Ist das noch Liebe oder schon Sex?

Unsere „Schnaps oder Liebe“-Autorin muss sich wundern. Über Gesten der Liebe, die in der Öffentlichkeit stattfinden. Aber eigentlich ins Schlafzimmer gehören.

Stuttgart – Lasst uns über öffentliche Liebesbekundungen reden! Das ist ein Minenfeld. Mit ziemlich vielseitigen Granaten. Der Klassiker aus Hollywood ist wohl, als Trauzeuge bei der Rede zur Feier des Brautpaares den Pokal mal eben selber nach Hause zu holen und um die Hand der Angebeteten anzuhalten. Es geht aber auch alltäglicher. Und alle so: yeah, Knutschen!

Blau anlaufen statt Schamesröte

Auch da – du kannst dich küssen. Oder du kannst dir denken, dass du schon immer mal mit deiner Zungenspitze das Zäpfchen des anderen erkunden wolltest. Hau den Lukas für Amors Anhänger. Ehrlich, mir kann niemand erzählen, dass so ein Dementorenkuss in der Öffentlichkeit was Schönes ist. Nicht mal Zuhause würde ich mich diesem hingeben – geschweige denn ihn auch noch genießen können. Auch wenn der Partner nicht wirklich ein Dementor ist und dir dementsprechend auch nicht das Leben aussaugt. Eigentlich will er dein Gesicht essen. Bin ich mir ziemlich sicher.

Ok, weiter geht’s in der Unmöglichkeit der öffentlichen Liebesbekundungen. Es folgt ein Klassiker, wenn auch ein sehr subtiler. Und trotzdem stößt er mir sauer auf: die Hand, die in der hinteren Hosentasche des anderen steckt. Also ein Arm in Arm laufen in der extended version. Das kann doch nicht bequem sein? Also weil Arm in Arm zu laufen ist schon anstrengend nach einer Weile. Und zugegeben, das waren dann sicher zwei tolle Minuten. Aber dann noch die Arme in anstrengend gestreckter Position, die Handinnenflächen nach vorne verdreht. Das muss doch krampfen. Und wenn ich dann noch an Skinny Jeans und ihre sehr enge Passform denke – da weicht selbst aus meinen Fingern das Blut.

Squeeze here

All diese Beispiele sind gar nichts, wirklich gar nichts im Vergleich zu dem, was ich am Wochenende beobachten durfte. Musste. Zufällig gesehen habe. Wie auch immer. Es stand ein Pärchen im Raum und bis zu diesem Zeitpunkt war es ihnen toll gelungen, die im Minenfeld versteckten Granaten zu umgehen.

Bis sie sich drehte und mit ihm zugewandtem Rücken vor ihm stand. Er streckte die Arme nach vorne, unter ihren Armen hindurch. Ich dachte noch: Jetzt umarmt er sie von hinten. Und vielleicht haucht er ihr noch einen Kuss auf die Wange. Das ist schön! Damit gewinnt man das Rennen in jedem Minenfeld. Aber seine Hände machten nicht etwa am Bauch Halt, verschränkten sich auch nicht, um sie vielleicht ein wenig an sich zu drücken. Dafür drückten sie etwas anderes. Ihre rechte Brust. Ganz genüsslich in zwei Drückern. Kurz hintereinander. In einer vollen Bar. Mit zahlreich anwesenden, potenziellen Zeugen. Und sie ließ es geschehen. Ihr Gesicht zeigte, dass es ihr vermutlich auch gefallen hat. Klar, an und für sich betrachtet läuft das unter erogene Zonen und da geht’s dann schon auch ab. Aber nicht in der Öffentlichkeit. Bitte.

Wieso reicht es denn nicht mehr, sich an der Hand zu halten? Zu umarmen oder dem anderen einen einfachen Kuss zu geben. Wo sollen wir denn da die Grenze ziehen? Ein letztes Küsschen auf den Penis und los geht’s? Ist das noch Liebe oder schon Sex? Ich sag es euch, diese Pornos versauen einem alles. Sogar kleine Gesten, die etwas so Schönes zum Ausdruck bringen wollen: Liebe.

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

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