„Antiflirting“: Stuttgarterin veröffentlicht übergriffige Chatverläufe

Seit dem Sommer 2019 steht Kims Leben plötzlich ein kleines bisschen mehr im Rampenlicht als sonst. Denn die in Wien lebende Stuttgarterin betreibt mit ihrer Freundin Caro eine der angesagtesten feministischen Instagram-Seiten der Stunde: antiflirting. Was sie dazu bewegt hat und warum ihr das Thema so wichtig ist, hat sie uns beim Treffen in Wien verraten.

Wien/Stuttgart – Seit 2017 lebt Kim in der österreichischen Hauptstadt und fühlt sich beflügelt von der aktivistischen Energie, die um Themen wie Rassismus, Sexismus oder Feminismus zu spüren sind. In ihrem Leben war sie häufig selbst mit Übergriffen konfrontiert und versucht jetzt mit ihrem eigenen Aktivismus andere Menschen zu sensibilisieren. Ihr Ziel, damit immer mehr Menschen erreichen zu können, gelingt ihr allmählich. Denn ihr Instagram Kanal antiflirting trifft den Zeitgeist! Mittlerweile wurde der erste Kanal von Instagram gesperrt, es habe sich um einen Verstoß der Richtlinien gehandelt. „Deshalb kann die Sperre nicht aufgehoben werden.“ Aber: Gute Nachrichten gibt es trotzdem, denn beim zweiten Account sei die Sperre ausgeschlossen. Es gibt Rückenwind von den Insta-Zuständigen – und das tut gut.

„In der Schule kam es häufig vor, dass man mich die ‚Quoten-Inderin‘ nannte“

Jetzt aber zum Wesentlichen: Vieles beginnt in der Schulzeit. Aufgrund des Migrationshintergrunds ihrer Eltern wurde Kim schon früh mit rassistischen Äußerungen konfrontiert. „In der Schule kam es häufig vor, dass man mich die ‚Quoten-Inderin‘ nannte“, erzählt die 22-Jährige. „Das war einfach normal“. Ihre Mutter stammt aus Polen, ihr Vater immigrierte aus Bangladesch nach Deutschland.

Diese Erfahrungen begleiten sie bis heute. Da sie zudem als Frau auch vermehrt sexuell-übergriffigen Situationen im Netz sowie im Alltag ausgesetzt ist, beginnt sie etwas dagegen zu tun. Nachdem sie aus Stuttgart nach Wien gezogen war, um Theaterwissenschaften zu studieren, kam sie durch das Studium in Kontakt mit feministischem Aktivismus und lernte mehr über den sensiblen Umgang mit Themen wie Rassismus und Sexismus.

Die Auseinandersetzungen mit zwischenmenschlichen Verhaltensmustern verleitete sie zu öffentlichen Statements über ihren privaten Instagram-Account, wodurch sie Caro kennenlernt und mit ihr eine gemeinsame Sache plant. Nämlich: Fehlverhalten im Netz aufzudecken!

Eines wollen sie aber nicht: Einen Shitstorm gegen die Personen auslösen, die gegen den Online-Knigge verstoßen, sondern auf ein generelles Fehlverhalten in der Kommunikation hinweisen. Die Chatverläufe, die sie auf antiflirting „leaken“ sind immer anonymisiert und geben lediglich die übergriffigen, beleidigenden und sexistischen Phantasien der Verfasser und Verfasserinnen preis.

„Bist du ’ne Feministen-Schlampe oder normal?“

Es sollte so normal wie verständlich sein, dass man die Personen so respektiert, dass man sie nicht belästigt. Doch häufig kommt es bei Plattformen wie Tinder oder Instagram, aufgrund der anonymen Kommunikation, zu Grenzüberschreitungen. „Übegriffigkeit findet nicht nur von Männern statt. Auch Frauen oder Personen anderen Genders können übergriffig sein“, will Kim gleich zu Beginn anmerken. Doch die Zahl von männlichen Übergriffen sei in ihrem Leben eben hoch.

Sie lässt die ungefragten Dickpics auf Instagram und sexistischen Anmachen auf Tinder jetzt nicht mehr einfach so stehen, sondern macht, wie derzeit kaum jemand, auf das Problem aufmerksam. Dadurch ernten die beiden Frauen zwar viel Lob und Medienrummel aber auch Kritik. Doch das nimmt sie in Kauf und ist sich durchaus bewusst, dass man viel Gegenwind bekommt, wenn man Menschen aus ihrer Komfortzone heraus mit Themen konfrontiert, die sie bisher nicht interessiert haben. 

In der Zwischenzeit war der Kanal, aufgrund unbekannter Vorwürfe gegen sie, sogar gesperrt. Kim und Caro riefen ihre Follower über den neugegründeten Kanal „antiflirting2„, der es in wenigen Tagen ebenfalls auf mehrere tausend Follower geschafft hat, dazu auf, diesen Sachverhalt bei Instagram zu melden. Nun ist die originale Plattform wieder online und die Follower steigen auf beiden Seiten täglich. „Bipol-Activism“ nennt man das dann wohl.

Für mehr feministischen Aktivismus in Stuttgart

Kim wünscht sich, dass sich auch in ihrer Heimatstadt Stuttgart mehr Menschen aktiver gegen Sexismus stark machen. „Wenn ich an Stuttgart denke, kenne ich kaum ein Netzwerk, das sich bei Themen wie Sexismus oder Feminismus öffentlich regelmäßig stark macht“, sagt sie. Einerseits stimmt das, andererseits gibt es jedoch einige nennenswerte Initiativen, wie das FF*GZ (Das Feministische Frauen*gesundheitszentrum Stuttgart e.V), das Queerfem-Forum oder die Queerdenker. Doch die Anzahl der Menschen, die sich daran aktiv beteiligen, ist noch immer zu gering.

Kim plant deshalb in naher Zukunft einen Networking-Abend, an dem sich interessierte Menschen zusammenfinden können, um sich kennenzulernen und gemeinsame Aktionen zu planen. Wann und wo, erfahrt ihr bald auf dem Instagram-Channel von antiflirting.

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