Jugend gegen AIDS: Wir besiegen die Krankheit!

Sie verteilen Kondome, sind doppeldeutig und reden so gar nicht politisch korrekt: Die junge Organisation „Jugend gegen AIDS“ betreibt Aufklärung an Schulen. Hinter der Provokation steckt eine ernste wie einfache Botschaft: Tu, was du willst. Aber bitte mit Liebe, Respekt und Kondomen.

Stuttgart/Hamburg – Gummis am Start? Long, long Dödel? Popper? – Die Kampagnenplakate des Vereins „Jugend gegen AIDS“ e.V. verstecken sich nicht hinter Worthülsen. Sie sind grell, bunt und provokant. Die Jungs und Mädels hinter dem Verein haben ein Ziel: Die Krankheit AIDS beenden. Dafür leisten sie Aufklärungsarbeit – in Schulen, auf Plakaten in U-Bahnhöfen und auf allen sozialen Kanälen.

Kein erhobener Zeigefinger

„Wir gehen in die Schulen und reden über das, was im Sexualkundeunterricht nicht besprochen wird“, sagt Maximilian Wolf. Der Stuttgarter ist seit knapp zwei Jahren bei „Jugend gegen AIDS“ aktiv. Mittlerweile ist er der Pressesprecher. „Wir“, das sind die Peers des Vereins, die speziell für die Aufklärungsarbeit in Schulen ausgebildet wurden. Die Peers schaffen Vertrauen, sagt Maximilian: „Unsere Peers sind kaum älter als die Schüler selbst und dadurch entsteht eine gewisse Großer-Bruder-Atmosphäre. Erhobene Zeigefinger gibt es schon genug.“

Das Wort „AIDS“ tragen sie im Namen. Bei ihrem „Projekt Positive Schule“ thematisiert die Organisation aber auch andere Geschlechtskrankheiten und vermittelt vor allem eines: Liebe deinen Körper und setz dich mit ihm auseinander. Alles nach ihrem Motto „Do what you want. Do it with love, respect and condoms.“

Von Hamburg bis nach New York

Zurück auf Anfang. Hamburg, 2009. Eine Gruppe von Schülern will anlässlich des Welt-Aids-Tages etwas bewegen. Sie verkaufen Schleifen, eine Menge Schleifen, und sammeln so insgesamt 20.000 Euro Spenden ein. Das Geld wollen sie an die AIDS-Stiftung des früheren Tennisprofis Michael Stich übergeben. Doch der lehnt ab. Das Geld hätten sie alleine gesammelt, also dürften sie jetzt auch alleine darüber entscheiden.

Die Schüler beschließen, einen Verein zu gründen. „Zuerst hielten sie in Schulen klassische Aufklärungsvorträge anhand von Wikipedia-Einträgen“, erzählt Maximilian. Innerhalb kürzester Zeit wurde das Projekt deutschlandweit bekannt. Heute wird „Jugend gegen AIDS“ von Politikern und Unternehmen wie Starbucks, Levis und Lovoo unterstützt. Im März stellten die Jungs ihre Idee auch im Facebook-Büro in New York vor – und dürfen sich jetzt offizieller NGO-Partner des sozialen Netzwerks nennen.

„Kann man Gummipuppen schwängern?“

Auch in Stuttgart ist der Verein immer wieder aktiv. 2016 verkaufte die Band Fanta 4 auf ihrer Tour 2016 Fan-Shirts, die in Kooperation mit „Jugend gegen AIDS“ entstanden. Bis heute arbeiten alle knapp 60 Mitglieder des Kernteams komplett ehrenamtlich: „Wir sind Schüler, Studenten, Auszubildende, Berufstätige aus ganz Europa – ein bunt gemischter, junger Haufen“, sagt Maximilian. Das älteste Teammitglied ist erst 26 Jahre alt.

Junge, moderne Aufklärung – braucht man das im Jahr 2018 überhaupt noch? „Uns fällt auf, dass es eine große Diskrepanz gibt zwischen dem Grad, zu dem sich die Schüler aufgeklärt fühlen und dem, was sie wirklich wissen“, so der 24-Jährige. Damit meint er nicht nur die Schocker-Fragen, die öfter mal kommen, zum Beispiel: Kann man eine Gummipuppe schwängern? Vielmehr finde AIDS in den Köpfen der jungen Leute einfach nicht mehr statt: „Max Mustermann sitzt in der ersten Reihe und denkt beim Wort AIDS an drei Dinge: Drogen, schwul und Afrika. Die Krankheit ist von seiner Lebenswelt gefühlt ganz weit entfernt.“

Syphilis nimmt in Deutschland wieder zu

Dabei ist HIV weiterhin ein gesundheitliches Thema in Deutschland. Die Zahl der Neuinfektionen ist in den letzten Jahren zwar nicht angestiegen, aber auch nicht gesunken. Ende 2016 lebten in Deutschland rund 88.400 Menschen mit HIV, so die Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Die Zahl der neu gemeldeten Syphilis-Erkrankungen hingegen nimmt in Deutschland seit 2010 wieder deutlich zu. „Wir sehen das als Bestätigung, dass das, was wir tun, wichtig ist“, sagt Maximilian Wolf.

In Zukunft will der Verein seine Aufklärungsarbeit umgestalten: Statt Peers, die in die Schulen kommen, sollen in jedem Bundesland sogenannte „Academies“ eingerichtet werden. Dort werden jeweils ein Junge und ein Mädchen einer Schule zu Aufklärungsprofis ausgebildet und bringen die Inhalte zurück in ihre Klassen. Auch in Stuttgart soll es bald eine „Academy“ geben.

„Jugend gegen AIDS“ wird international

Die Jungs und Mädels sind noch lange nicht am Ziel. Der nächste Meilenstein lautet Internationalisierung: Als großen Startschuss will „Jugend gegen AIDS“, oder international besser „Youth against AIDS“, 300 Freiwillige zur Internationalen Aids-Konferenz schicken. Die findet vom 20. bis 27. Juli in Amsterdam statt. Um das zu finanzieren, wurde eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, mit der 500.000 Euro gesammelt werden sollen. „Natürlich sind AIDS und andere Geschlechtskrankheiten in Deutschland immer noch ein wichtiges Thema. In anderen Ländern der Welt ist das Problem aber noch viel drastischer. Dort werden wir konkret helfen“, so Maximilian Wolf. Bis 20. Mai können sich junge Leute für den Trip nach Amsterdam bewerben.

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