So lebt es sich als internationaler Studi in Stuttgart

Für die Liebe, wegen eines Autos oder als spontane Entscheidung kamen drei Studierende aus dem Ausland nach Stuttgart. Wie unterscheidet sich die neue von der alten Heimat?

Stuttgart – Wen schon ein Urlaub im Ausland stresst, kann sich von diesen drei internationalen Studis eine Scheibe abschneiden: Für die Uni sind sie etliche Kilometer von ihrem Heimatland weggezogen. Wie es ihnen mittlerweile im Kessel gefällt, was sie vermissen und welche deutschen Eigenarten sie immer noch nicht verstehen, erzählen sie hier.

Viktoria Schwebel aus Odessa, Ukraine

26 Jahre alt, studiert Werbung und Marktkommunikation an der HdM Stuttgart

Internationaler Studi Viktoria Schwebel in Stuttgart

„Ich bin für die Liebe nach Deutschland gekommen. Mein Mann lebt hier. Er ist auch aus der Ukraine aber schon seit 17 Jahren in Stuttgart. In meiner Heimat habe ich schon einmal studiert. Jetzt mache ich mein Zweitstudium an der Hochschule der Medien. Aber es ist wieder alles neu, ich bin sozusagen wieder die junge Studentin. Fürs Studium habe ich sechs Monate einen Sprachkurs gemacht. Ich hatte damals nicht viel Zeit wegen der Änderung der Studiengebühren. Mittlerweile sind die für Ausländer viel höher und ich hatte Glück, dass ich noch mit dem alten Gesetz studieren konnte.

Die Sprache gefällt mir, sogar besser als Englisch. Die Struktur ist ähnlich wie in der ukrainischen Sprache. Und den Wortschatz finde ich auch sehr leicht, sogar, wenn du das Wort nicht kennst. Zum Beispiel: „Auto“ plus „Bahn“ ergibt „Autobahn“. An der Uni wollte ich natürlich alle Prüfungen gleich beim ersten Versuch bestehen. In der Ukraine war ich immer die Beste. Hier ist das System aber ein bisschen anders und natürlich alles auf Deutsch. Gott sei Dank bin ich nirgends durchgefallen. Ich bin also schon stolz, aber nicht so stolz, wie ich es eigentlich sein wollte.

Als ich das erste Mal nach Stuttgart kam, war ich positiv überrascht. Die Müllordnung, die Regeln, die Tickets und alles ist sauber und grün. Bei uns gibt es so viele Fragen. Zum Beispiel ist es für Behinderte oder Mütter mit Kindern unmöglich im Bus durch die Stadt zu fahren. In Odessa kann man auch nicht neben dem Haus parken und wir haben keine unterirdischen Parkhäuser, weil wir Katakomben haben. Deshalb gibt es auch keine S-Bahn. Insgesamt ist es hier sicherer. Es ist bequemer. Es ist unkomplizierter. Wenn man arbeitet kann man einfach leben. Bei uns geht das nicht. Wenn man arbeitet muss man noch einen Nebenjob haben, um die Familie zu ernähren. Deshalb ziehen viele junge Leute wieder zurück aufs Dorf.

Wenn mein Mann bleibt, dann bleibe ich natürlich auch in Stuttgart. Ich will in einen Job einsteigen. Und für meine Tochter gibt es hier mehr Möglichkeiten. Odessa bleibt immer in meinem Herzen, genauso wie die Ukraine. Jetzt haben wir dort einen neuen Präsidenten. Hoffentlich ändert sich dann etwas und ich kann stolz auf mein Land sein. Vielleicht werde ich irgendwann später zurückgehen, aber hier kann ich auch glücklich sein.“

Omar Makni aus Sfax, Tunesien

24 Jahre alt, studiert Mechatronik im Master an der Uni Stuttgart

Internationaler Studi Omar Makni in Stuttgart

„Mein Opa ist immer Mercedes gefahren, als ich klein war. Einmal habe ich ein Automagazin mit einem schicken Wagen darauf gekauft und gesagt: „Das Auto ist viel besser als deins“. Mein Onkel hat mir dann erklärt, dass das ein Porsche sei und der in Stuttgart gebaut wird. Dann habe ich gedacht: „Ja, da will ich hin.“

Um in Tunesien Ingenieur zu sein musst du zwei Jahre lang in die Vorbereitungshochschule. Danach gibt es einen Wettbewerb und die Besten gehen zu den besten Hochschulen. Ich wollte diese Vorbereitung machen, aber dann hat mir mein Vater gesagt: „Ich habe die auch gemacht und das war keine tolle Erfahrung. Du wirst viel Theorie lernen, die du nicht brauchst, mach am besten direkt das, was du willst.“ Und da bot sich das deutsche System ganz gut an.

Viele Sachen waren anfangs komisch. Zum einen die deutschen Supermärkte, die sehr klein sind im Vergleich zu den tunesischen. Der größte, den ich hier gesehen habe, entspricht einem Standardsupermarkt in Tunesien. Außerdem, dass alles am Sonntag zu ist – blöd. In der Bahn ist hier jeder für sich alleine. Bei uns sprichst du die Menschen an. Hier finden es die Leute komisch, wenn ich mich zu ihnen setze und mit ihnen rede. Ich will ja nichts, ich will nur ein bisschen quatschen während der Fahrt. Anfangs habe ich das auch mal versucht, aber die Leute hatten glaube ich Angst.

Ich habe das Gefühl, die Tunesier passen mehr auf die anderen Leute auf als hier. Zum Beispiel habe ich einmal eine ältere Dame gesehen, die ausgerutscht ist und viele Leute sind einfach weitergelaufen. Das wäre in Tunesien nie passiert. Obwohl ich schon glaube, dass die Leute hier insgesamt weniger egoistisch sind. Man denkt an die Gemeinde. Bei uns nimmt das stetig ab. Ich vermisse meine Familie. Aber zu Tunesien fühle mich ein bisschen entfremdet, wenn ich dort bin. Nach der Revolution merke ich auch mehr soziale Unterschiede. Die Spanne zwischen arm und reich hat sich sehr erweitert.

Wenn ich fertig mit der Uni bin, würde ich hier gerne erst mal zwei, drei Jahre arbeiten. Danach will ich ins Ausland: in die USA oder nach Japan. Stuttgart ist eine Stadt, in der ich wohne und ich würde gerne auch hierbleiben. Trotzdem kann ich Stuttgart nicht als meine Heimat bezeichnen – obwohl ich die Stadt sehr, sehr liebe.“

Noemi Foldesi aus Budapest, Ungarn

28 Jahre alt, studiert Computational Linguistics im Master an der Uni Stuttgart

(übersetzt aus dem Englischen)

Internationaler Studi Noemi Foldesi in Stuttgart

„Ich habe meinen Bachelor in Ungarn gemacht, dort gab es aber keinen Master, der mich interessiert hätte. Also bin ich erst einmal nach London gegangen, um dort zu arbeiten und mir Geld anzusparen für ein Masterstudium in Schweden. Während meines Studiums habe ich ein Auslandssemester in Stuttgart gemacht und dann festgestellt, dass ich es dort viel lieber mag und auch das Programm besser finde. Das Bildungsniveau kann man einfach nicht vergleichen. Also habe ich in Schweden abgebrochen und hier neu angefangen.

Am Anfang bin ich ins Wohnheim gezogen. Ich habe mir das laut und chaotisch vorgestellt, aber eigentlich war alles total ordentlich und alle Studis haben sich benommen. Damals, als ich noch gar kein Deutsch gesprochen habe, fand ich es echt nicht so leicht, Freunde zu finden. Aber ich hatte Glück, dass mein Masterprogramm international ist. Da sind einige Leute dabei, die sich hauptsächlich auf Englisch verständigen.

Ich mag Deutschland, weil die Kultur recht nah an meiner eigenen ist. Auch das Essen und das Wetter sind fast gleich. Hier ist es außerdem total sicher. Ich kann jederzeit überall rausgehen und fühle mich nie unsicher. Und ich mag, dass es hier Ansätze gibt wie Foodsharing oder, dass etwas gegen Leerstand getan wird. Ich finde das super wichtig und ich glaube nicht, dass wir sowas auch in Ungarn haben.

Aber diese deutsche Bürokratie, sowas habe ich echt noch nie gesehen. Teilweise musste ich für etwas sieben Formulare ausfüllen. Warum das nötig ist, verstehe ich nicht ganz.

Nach dem Master würde ich gerne einen Ph.D., also den Doktor der Philosophie machen. Den mache ich, wo immer sie mich annehmen. Zurück nach Ungarn will ich eher nicht, aber nur, weil ich total gegen die aktuelle politische Unruhe dort bin. Ansonsten bin ich ziemlich offen für alles im Ausland.

Im Moment würde ich sagen, dass London mein Zuhause ist. Dort habe ich die meiste Zeit meiner 20er verbracht. Mein Freund wohnt außerdem in London und auch viele meiner Freunde. In den Semesterferien suche ich mir immer Arbeit dort. Ich mag diese Aufteilung: Studieren in Stuttgart und Arbeiten und das Zuhause in London.“

(Fotos: Sabrina Höbel)

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