bin ich immer wieder mit Problemen konfrontiert. Luxusprobleme sicherlich und nicht existentiell, aber dennoch Probleme für Menschen wie mich in Stuttgart. Es gibt kaum Freiräume, es gibt immer weniger Proberäume und die Musikförderung läuft auch nicht so richtig rund. Das Popbüro macht mittlerweile vieles richtig, doch es läuft noch nicht so, wie ich mir das vorstelle. Es werden oft die gefördert, die eh schon kurz vor dem Sprung sind. Meiner Meinung nach müsste man aber deutlich dezentraler fördern. Eine sehr viel breiter angelegte Förderung, die es auch mehr Frauen ermöglicht, Musik zu machen und einen kreativen Nährboden schafft, auf dem etwas Neues entstehen kann.

Julian Knoth im Stadtisten-Look.

Wie sieht dein ideales Stuttgart aus? Das wäre ein Stuttgart, in dem sich die Hochkultur, die freie Szene und die sogenannte Subkultur gegenseitig befruchten. In dem ein reger Austausch stattfindet, von dem alle profitieren, und in dem Kunst und Kultur für alle zugänglich sind und schon in der Stadtplanung berücksichtigt werden. All das ist Teil einer lebenswerten Stadt. Dass es funktionieren würde, haben schon viele hier gezeigt: Moritz Finkbeiners Engagement etwa oder die Menschen von den Stadtlücken. Wir sind hier extrem anpassungsfähig, das mag ich.

Werbung machen mit den Nerven

Das ist aber eher noch ein weiter Weg… Ich habe das Gefühl, dass sich Stuttgart gern mit all dem schmückt, was es in Sachen Kultur hervorgebracht hat: Mit dem Drei-Sparten-Haus, der Hip-Hop-Szene, mittlerweile auch mit uns. Aber das ist ja nur das Leuchtturmprinzip. Mir fehlt der Unterbau, der solche Kunst überhaupt ermöglicht. Deswegen finde ich es schön, dass wir uns an der Kunstakademie treffen, denn das hier ist ein solcher Ort, an dem Kunst entstehen kann. Ich wünsche mir mehr Freiheiten und Möglichkeiten für die Kunst. Damit darf sich die Stadt dann gern auch schmücken, aber zunächst muss etwas getan werden. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn auch ich habe keinen Proberaum mehr in Stuttgart: Die Nerven proben mittlerweile in Berlin…

Lobbyarbeit für Kreative

Von denen bist du als einziger hiergeblieben. Du hast die Hoffnung also nicht aufgegeben? Genau. Für mich ist es eine ganz bewusste Entscheidung, hierzubleiben. Ich bin hier verwurzelt, vernetzt und angekommen. Das galt auch für viele andere, die mittlerweile weggezogen sind, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe beschlossen, hierzubleiben. Und weil man dann nicht immer nur meckern kann, muss man was tun! Also möchte ich gern ein Lobbyist für andere Kreative sein – und zeigen, dass man auch als Außenseiter etwas auf die Beine stellen kann. Ein konstruktiver Ansatz etwas zu bewirken ist zum Beispiel die Agenda Rosenstein, die sich für ein Künstlerviertel im neu entstehenden Stadtteil einsetzt.

Ich will die Welt nicht den privilegierten weißen Männern überlassen.

Gab es eigentlich einen konkreten Anlass für dein politisches Interesse? Der starke Rechtsruck in Europa, Despoten, die Präsidenten werden… das war die erste Motivation, mich zu engagieren. Ich will nicht, dass meine Generation die Generation ist, die tatenlos zugesehen hat. Ich will die Welt nicht den privilegierten alten weißen Männern überlassen. Klar, ich weiß, dass ich eines Tages selbst einer sein werde, aber ich versuche stets, über den Tellerrand hinauszuschauen und nicht in meinen Positionen zu verharren. Und dazu zählt auch, sehr genau darauf zu achten, wie wir uns mit den Nerven in einer Band verhalten, die aus drei Typen besteht.

Wie aus Julian, dem Stadtisten, wieder Julian von den Nerven wird, kann man am Freitag, den 7. Juni, beim Sound of Stuttgart im Stadtpalais erleben. Es gibt noch Karten an der Abendkasse.

www.die-stadtisten.de

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